Mein Großvater arbeitete einige Zeit beim Ausbau der Zahnradbahn auf den Wendelstein. Das Schleppen der schweren Zementsäcke war hart und fordernd, doch damals gab es für ihn kaum Alternativen. Viel mehr weiß ich nicht aus den Erzählungen meiner Familie. Opa ist seit über 40 Jahren tot, und heute bedaure ich, ihn als Kind nicht mehr nach seinem Leben gefragt zu haben. Vermutlich hätte er aber ohnehin nur wenig erzählt, denn ich erinnere mich an einen ziemlich wortkargen Menschen. Jahrzehnte später bin ich auf einem Wanderweg unterwegs zum Gottesdienst für die Gebirgsschützenkompanie auf der Mailalm am Wendelstein. Über eine längere Strecke führt mich der Weg immer wieder parallel zur Zahnradbahn.
Beim Blick auf die Gleise und die vorbeifahrenden Züge denke ich an meinen Großvater. Wo er einst mitgebaut und schwer geschuftet hat, fahren heute Menschen auf den Gipfel. Wir alle stehen in einem unsichtbaren Generationenvertrag. Wir verdanken anderen mehr, als uns oft bewusst ist: Menschen haben Wege gebaut, Wissen weitergegeben, Vertrauen geschenkt und Gemeinschaft gestaltet. Niemand beginnt bei null. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was bekomme ich vom Leben? Sondern auch: Was hinterlasse ich?
Die Bibel sagt: „Einer sät, ein anderer erntet.“ Damit bedeutet erfülltes Leben, nicht nur für uns selbst zu leben, sondern auch für das Leben, das nach uns kommt. Oder wie es ein Sprichwort ausdrückt: „Eine Gesellschaft wird dann erst groß, wenn alte Menschen Bäume pflanzen, in deren Schatten sie niemals sitzen werden.“