Wo Kinder einfach Kinder sein dürfen

von Redaktion

Die Kinderdorfhäuser in Pinswang bei Neubeuern schenken Kindern aus schwierigen Verhältnissen ein Zuhause. Möglich gemacht wurde das auch durch die große Spendenbereitschaft der OVB-Leser. Sie haben mehr als eine Million Euro für das Projekt gespendet – und geben Kindern und Jugendlichen so eine neue Chance.

Pinswang/Neubeuern – Manche Kinder haben es in ihrem Leben nicht leicht. Etwa weil die Eltern psychisch krank oder alkoholsüchtig sind oder sie selbst sexuellen Missbrauch erlebt haben. Doch was passiert, wenn die Familienverhältnisse so schwierig werden, dass ein Leben daheim undenkbar ist? Wenn das der Fall ist, bekommen Kinder in Pinswang bei Neubeuern eine Chance auf ein neues Zuhause.

Dort betreibt das Albert-Schweitzer-Familienwerk Bayern zwei Kinderdorfhäuser: das Kerbhaus und den Rosenhof. Den Grundstein dafür haben die OVB-Leser im Rahmen der Weihnachtsspendenaktion gelegt. Dieses Jahr feiert das Kerbhaus bereits 20-jähriges und der Rosenhof zehnjähriges Bestehen. Bei der Jubiläumsfeier erzählt der Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, Heiner Koch, wie das Kinderdorf entstanden ist. „Die Namensgeberin Dr. Ruth Kerb lebte damals im Rosenhof und hat sich Gedanken gemacht, was mit ihrem Grundstück passieren soll, wenn sie stirbt“, erzählt er.

Der Wunsch, ein
Kinderheim zu eröffnen

Eigene Kinder hatte die Juristin nicht. Doch bereits ihre Mutter habe sich gewünscht, einmal ein Kinderheim zu eröffnen. Ruth Kerb wollte diesen Wunsch verfolgen und ihr Grundstück einer sozialen Einrichtung zur Verfügung stellen. Dafür nahm sie Kontakt zu verschiedenen Trägern auf. Unter ihnen Heiner Koch vom Albert-Schweitzer-Familienwerk.

„Sie hat mich auf Herz und Nieren geprüft“, erinnert sich der Geschäftsführer. Ruth Kerb habe sich ein sehr genaues Bild gemacht. Daran erinnert sich auch noch Hans-Jürgen Tremmel. Er war damals Bürgermeister der Gemeinde Neubeuern. Und er war 25 Jahre bei der Polizei. Deshalb habe er gute Verbindungen zur Kriminalpolizei gehabt, erzählt er. Damals hätten viele, teils unseriöse Leute versucht, an das Grundstück von Ruth Kerb zu kommen. „Wir haben sie alle überprüfen lassen“, erinnert sich Tremmel.

Heiner Koch vom Albert-Schweitzer-Familienwerk konnte Ruth Kerb letztlich überzeugen. So wurde im Jahr 2005 das Kerbhaus errichtet. Einige Jahre später verstarb Ruth Kerb und vermachte dem Verein auch den Rosenhof, in dem sie bis zu ihrem Tod gelebt hatte. Dieser wurde aufwendig renoviert. „Den Grundstein dafür legte die Weihnachtsspendenaktion des OVB“, sagt Koch. Die OVB-Weihnachtsspendenaktion läuft seit 2025 unter der Dachmarke „HeimatLichter“. Beim ersten Spendenaufruf für die Kinderdorfhäuser im Jahr 2012 kamen 750.000 Euro zusammen. Weitere 500.000 Euro spendeten die OVB-Leser beim zweiten Aufruf im Jahr 2018.

Gemeinsam spielen,
kochen, Ausflüge machen

Mit diesem Geld konnte der Verein den Rosenhof renovieren. Heute leben darin neun Kinder. Neun weitere finden im Kerbhaus ein Zuhause. Mit den übrigen Spenden wurde auch das Häuschen neben dem Rosenhof saniert. Darin gibt es heute ein Therapiezimmer und eine kleine Wohnung für einen älteren Jugendlichen.

