Warum Löwenzahn und Giersch in die Küche gehören

von Redaktion

Was viele als lästiges Unkraut aus dem Garten verbannen, landet bei Eva Hajek in der Küche. Die Kräuterpädagogin weiß, wie man heimische Pflanzen verwertet. Auch in der Region gibt sie Seminare. Bei einem Spaziergang in Bad Reichenhall erklärt sie, welches „Unkraut“ besonders gut schmeckt.

Bad Reichenhall/Rosenheim – Eva Hajek könnte Stunden damit verbringen, durch die Natur zu spazieren und die Kräuter am Wegesrand zu begutachten. Denn ob Löwenzahn, Bärlauch oder Brennnessel: Die 54-jährige Kräuterpädagogin weiß einiges über die Verwendung heimischer Pflanzen. Dieses Wissen möchte sie weitergeben. Etwa im Rahmen einer Kräuterwanderung, wie sie an einem Frühlingstag in Bad Reichenhall stattfindet.

Hajek, die sich als „Evi“ vorstellt, führt die Teilnehmer durch eine Gasse raus aus der Kurstadt und rein in die Natur. Es geht die Stufen hoch in Richtung Burg Gruttenstein. Weit kommt die Gruppe allerdings nicht, da entdeckt Hajek auf dem kleinen Grünstreifen neben dem gepflasterten Weg schon eine erste Pflanze, die ihre Aufmerksamkeit weckt: einen Löwenzahn.

Nur einzelne Blätter vom Löwenzahn in den Salat

„Löwenzahn begleitet uns das ganze Jahr über“, sagt die Kräuterexpertin. Entgegen den Gerüchten sei die Pflanze nicht giftig. Sie rege Nieren und Galle an, deshalb könne Bauchgrimmen auftreten, wenn man zu viel Löwenzahn zu sich nehme. „Man sollte also langsam anfangen, etwa mit ein paar einzelnen Blättern im Salat“, erklärt Hajek. So könne man sich daran gewöhnen.

Gerne würden die Teilnehmer direkt ein Stück vom Löwenzahn und seiner knallgelben Blüte probieren, doch Hajek muss sie vertrösten. „Hier sind viele Hunde unterwegs und die Pflanzen deshalb möglicherweise verunreinigt“, sagt sie. Generell sei es schwierig, einen Platz zu finden, wo Kräuter noch an Ort und Stelle verköstigt werden können. „Wenn man einen eigenen Garten hat, ist es wunderbar, dort zu sammeln“, betont Hajek. Und zwar immer nur so viel, wie man wirklich braucht. Alternativ könne man auch einen Nachbarn oder Bauern in der Nähe fragen. Getrocknete Kräuter seien zudem im Bioladen oder in der Apotheke erhältlich.

Bevor sie zu ihrem Beruf als Kräuter- und Waldpädagogin fand, war Hajek als Betriebswirtin tätig. Nach der Geburt ihrer Kinder wollte sie jedoch etwas Neues lernen. Sie besuchte Fortbildungen und machte Ausbildungen zur Kräuter- sowie Waldpädagogin. Inzwischen arbeitet sie seit mehr als zehn Jahren in diesem Bereich.

In dieser Zeit ist das Interesse an naturnahen Veranstaltungen wie dem Kräuterspaziergang gewachsen, erzählt Hajek. Das bestätigt auch Tine Geschke vom Tourismus und Stadtmarketing in Bad Reichenhall. „Wir beobachten, dass sowohl Gäste als auch Einheimische diese naturnahen Erlebnisse zunehmend schätzen“, so Geschke. Angebote wie Kräuterspaziergänge oder Bergwaldbaden sprechen ihr zufolge Menschen an, die bewusst einen Ausgleich zum oft hektischen Alltag suchen. Bei diesen Veranstaltungen gehe es weniger um „höher, schneller, weiter“, sondern um Entschleunigung, Achtsamkeit und das bewusste Erleben in der Natur.

Laut Geschke sind derartige Angebote aus mehreren Gründen wichtig. „Grundsätzlich fördern sie die Gesundheit – körperlich wie mental“, sagt sie. Sie würden helfen, Stress abzubauen, die Sinne zu schärfen und wieder eine Verbindung zur Natur herzustellen. „Gerade in einer Zeit, in der wir alle viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, gewinnen solche Erfahrungen enorm an Bedeutung“, betont sie.

Scharbockskraut ist nicht immer essbar

Statt auf den Bildschirm hat Eva Hajek beim Kräuterspaziergang den Blick stets auf den Boden gerichtet. Immerzu sucht sie nach weiteren Exemplaren – und wird schnell wieder fündig. Klein und unscheinbar wächst neben dem Weg das sogenannte Scharbockskraut. „Das ist die einzige Pflanze, die ich kenne, die essbar ist, solange sie nicht blüht“, erzählt Hajek.

Taubnessel ist als
Frauenheilkraut bekannt

Ihre herzförmigen Blätter sind Hajek zufolge mit das erste Grün, das nach dem Winter wächst. „Sie enthalten viel Vitamin C und passen gut in Butter, Frischkäse oder Quark“, erklärt die Kräuterpädagogin. Doch sobald sich zwischen den Blättern die gelbe, sternförmige Blüte entwickelt, sollte man das Scharbockskraut nicht mehr essen. „Es wird dann leicht giftig und sorgt zum Beispiel für Magenschmerzen“, so Hajek.

