Prien – Ein Jugendlicher aus dem Landkreis Rosenheim ist – wie berichtet – am vergangenen Samstag am Priener Bahnhof auf einen abgestellten Güterzug geklettert. Er erlitt einen Stromschlag, musste umgehend ins Krankenhaus geflogen werden. Vor Ort war auch die katholische Notfallseelsorge. Bei schweren Unfällen, Suiziden oder Mordfällen sind sie vor Ort: die psychosoziale Notfallversorgung. Sie arbeiten am Wochenende, sind rund um die Uhr erreichbar. „Die Bereitschaft teilen sich die beiden Kirchen, das bayerische Rote Kreuz (BRK) und die Johanniter“, erklärt Thomas Jablowsky. Er ist der Landkreisbeauftragte der katholischen Notfallseelsorge. Auch er hat von dem Vorfall in Prien gehört, selbst vor Ort sei er nicht gewesen. Die Kollegen, die vor Ort waren, sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Allgemeine Fragen könne er dennoch beantworten. „Wenn wir an einen Einsatzort kommen, müssen wir erst einmal die Situation erfassen“, erklärt Jablowsky.
So muss es wohl auch am Samstag um kurz nach Mitternacht am Priener Bahnhof gewesen sein. Ein 18-Jähriger aus dem Landkreis Rosenheim kletterte auf den Waggon eines abgestellten Güterzugs. Dort wurde er von einem Stromschlag aus der hochspannungsführenden Oberleitung getroffen und erlitt schwere Verletzungen. 40 Prozent seines Körpers seien schwer verbrannt. Wie es ihm geht, ist derzeit nicht bekannt. Die Oberleitung ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag repariert worden.
Jablowsky und seine Kollegen schauen sich in der Regel in solchen Situationen nach Unverletzten um, die betroffen sind und Hilfe benötigen könnten. „Diese Hilfe besteht in allererster Linie erst einmal im Dasein“, sagt Jablowsky am Telefon. Er fragt die Leute, was sie benötigen, und versetzt sich in ihre Situation, um das zu erspüren. Zudem versucht er, herauszufinden, wer möglicherweise benachrichtigt werden müsste. Mal sind es Freunde, mal Eltern, mal andere Angehörige. Außerdem spricht er mit den Einsatzkräften vor Ort, um an Informationen zu kommen.
„Egal ob es um Verstorbene oder Schwerstverletzte geht: Die Menschen wollen immer Informationen haben“, sagt Jablowsky. Sie würden genau wissen wollen, was vorgefallen ist. „Oft müssen wir von der Krisenintervention ganz viel improvisieren. Gleichzeitig haben wir aber natürlich auch eine innere Checkliste, der wir folgen“, fügt Jablowksy hinzu. Menschen würden ihm zufolge ganz unterschiedlich auf dramatische Ereignisse reagieren. „Jeder hat eine andere Resilienz“, sagt er.
Er versucht, diese Situation folgendermaßen zu beschreiben: „Ein solches Ereignis ist dann erst mal im Kopf. Wie bei einer unaufgeräumten Wohnung kann das furchtbar lange im Weg rumliegen. Man stolpert immer wieder drüber“, sagt Jablowsky. Die Idee sei jetzt, sich der Sache anzunehmen, es nicht mehr zu verdrängen und stattdessen „aufzuräumen“. Um eben nicht mehr „dauernd drüberzustolpern“. Dieses Bild helfe manchen Betroffenen.
Aber auch das macht Jablowsky während des Telefonats deutlich: Jeder trauert anders. Er habe schon Menschen erlebt, die am Boden zerstört gewesen seien, obwohl sie mit dem Betroffenen nur über weite Ecken verwandt waren. Und dann habe es die Ehefrau gegeben, die keine Träne verdrückt hat.
„Auch das muss man annehmen, besonders als anderer Trauernder“, sagt er. Ihm und seinen Kollegen sei es – egal in welcher Situation – wichtig, dafür zu sorgen, dass Angehörige, Freunde, Einsatzkräfte oder Augenzeugen nicht alleine sind. „Wir trauern mit, bangen, warten und halten den Schmerz mit aus“, sagt Jablowsky. Und dann würde er die Menschen mit guten weiteren Kontakten und einem vagen Plan für die nächsten Tage wieder alleine lassen. Auch das sei oft ein Bedürfnis. Über die 112 kann in Akutkrisen direkt mit der Psychosozialen Notfallversorgung, vielen bekannt als Krisenintervention, Kontakt aufgenommen werden.
Anna Heise