Die Kinder fühlen sich hier wohl. „Am besten gefällt mir unser Pool und dass wir viel spazieren gehen können“, erzählt ein elfjähriges Mädchen, das gerade auf dem Trampolin herumtobt. Das Mädchen ist seit über einem Jahr hier.

Und auch eine 17-jährige Jugendliche, die seit acht Jahren im Kerbhaus lebt, fühlt sich hier zu Hause. Sie erzählt, wie ein typischer Tag am Wochenende aussieht. „Bis 9 Uhr sind wir im Zimmer, dann können wir frühstücken“, sagt sie. Danach spielen die Kinder und Jugendlichen. „Manchmal kochen am Wochenende ein paar Kinder mit dem Betreuer“, erzählt die Jugendliche. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen, dann steht die Mittagsruhe an, „um herunterzukommen“. Anschließend stehen oft Ausflüge auf dem Programm. „Am Abend gibt es für jeden Dienste für die Gemeinschaft, dann ist Zeit zum Abendessen und danach dürfen wir noch fernsehen“, sagt die Bewohnerin. Sie selbst ist gerade in der neunten Klasse auf der Mittelschule und schreibt bald ihren Quali. Sie wird bald mit beiden Beinen fest im Leben stehen, so wie viele Kinderdorfbewohner vor ihr. Möglich, dass sie trotzdem einmal wieder zu Besuch kommt.

Für Stefanie Seifert-Keller, Hausleitung des Rosenhofs, gehört das zu den schönsten Momenten ihrer Arbeit. Seifert-Keller ist seit 20 Jahren in Pinswang tätig. „Wenn frühere Bewohner wiederkommen und sagen: ‚Das war rückblickend die geilste Zeit meines Lebens‘, ist das etwas Besonderes“, betont sie. In diesen Momenten bekomme sie das Gefühl, dass sich ihre Arbeit lohnt.

Das Gefühl, alles richtig
gemacht zu haben

Im Alltag sind diese Momente selten, das gibt Seifert-Keller offen zu. „Wir sind diejenigen, die die Kinder strukturieren und sie oft auch eingrenzen müssen. Da hört man selten ein Danke“, erzählt sie. Doch manchmal, wenn die Kinder im Bett liegen, sagen sie zu ihr: „Das war heute ein cooler Tag.“ Dann wisse sie, dass sie alles richtig gemacht habe.

Seifert-Keller kann sich noch gut an ihren ersten Arbeitstag in Pinswang erinnern. „Ich habe mir gedacht, das kann doch nicht so schwierig sein, auf ein paar Kinder aufzupassen“, sagt sie. Das Studium habe sie aber nicht wirklich auf die Realität vorbereitet. „In den nächsten Jahren habe ich dann ganz viel dazulernen dürfen.“

In der Zeit, die sie schon hier tätig ist, hat sich viel verändert. Man wisse inzwischen viel mehr über die kindliche Entwicklung. Es reiche nicht, nur auf die Kinder aufzupassen. Stattdessen gibt es viel zu organisieren: „Ganz viele Therapien und Zusammenarbeit mit verschiedenen Stellen“, zählt sie auf. Sie sieht das positiv. Schließlich könne man den Kindern so noch besser helfen.

Die Nachbarn haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass mit den Kinderdorfhäusern noch mehr Leben nach Pinswang gekommen ist. Und auch für die Gemeinde Neubeuern ist die Einrichtung eine Bereicherung, wie Bürgermeister Christoph Schneider sagt.

Eine Bereicherung
für Neubeuern

Vor 20 Jahren sei der ein oder andere Anlieger vielleicht besorgt gewesen, wie es sich mit den neuen Nachbarn entwickeln würde. „Aber es gab noch nie Ärger“, betont er. Die Kinderhäuser hätten hier einen guten Platz gefunden und die Kinder eine neue Heimat. „Sie bekommen hier eine Chance, die sie sonst vielleicht nie gehabt hätten“, sagt Schneider. Denn hier in den beiden Kinderdorfhäusern in Pinswang dürfen die Kinder einfach Kinder sein. Und dazu haben die OVB-Leser mit ihren Spenden einen großen Teil beigetragen.

„HeimatLichter“ gehen in die nächste Runde

Artikel 8 von 11