Rosenheim/Landkreis – Die letzten Minuten müssen dramatisch gewesen sein. Was in diesen genau aber passiert ist, ist auch einen Tag danach noch vollkommen unklar. Am Donnerstag (28. Mai) war ein 72-jähriger Mann aus dem Landkreis Rosenheim zu einem Flug mit seinem Segelflugzeug aufgebrochen – von dem er nicht zurückkam. Gegen 13 Uhr flog der Mann gerade im Bereich der Mieminger Kette, einer markanten Gebirgsgruppe in Tirol, nicht weit von der Zugspitze entfernt. Sekunden später prallte das Segelflugzeug gegen die schroffe, felsige Nordwand des 2.469 Meter hohen Breitenkopfs.
Wrack in Geröllfeld
gesichtet
Nach dem Aufprall stürzte der Mann mit seinem Flugzeug rund 80 Meter in die Tiefe, teilt die Landespolizeidirektion Tirol mit. Das Wrack blieb völlig zerstört auf einem Geröllfeld liegen. Beim Absturz erlitt der 72-Jährige tödliche Verletzungen. So konnte er auch trotz eines Großaufgebots von zahlreichen Bergrettern und Polizisten sowie eines Polizeihubschraubers, der die genaue Absturzstelle aus der Luft ausfindig machte, nicht mehr gerettet werden.
Herausfordernd war der Einsatz für die Rettungskräfte dennoch. Die Stelle, an der das Flugzeugwrack lag, ist schwer zugänglich. „Dort oben handelt es sich um unwegsames Gelände“, sagt Björn Scherer, Kommandant der Feuerwehr Ehrwald. Er und seine Kameraden seien zwar auch alarmiert worden, rückten aber schnell wieder ab. Zu Fuß oder mit den Fahrzeugen sei die Absturzstelle nicht zu erreichen gewesen. Deswegen seien viele Retter mit dem Hubschrauber nach oben gebracht worden.
Warum der 72-Jährige gegen die Felswand geflogen ist, ist bislang nicht geklärt. „Das herauszufinden, braucht in solchen Fällen seine Zeit, das geht nicht von heute auf morgen“, sagt ein Pressesprecher der Landespolizeidirektion Tirol auf OVB-Anfrage. Die Ermittlungen zur Unfallursache seien am Laufen, auch in Zusammenarbeit mit einem Sachverständigen für Luftfahrtunfallanalyse. „Mitarbeiter der Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes befinden sich seit vergangenen Donnerstagabend am Unfallort, wo die Erhebung und Sicherung relevanter Informationen und Spuren durchgeführt werden“, teilt ein Sprecher des österreichischen Bundesministeriums für Innovation, Mobilität und Infrastruktur mit.
Aussagen zur Unfallursache gibt es aber auch von dort bis jetzt nicht. Die Ermittlung der Ursachen und beitragenden Faktoren erfolge unabhängig und ausschließlich im Interesse der Flugsicherheit.
„Die Sicherheitsuntersuchung endet mit der Veröffentlichung eines Abschlussberichts“, sagt der Sprecher. Aufgrund des frühen Untersuchungsstadiums und der noch durchzuführenden Untersuchungsarbeiten könne derzeit keine belastbare Aussage über die Dauer der Untersuchung oder den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Abschlussberichts getroffen werden.
Allerdings kann die Polizei inzwischen etwas mehr zu dem Piloten sagen. „Der Mann stammt aus Kolbermoor“, sagt der Polizeisprecher. Der 72-jährige Kolbermoorer wurde noch am gestrigen Freitag obduziert. „Je nachdem, was dabei herauskommt, wird darüber entschieden, ob der Leichnam freigegeben werden kann“, sagt der Tiroler Polizeisprecher.
Im Anschluss könnte der Kolbermoorer in die Heimat zurückgebracht werden. Ob der 72-Jährige womöglich von einem Flugplatz in der Region aufgebrochen ist, kann der Polizist nicht beantworten.
Die Flugstrecke bis in die Mieminger Kette innerhalb eines Tages mit dem Segelflugzeug zurückzulegen, sei jedenfalls kein Problem, weiß Patrik Altmann. „Es kommt immer ein bisschen aufs Wetter darauf an, aber wir hatten vergangenes Jahr jemanden, der 2.000 Kilometer und die kompletten Alpen entlang geflogen ist – an einem Tag“, sagt der Vorsitzende des Flugsportvereins Rosenheim. Strecken von 800 bis 1.l000 Kilometern seien mittlerweile einfach zu bewältigen.
Grundsätzlich sichere
Freizeitbeschäftigung
Grundsätzlich sei Segelfliegen als sichere Freizeitbeschäftigung einzustufen, betont Altmann. Er vergleiche es gerne mit dem Motorradfahren. „Klar kann etwas passieren, aber es gibt gefährlichere Luftsportarten“, sagt er.
Zum Beispiel könne es einem Piloten eines Segelflugzeuges passieren, dass mit der untergehenden Sonne die Thermik weniger wird und man es nicht mehr zum Flugplatz zurückschafft. „Da suchst du dir einfach eine Wiese und landest da, das nennt man Außenlandungen“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Einfach so vom Himmel fallen, das passiere mit einem Segelflugzeug nicht.
Wie ein kurzer Blick auf eine Plattform im Internet zeigt, auf welcher Segelflugpiloten die Daten ihrer Flüge veröffentlichen können, überflogen am Donnerstag, 28. Mai, auch andere Piloten die Mieminger Kette. Einige von ihnen müssen nur wenige Minuten zuvor und danach an der Unglücksstelle vorbeigekommen sein. Und einer von ihnen schreibt auf dem Portal über seinen Flug: „Mir war es heute definitiv zu windig und zu turbulent.“