Nußdorf/Rom – Der Maibaum ist an seinem Zielort. Nicht irgendeiner, sondern jener Baum, der für Schlagzeilen sorgte, weil er von Bayern nach Rom reiste, unterwegs im Inntal kurz in Nußdorfer Trachtlerhand geriet und nun im Garten der Casa Santa Maria aufgestellt wurde. Gestiftet von Kardinal Reinhard Marx, vorbereitet vom Brauchtumsverein Moosmotor aus Schwaig im Landkreis Erding und von den Trachtlern in Nußdorf „in Obhut“ genommen, als er auf dem Gelände der Spedition Dettendorfer im Inntal eine Pause einlegte, ist er längst mehr als ein geschälter Stamm mit Schmuck. Er ist zu einer kleinen Geschichte über Brauchtum, Glauben, Schalk und Gastfreundschaft geworden – und brachte zudem 15 Nußdorfern eine unerwartete Einladung nach Rom.
Kurios: Schon im Vorfeld hatte der vom Kardinal gestiftete Baum für Aufsehen gesorgt, weil die Landjugend Inning eine Übungsattrappe des Maibaums gestohlen hatte.
Natürlich wusste man beim Trachtenverein „Alpenrose“ in Nußdorf, dass dieser Baum eine besondere Bestimmung hatte. Rom ist nicht der Nachbarort, und ein Geschenk für die Kirche behandelt man nicht wie irgendeinen Dorfstamm. So wurde der Baum nur für einen kurzen Moment in die „örtliche Obhut“ genommen. Die Trachtler kamen zusammen, stellten sich zum Baum, machten aus einer Transportpause ein Bild voller Leben, Musik und Augenzwinkern und danach durfte der Baum weiterziehen.
Bei einem gewöhnlichen Maibaumdiebstahl folgt nun die Auslöse. Meist wird mit Bier, Brotzeit und einem guten Maß an gegenseitiger Nachsicht verhandelt. In diesem Fall durften die Nußdorfer als Auslöse in Rom beim Aufstellen des Maibaums mit dabei sein. Nach Angaben der Trachtler kam die Einladung aus dem Generalvikariat des Erzbistums München und Freising. 15 Nußdorfer Trachtler reisten nach Rom. Anreise und Unterkunft übernahmen sie selbst, die Verköstigung auf der Feier organisierte der Gastgeber. Eine Brotzeit, spendiert von Kardinal Marx persönlich. Für einen Maibaumdiebstahl ist das eine bemerkenswerte Form der Wiedergutmachung: keine Mass Bier im Nachbarort, sondern eine Einladung in die Ewige Stadt.
Dort trafen zwei Welten aufeinander, die sich in Bayern ohnehin selten ganz trennen lassen: Tradition und Glaube. Der Baum wurde im Garten der Casa Santa Maria aufgerichtet, Kardinal Marx zelebrierte die Maiandacht – und mittendrin die Nußdorfer.
Für die Nußdorfer kommt diese Geschichte zur rechten Zeit. Im Juli richtet der GTEV „Alpenrose“ das 106. Gaufest des Bayerischen Inngau-Trachtenverbands aus und feiert zugleich das 130-jährige Vereinsjubiläum. Da kann ein ganz besonderer Segen nicht schaden. Schon gar nicht einer, der über den Umweg eines Maibaums aus Rom zurück ins Inntal findet. So steht der Maibaum nun dort, wo er hinsollte. Aus einer Transportpause wurde eine Romreise, aus einer Auslöse eine Einladung und aus einem Scherz eine Geschichte mit Segen. Volkhard Steffenhagen