Wasserburg/Brno – Erstmals fand in diesem Jahr das Treffen der Sudetendeutschen im tschechischen Brno (Brünn) statt. Dorthin war die Landsmannschaft eingeladen worden. Doch das Vertriebenen-Treffen spaltete Tschechien: Für die Befürworter war es ein historischer Schritt der Versöhnung, für die Kritiker der Besuch von „Nazi-Nachfahren“.
Wie hat die Wasserburgerin Heike Maas, Mitglied im Bundesvorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft, den Besuch erlebt? Gemeinsam mit Ehemann Gerd hat sie vier Tage lang an den Veranstaltungen in Tschechien teilgenommen, sie ging auch den gesamten Versöhnungsmarsch mit.
Maas‘ Vater stammt aus
dem Sudetenland
Für die Wasserburger Stadträtin, deren Vater aus dem Sudetenland stammt, waren es Tage „voller Emotionen“, erzählt sie am Telefon. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft war im vergangenen Jahr vom Festival „Meeting Brno“ eingeladen worden.
„Diese Handreichung haben wir angenommen und waren darüber sehr glücklich“, sagt Maas. Rund 1.000 Personen sind laut ihr am Pfingstwochenende nach Brno gekommen. Darunter auch ein Teil der Erlebnisgeneration, vor allem aber viele Kinder und Enkelkinder von Vertriebenen.
Unter dem Motto „Alles Leben ist Begegnung“ sollte das Treffen ein Zeichen der Versöhnung sein. „Wichtig dabei war uns aber die richtige Einordnung“, betont Maas. Gestartet wurde deswegen mit einem Gedenken an die Opfer des Holocausts.
Am zweiten Tag war am Mährischen Platz in Brno ein langer Tisch mit weißer Tischdecke aufgebaut: Für die Wasserburgerin war auch das ein besonders rührendes Erlebnis. „Man konnte mit tschechischen Bürgern in Kontakt kommen“, erzählt sie. Heike Maas hat dort eine 82-jährige Frau kennengelernt, die durch die Verbrechen der Nationalsozialisten ihre gesamte Familie verlor, aber nun da war, um gemeinsam aufzuarbeiten, was damals geschehen ist und gemeinsam nach vorne zu schauen.
Dass das Treffen der Sudetendeutschen in Tschechien nicht von allen befürwortet wurde und schon im Vorhinein für Proteste gesorgt hatte, hat auch Heike Maas mitbekommen. Auch vor Ort haben sich laut ihr rund 25 Personen versammelt, um ihren Unmut zu zeigen, berichtet sie. „Die waren mit ihren Pfeifen schon laut“, sagt sie.
Diskussionen über
Treffen und Versöhnung
Heike Maas hat laut eigenen Angaben jedoch auch Menschen getroffen, die extra zum Treffen gekommen waren, um den Sudetendeutschen zu zeigen, dass sie erwünscht seien. Manche tschechische Bürger hätten auch mit den Demonstranten über das Treffen und seine Bedeutung für die Versöhnung diskutiert, erzählt die Wasserburgerin.
Für sie war es ein sehr rührendes Erlebnis mit vielen Gesprächen und Umarmungen. „Ich hatte den ganzen Tag Tränen in den Augen“, sagt Maas.
Emotional ergreifend war auch ein rund 30 Kilometer langer Versöhnungsmarsch von Pohorelice (Pohrlitz) nach Brno. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Sudetendeutschen vertrieben und zu Fuß an die österreichische Grenze geschickt. Beim Brünner Todesmarsch kamen viele Menschen ums Leben. Später wurde bei Pohorelice ein Massengrab entdeckt. Seit 2015 findet ein „Versöhnungsmarsch“ in umgekehrter Richtung statt. Für Heike Maas war die Teilnahme ein besonders ergreifendes Erlebnis. „Es haben viele junge und auch deutschsprachige Menschen teilgenommen und man hatte immer wieder andere Gesprächspartner“, erzählt sie.
Ein neues
Miteinander starten
Beendet wurde das Treffen mit einer Gedenkfeier in den Kounic-Wohnheimen in Brno. Laut dem Veranstalter „Meeting Brno“ richteten die Nazis in den Wohnheimen öffentlich Tschechen hin, die sich dann an derselben Stelle ebenso grausam an den Deutschen rächten.
Heike Maas legte gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Vorstands einen Kranz nieder. Für sie eine große Ehre, sich stellvertretend zu entschuldigen, zu gedenken und ein neues Miteinander zu starten. „Zwei Völker hatten sich viel Schmerz zugefügt. Diesen haben wir nicht vergessen, aber wir wollen gemeinsam weitermachen“, sagt sie.
„Dankbar, dass ich dies
miterleben durfte“
Sie freute sich auch besonders darüber, dass die Oberbürgermeisterin von Brno, Markéta Vaková, und der Hauptmann der südmährischen Region, Jan Grolich, an der Gedenkveranstaltung teilnahmen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Staatsministerin Ulrike Scharf waren zum Treffen der Sudetendeutschen gereist.
Für Heike Maas steht nach den Tagen in Tschechien fest: Obwohl sie die schrecklichen Ereignisse rund um Krieg und Vertreibung, Gewalt und Unrecht, ausgelöst durch das Terrorregime der Nationalsozialisten, nicht selbst erlebt hat, sondern nur ihre Vorfahren, „fühle ich mich, als wäre mir eine Last von den Schultern genommen. Ich bin dankbar, dass ich diese historischen Momente miterleben durfte.“ Sie fühle sich dem Motto der Erinnerungskultur verpflichtet, die Bayerns Sozialministerin und Schirmherrin der Sudetendeutschen, Ulrike Scharf, beim Gedenktag ausgeführt habe: „Wir gedenken, wir erinnern, wir verschweigen nichts.“