Rosenheim/Gries am Brenner – Ein älterer Mann in rosa Radklamotten erklimmt das Absperrgitter seitlich der Bühne. „Koal!“, ruft er, „Bürgermoaschta!“. Karl Mühlsteiger wendet sich zur Seite, strahlt und schüttelt die Hand, die der Radklamotten-Mann ihm durch die Gitterstäbe reicht. Der Bürgermeister von Gries ist aktuell vielleicht der berühmteste Dorfbürgermeister der Welt. Hier, im Wipptal, ist er für viele Menschen sicherlich noch mehr: ein Pop-Star, ein Held. Mühlsteiger muss an diesem Tag noch viele Hände schütteln.
Für die Brenner-Demo
vor Gericht gestritten
Karl Mühlsteiger (49) ist der Mann, der die Kundgebung auf der Brenner-Autobahn initiiert und vorm Verwaltungsgerichtshof in Innsbruck erstritten hat. Ein Feindbild für viele Reisende, die ihre Italienreisen umdisponieren mussten, schon weil für acht Stunden auf der Brenner-Autobahn nichts mehr ging. Aber auch, weil Deutschland, Österreich und Italien zuvor dringend geraten hatten, die Autobahnsperre großräumig zu umfahren. Wenn man nicht gleich auf eine Fahrt am Samstag (30. Mai) verzichten konnte.
Hat der Bürgermeister
von Gries geflunkert?
Auf der Brenner-Autobahn, auf ihren Zubringern ist es tatsächlich ruhig geblieben. Eine Überraschung. Ebenso wie die Menschenmenge, die sich bei Matrei versammelt. Menschen strömen zum Parkplatz beim Sparmarkt an der Bundesstraße, und von dort zur Auffahrtsrampe zur Autobahn. Dort heißt es warten. Polizei und Organisatoren scheinen doch länger zu brauchen für den Aufbau der Absperrungen, der Bühne und der Dixie-Klos. Ein gutes Dutzend der Kunststoffkabinen steht da aufgereiht, ein Hinweis darauf, dass der Grieser Bürgermeister bei seiner Einschätzung – wenn es mehr als 100 werden, wäre es ein Erfolg – vielleicht geflunkert hat.
4000 bis 5000 Menschen werden sich schließlich vor der Bühne auf dem nach Italien führenden Fahrstreifen versammelt haben. Ein buntes Publikum, Radfahrer, Wanderer, Einheimische und Eingereiste, mit Transparenten, Fahnen, Lärminstrumenten.
Eine Blasmusik-Combo aus Innsbruck, ein Dudelsackbläser aus Villabasso in Italien. Er dudelt die „Internationale“. Weil das Verkehrsproblem ja auch ein internationales sei. Aus Bayern, aus Südtirol und sogar aus Graubünden in der Schweiz sind Demonstranten ins Wipptal gefahren. Die meisten sind mit der Bahn gekommen, einige mit dem Rad. Man trifft Fahrer, die extra deswegen bei der Demo erscheinen, um den Carbonrenner mal auf der Autobahn spazierenzufahren.
Wie Beni aus Innsbruck. „Das ist so ein once in a lifetime-Ding“, sagt er. Auch viele Amtskollegen von Mühlsteiger sind da: Bürgermeister, die mit den Problemen des Alpentransits konfrontiert sind.
Ein Demonstrant, vielleicht eher ein Besucher ist vermutlich mit dem Auto gebracht worden: Landeshauptmann Anton Mattle. In Freizeithose und Polohemd schreitet er die Auffahrt zur Autobahn empor. Er sei als Privatmann hier, heißt es. Das Bundesland Tirol hatte die Demo schließlich untersagen wollen. Dem schob das Verwaltungsgericht einen Riegel vor.
So viele Hoffnungen
ruhen auf Mühlsteiger
Mühlsteiger eröffnet den Redenreigen auf der Bühne. Er breitet die Arme aus und sagt, wie ergreifend das alles sei, „mir fehlen die Worte“. Da flunkert er wieder ein bisserl, Worte hat er genug, gute sogar, er erreicht die Demonstranten. Immer wieder branden Jubel und Beifall auf. Vielleicht, weil er außerdem ein jugendlich wirkender, netter Kerl ist. Vielleicht, weil so viele Menschen in so vielen Alpentälern so viele Hoffnungen mit ihm verbinden. Berlin, Wien und Rom, sie schauten an diesem Samstag auf das kleine Wipptal, sagt er.
Er bedankt sich für die Solidarität weit über Tirol hinaus, nimmt die Politik in die Pflicht, schildert das Leiden der Menschen. Und er zählt nochmals die acht Forderungen der Region auf: vom Beibehalten der Nachtfahr- und Fahrverbote bis hin zum Versprechen, dass der für die Autobahn geplante Standstreifen nicht eine Fahrspur wird.
Es sprechen weitere Bürgermeister und ein Gebirgsschützen-Kommandant in schmucker Uniform: „Wir schützen unsere Heimat.“ Auch ein Mann aus der Region Rosenheim wendet sich mit dem Mikrofon an die Menge. Sepp Reisinger aus Nußorf bedankt sich bei Mühlsteiger, äußert Respekt.
„Nicht auf die
Politik hören“
Und beschwört die Demonstranten, nicht auf die Politiker zu hören, die behaupteten, das Nadelöhr befinde sich in Deutschland, in dem bislang noch keine neuen Gleise für den Brenner-Nordzulauf verlegt worden seien. Man habe bereits einen Zulauf: die Bestandsgleise im Inntal, die doppelt so viel Verkehr wie aktuell unterwegs vertragen.
Er sagt das wohl auch deswegen, weil Redner und Demonstranten Mitschuld für das Transit-Dilemma bei Bayern und Deutschland sehen. Auch Mühlsteiger tut das wohl. Aber dazu lächelt er nur. Er wolle nur den Nordzulauf, den die Menschen in Bayern auch wollten, sagt er auf OVB-Anfrage.
Dass das Happening auf der Autobahn das letzte ist, darf man bezweifeln. Er stelle der Politik ein Ultimatum, sagte Mühlsteiger. Wenn die Forderungen des Wipptals wieder nicht beachtet würden, werden weitere Kundgebungen auf der Autobahn stattfinden.
Bei der Demo am Samstag war die Rede auch von einer Radl-Demo auf der Autobahn. Bis 31. Dezember 2026 haben nach Mühlsteigers Worten die Politiker Zeit, mit der Umsetzung der Forderungen Rennrad-Fahrern wie Beni die Vorfreude zu rauben.
Weitere Bilder und ein Video finden Sie, liebe Leser, auf ovb-online.de