Zoff um Tiervermittlung im Tierheim

von Redaktion

Schwere Vorwürfe gegen den Tierschutzverein Rosenheim: In den sozialen Netzwerken häufen sich Beschwerden enttäuschter Interessenten, denen eine Adoption verweigert wurde. Jetzt meldet sich die Vorsitzende zu Wort und erklärt, warum ein „Nein“ manchmal die einzige Chance für das Tierwohl ist.

Rosenheim – Die Kritik am Rosenheimer Tierheim in den sozialen Medien ist groß. Zumindest dann, wenn es um die Vermittlung von Tieren geht. Nachdem bekannt wurde, dass der Rosenheimer Tierschutzverein finanziell mit dem Rücken zur Wand steht, gab es neben einer Welle der Hilfsbereitschaft auch viele kritische Stimmen. „Ich habe schon zweimal versucht, ein Tier zu bekommen, ohne Erfolg“, schreibt etwa Elisa R. im Internet. Nutzer Harald K. pflichtet ihr bei: „Wir sind 58 Jahre alt und wollen einen Hund. Als Antwort haben wir bekommen, dass wir zu alt seien.“

1.171 Tiere in
drei Jahren vermittelt

Dies sind nur zwei von zig Kommentaren, von denen ein Großteil die hohen Hürden bei einer Adoption aus dem Rosenheimer Tierheim bemängelt. Andrea Thomas, Vorsitzende des Tierschutzvereins, hat fast jede dieser Reaktionen gelesen. „Die Diskussionen sind leider zum Teil überhaupt nicht sachlich und arten manchmal sogar in regelrechten Shitstorms aus“, berichtet sie. Auch üble Nachrede und Verleumdung seien immer wieder an der Tagesordnung. Interessant ist ihr zufolge, dass manche dieser Kommentare plötzlich verschwinden, wenn man aktiv darauf reagiert.

Verständnis für die Schärfe der Angriffe hat sie nicht – auch, weil die offiziellen Zahlen ihrer Meinung nach eine andere Sprache sprechen. „In den vergangenen drei Jahren wurden insgesamt 1.171 Tiere vermittelt, davon allein 695 Katzen.“

Dennoch nimmt sich die Vorsitzende die Nachrichten zu Herzen. Um Vorurteilen entgegenzuwirken, hat das Team beschlossen, den Prozess transparenter zu gestalten. „Unter der Rubrik ‚Happy Meownday – Happy Tails‘ stellen wir nun jede Woche alle Katzen vor, die in ein neues Zuhause ziehen durften“, so Thomas.

Seit Januar wurden bereits 66 Katzen vermittelt, fünf weitere sind reserviert. Demgegenüber stehen nur sehr wenige Ablehnungen. „Es gab zwei Absagen unsererseits, da die Interessenten Freigängerkatzen suchten, die Wohnlage dies aber nicht zuließ“, erklärt Martina Lötzsch, Leiterin des Katzenhauses. Stark befahrene Straßen, auf denen 50 Stundenkilometer oder schneller gefahren werden darf, seien in der Regel ein Ausschlusskriterium.

Solche Entscheidungen trifft das Team nicht leichtfertig. „Jede Absage wird durch zwei katzenerfahrene Vorstandsmitglieder nochmals geprüft“, betont Andrea Thomas. Erst wenn auch diese die Umgebung als zu gefährlich einstufen, folgt die endgültige Absage. Tatsächlich gab es in diesem Jahr ihr zufolge bisher nur drei Fälle, in denen eine Vermittlung scheiterte. Bei einem anderen sei einfach nicht „das Passende dabei“ gewesen.

Der Grundsatz des Vereins bleibt klar: „Wir handeln nicht nach dem Motto: Hauptsache, die Katze ist weg“, stellt Thomas klar. Fast täglich erreichen den Verein Meldungen über tot aufgefundene Katzen in Stadt und Landkreis. „Es gab Interessenten, die wieder eine Katze aufnehmen wollten, nachdem ihre letzten vier Tiere innerhalb kürzester Zeit überfahren wurden. Das hat in unseren Augen nichts mit Tierliebe oder Verantwortung zu tun“, kritisiert auch Martina Lötzsch. Dass diese Konsequenz nicht bei jedem auf Gegenliebe stößt, ist ihr bewusst: „Während die einen uns kritisieren, loben andere genau diese umsichtige Vermittlung.“

Dass die Stimmung im Netz oft kippt, liegt laut Andrea Thomas auch an der persönlichen Enttäuschung. „Nehmen wir das Beispiel eines netten Hundewelpen, der zur Vermittlung steht. Häufig gibt es bis zu 50 adoptionswillige Menschen, doch nur eine Familie kann den Hund aufnehmen. Ich denke, es würde jedem von uns so gehen, dass man sich fragt, warum man selbst nicht der oder die Glückliche war“, sagt sie.

Auch in Zukunft werde es immer wieder zahlreiche Enttäuschungen geben. Manche Interessenten würden beispielsweise nicht verstehen, warum nicht nur sie alleine in der Auswahl stehen und man sofort allen anderen absagt. „Auch das hat einen Grund. Gerade bei älteren Hunden mit Vorgeschichte passiert es immer wieder, dass jemand wochenlang Interesse zeigt und mit dem Hund spazieren geht, um ihn kennenzulernen, und dann doch plötzlich wieder abspringt“, sagt Thomas. Wenn der Vermittlungsprozess dann wieder komplett neu startet, würde das bedeuten, dass der Hund viel länger im Tierheim bleiben muss.

Auch Lob für Mitarbeiter
des Tierschutzvereins

Dass es nicht nur negative Geschichten zum Thema Vermittlung gibt, zeigt das Beispiel von Janine W. Sie hat erst vor einiger Zeit einen zehn Jahre alten Kater adoptiert. „Samy“ sei ursprünglich ein sehr gestresster Kater gewesen, der sich schon jetzt in seinem neuen Zuhause wohlfühlt. Die Mitarbeiter vom Tierschutzverein – allen voran Martina Lötzsch – seien lieb, freundlich und geduldig gewesen. „Wir hatten überhaupt nicht das Gefühl, dass wir uns jetzt beeilen müssen, denn wir wissen ja, dass im Tierheim auch immer viel Arbeit da ist, also das war wirklich super“, sagt sie.

Auch Julian und Marie Exenberger waren mit dem Prozess der Vermittlung von Hündin Rakun zufrieden. Sie seien dankbar, dass der Prozess der Hundevermittlung etwas länger gedauert hat – damit man wirklich weiß, ob das „Mensch-Hund-Team gut zusammenpasst“.

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