Bad Aibling – Ein Schlaganfall kann jeden treffen, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener. „Keiner möchte sich damit beschäftigen, einmal krank zu werden“, räumt Professor Jahn ein. Umso wichtiger ist es, sich ins Bewusstsein zu rufen, wie schnell ein gesundes Leben von einem Augenblick auf den anderen eingeschränkt werden kann.
Der „Tag gegen den Schlaganfall“, der 10. Mai, ist Professor Jahn zufolge wichtig für eine umfassende Aufklärung. Sobald die ersten Anzeichen da seien, müsse sofort der Notruf alarmiert werden.
Dann zähle jede Sekunde bis zur akutmedizinischen Erstversorgung auf der Stroke-Unit. Die typischen Symptome eines Schlaganfalls wie Lähmungen, Gleichgewichts- und Gangschwierigkeiten oder eine Störung der Sprache und das Sehen von Doppelbildern sind eindeutig. Schwieriger wird es bei den subtileren Anzeichen, weiß der Professor.
„Während die einen eine ausgeprägte Sprachstörung haben, leiden andere wiederum nur unter leichten Wortfindungsstörungen sowie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen. Auch das Sichtfeld und die räumliche Orientierung können eingeschränkt sein. Gerade bei jüngeren Patienten macht sich beispielsweise bei Computertätigkeiten bemerkbar, dass die Gehirnleistung nicht mehr zu 100 Prozent vorhanden ist. Diese neuropsychologischen Defizite müssen gründlich von einem Neurologen untersucht werden“, betont Professor Jahn: „80 Prozent sind verborgene Symptome, die erst im Alltag erkennbar werden, wenn die Betroffenen aus dem geschützten Krankenhausbereich entlassen sind und sich zu Hause wieder einfinden müssen.“
Fallen ungewöhnliche oder bislang unerkannte Anzeichen auf, wird die Nachbehandlung gezielt ergänzt um krankengymnastische, ergotherapeutische, neuropsychologische oder logopädische Maßnahmen.
Das kann ambulant oder im Rahmen der Reha auch stationär erfolgen.“ Nicht zu unterschätzen sind weitergehende Folgen: „Oft ziehen Aufmerksamkeitsstörungen Gedächtnisprobleme nach sich, was emotional sehr belasten kann. Viele Betroffene zeigen neuroaffektive psychische Veränderungen, sind reizbar, ungeduldig oder ziehen sich zurück. Ein Mischsymptom ist sicherlich eine Depression.“
Dass psychische Erkrankungen als indirekte Folge mitwirken, komme Professor Jahn zufolge „überproportional häufig“ vor: „Nach einem Schlaganfall verfallen viele in ein Stimmungstief, haben keinen Antrieb oder sind lustlos.
Der veränderte Alltag schlägt nicht selten auf die Psyche, weil die Betroffenen denken, sie schaffen plötzlich nichts mehr.
Was vor der Erkrankung selbstverständlich funktionierte, stellt die Menschen jetzt vor einen ganzen Berg an Herausforderungen: Das kann eine ganz simple Situation sein, wenn das Gesicht und der Name der Nachbarin nicht mehr erkannt, zugeordnet oder erinnert werden.“
Die gute Nachricht: Solche Dinge können wieder geübt und erlernt werden. Die Gehirnfunktion des Menschen ist sehr komplex. Symptome können individuell verschieden ausfallen und die Mediziner können nicht immer alles untersuchen und müssen hinweisgebend agieren.“
Wichtige Aspekte in den Augen des Chefarztes sind Zeit und Geduld. „Gerade Angehörige müssen Rücksicht darauf nehmen, dass das Gehirn geschädigt und die Leistungsfähigkeit nicht mehr vollständig vorhanden ist. Das ist nicht einfach eine Frage von mangelnder Selbstdisziplin, sondern hat reale neurobiologische Ursachen. Gespräche und Interaktion mit Freunden wie Familie in gewohnter Umgebung helfen ungemein“, unterstreicht Professor Jahn und verweist gleichzeitig auf die Bedeutung von Erholungsphasen und Pausen, damit der Patient wieder ins Leben zurückfindet. Daher gilt es, nicht den Kopf in den Sand zu stecken: „So schnell die Akutbehandlung erfolgen muss, umso länger kann die Nachbehandlung dauern. Vieles lässt sich wieder verbessern, auch wenn es dauert, manchmal Jahre.“
Zugute kommt der Schlaganfallbehandlung in der Region, dass die Schön- Klinik Bad Aibling Harthausen seit Dezember 2024 offizieller Partner des Telemedizinischen Schlaganfall-Netzwerks Süd-Ost-Bayern (TEMPIS-Schlaganfall-Netzwerk) ist. „Zusammen mit den Standorten Rosenheim, Wasserburg und Agatharied profitieren wir von der abgestimmten Akuttherapie der Thrombektomie, einem Verfahren, bei dem verstopfte oder verschlossene Blutgefäße im Gehirn wieder geöffnet werden“, resümiert Professor Jahn.
Bei dieser Methode kommt in Bad Aibling das Flying Intervention Team (FIT) zum Einsatz: Speziell ausgebildete Fachärzte aus der TEMPIS-Zentrale des Klinikums München-Harlaching werden per Hubschrauber eingeflogen, um die Thrombektomie vor Ort vorzunehmen.
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Marina Birkhof