Ein paar Meter weiter wächst eine Taubnessel mit ihren gezähnten Blättern und purpurroten Blüten aus dem Boden. Im Gegensatz zur Brennnessel brennt sie nicht auf der Haut, weil sie keine Brennhaare besitzt. „Außerdem erkennt man sie an ihrem vierkantigen Stiel“, sagt Hajek. Blätter und Blüten eignen sich für Salate. Die weißblühende Taubnessel sei zudem als Frauenheilkraut bekannt. „Sie hilft, den Zyklus der Frau zu regulieren“, erklärt Hajek. Die Taubnessel wächst direkt unter einer Linde – ein für die Kräuterpädagogin sehr besonderer Baum.

Die Teilnehmer sollen sich dort auf eine Bank setzen und ein paar Minuten innehalten, denn: „Die ätherischen Öle der Linde wirken beruhigend“, so Hajek.

Dann freut sich die Kräuterpädagogin über eine besondere Entdeckung. „Brennnessel, Spitzwegerich, Klee und Schafgarbe – alles, was das Herz begehrt, auf einem Fleck“, sagt sie und lacht. Hajek greift nach dem Stiel der Brennnessel und streift sie mit den Händen von unten nach oben ab. „Dann brennt es nämlich nicht mehr“, erklärt sie. Und wenn doch, können zerriebene Spitzwegerichblätter helfen. „Sie sind stark juckreizstillend und entzündungshemmend“, so die Kräuterexpertin.

Obwohl die Brennnessel auf der Haut schmerzt, kann sie den Körper unterstützen. „Sie entschlackt und entwässert stark. Das bedeutet auch, dass man zusätzlich viel trinken muss“, betont Hajek und empfiehlt eine Tasse Brennnesseltee und dazu zwei große Gläser Wasser.

Ein Unkraut
für die Küche

„Der Giersch ist der Feind vieler Gärtner“, sagt Hajek, als sie kurz darauf neben dem klein gewachsenen Unkraut stehen bleibt. Wobei Unkraut vielleicht nicht ganz zutrifft, zumindest wenn es nach der Kräuterpädagogin geht. „Giersch eignet sich super für Salate, er enthält viel Vitamin C“, betont sie. Auch als Kräuterlimonade schmecke er gut.

Giersch wird zwischen 30 und 90 Zentimeter hoch. Der Stiel ist dreikantig, die Blätter dreigeteilt, wobei jedes Teilblatt wiederum in drei weiteren Blättchen endet. Grund für die schnelle Ausbreitung des „Unkrauts“ sind seine Wurzeln. „Aus einer ausgerissenen Wurzel werden bis zu sieben neue Pflänzchen“, sagt Hajek. Besser sei es also, den Giersch bodennah abzuschneiden und zu verarbeiten. Die Wurzel ist leicht giftig.

Bärlauch wird
leicht verwechselt

In der Frühlingsküche gilt allerdings einer ganz besonders als Klassiker: der Bärlauch. Auf dem Spaziergang entdeckt Hajek einige seiner grünen Blätter im Schatten einer Hecke. „Bärlauch enthält viele Vitamine“, betont sie. Besonders gerne macht die Kräuterexpertin daraus ihr eigenes Bärlauchpesto mit Walnüssen.

„Jeder Bärlauch-Stängel endet in genau einem Blatt“, erklärt die 54-Jährige. Ebendieses bricht mit einem hörbaren Knacken, wenn es frisch ist. Diese Merkmale sind wichtig, um den Bärlauch von anderen, giftigen Pflanzen zu unterscheiden. Dazu gehören Maiglöckchen, Herbstzeitlose und der (hochgiftige) Aronstab. Auch wenn Bärlauch oft großflächig wächst, sollte jedes Blatt einzeln gepflückt werden, um Verwechslungen auszuschließen.

„Man muss sich zu hundert Prozent sicher sein“

Für alle Kräuter gilt: „Man muss sich zu hundert Prozent sicher sein, was man da vor sich hat, bevor man es isst“, betont Hajek. Im Zweifel solle man es lieber lassen. Ihr ist auch wichtig zu betonen: „Ich will mein Wissen weitergeben. Auf keinen Fall sollte man, wenn man krank ist, auf einen Arztbesuch verzichten und stattdessen versuchen, sich nur mit Kräutern zu helfen. Man sollte immer in Absprache mit dem Arzt Kräuter verwenden.“ Denn es gebe einige Pflanzen, die die Wirkung von Medikamenten beeinflussen.

Wieder am Startpunkt des Spaziergangs angekommen, hat die Kräuterpädagogin noch einen Tipp für die Teilnehmer. „Suchen Sie sich erst einmal zwei Pflanzen aus, mit denen Sie sich intensiv beschäftigen. Nächstes Jahr können Sie eine neue dazunehmen.“ Denn alles über die heimischen Kräuter und deren Verwendung auf einmal lernen zu wollen, klappt nicht.

Und fürs Erste reicht es vielleicht sogar, beim nächsten Spaziergang in der Natur dem vermeintlichen Unkraut am Wegesrand etwas mehr Beachtung zu schenken.

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