Rosenheim – In ihrem beruflichen Alltag bei den Maltesern in Rosenheim hat Claudia Hanrieder viel mit Suizid, schweren Krankheiten und dem Tod zu tun. Wie sie damit umgeht und warum sie sich keine bessere Aufgabe vorstellen könnte, erklärt sie im OVB-Interview.
Seit 2023 gibt es das Projekt „Todeswünsche im Gespräch begegnen“. Woher kam die Idee?
Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2026 zum Recht auf selbstbestimmtes Sterben, auch mit Hilfe Dritter, beschäftigt das Thema mehr und mehr Menschen. Durch die aktuell fehlende gesetzliche Grundlage ist die Suizid-Prävention und das Sprechen darüber wichtiger denn je. In Deutschland beendeten 2024 rund 10.000 Menschen vorzeitig ihr Leben. Der Versuch erfolgt 10-fach mehr und Gedanken darüber machen sich noch mal weitaus mehr Menschen.
Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?
Ich bin ursprünglich Juristin. Danach habe ich eine Mediationsausbildung und Gesprächspsychotherapie-Ausbildung gemacht, weil es mir ein Anliegen war, die Menschen noch besser und tiefer zu verstehen. So arbeite ich aktuell mit Menschen als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Mediatorin. Es mir wichtig, die Welt ganzheitlich zu sehen. Alle Ebenen des Menschen sind wichtig. Zum Leben gehört auch der Tod dazu.
Und die Todeswünsche?
Auch die gehören zum Leben dazu. Jeder sollte Todeswünsche äußern dürfen. Man muss diesen Wünschen Raum geben. Es ist kein Tabu, einen Todeswunsch zu haben und diesen auch aussprechen zu dürfen.
Gilt das Thema Tod und Suizid in unserer Gesellschaft immer noch als Tabuthema?
Es wird langsam besser. Aber natürlich gibt es immer noch gewisse Mythen in unserer Gesellschaft. Viele wissen nicht, wie sie mit Todeswünschen umgehen sollen. Sie sprechen diese nicht direkt an, aus Angst, die Situation zu verschlimmern. Deswegen biete ich Schulungen an. Es geht darum, sich zu informieren, aber auch darum, an Sicherheit zu gewinnen. Gerade dann, wenn jemand aus dem näheren Umfeld den Wunsch äußert, vorzeitig zu sterben.
Wer sollte die Schulungen besuchen?
Menschen, die im Umfeld von Todeswünschen gehört haben oder mit Menschen zu tun haben, sei es privat, beruflich oder ehrenamtlich. Todeswünsche werden nicht immer direkt geäußert. Wir wollen auch sensibilisieren, wenn Aussagen kommen wie: „Das macht alles keinen Sinn mehr“ oder „Ach, wäre ich doch schon unter der Erde“. Wie man mit Äußerungen dieser Art umgeht, darauf gehen wir in der Schulung ein.
Wie geht man denn mit Äußerungen dieser Art um?
Erst einmal muss man in sich selbst reinhören. Wie geht es mir in der Situation? Fühle ich mich überfordert, vielleicht hilflos? Traue ich mir zu, in das Gespräch zu gehen? Mit einer Haltung von Wertschätzung, Mitgefühl und Verständnis.
Trotzdem kann nicht jeder einen solchen Wunsch nachvollziehen.
Verstehen heißt nicht, einverstanden zu sein. Es geht darum, zu verstehen, wieso jemand einen Todeswunsch geäußert hat.
Also geht es nicht darum, die Menschen von ihren Todeswünschen abzubringen?
Es geht darum, die Hintergründe zu ergründen. Oft bedeutet ein „Ich will nicht mehr leben“ eher „Ich will so nicht mehr leben, wie es gerade im Moment ist“. Ein Todeswunsch ist ein möglicher Ausweg aus einer Situation.
Einerseits wäre da der Überlebenswille, andererseits eben der Todeswunsch. Diese Ambivalenz führt oft dazu, dass sich die Menschen mitteilen wollen. Wichtig ist auch, zwischen einem Todeswunsch und der Suizidalität zu unterscheiden. Bei einem Todeswunsch macht man sich Gedanken darüber, wie man aus einer Situation rauskommen könnte. Der Tod ist eine Möglichkeit dafür. Bei der Suizidalität steckt bereits ein gewisser Handlungsdruck dahinter.
Gelingt es, die Menschen durch Gespräche von ihrem Todeswunsch abzubringen?
Ein Gespräch gibt den Menschen wieder Halt, neue Perspektiven werden geöffnet. Viele Menschen sind dankbar, dass sie über das, was sie beschäftigt, sprechen dürfen. Die hilflose Lage ist plötzlich nicht mehr ganz so hilflos. Oftmals wird mir in den Gesprächen eine große Dankbarkeit entgegengebracht, zu wissen, es gibt jemanden, mit dem man sprechen kann.
Wurde das Projekt sofort gut angenommen?
Am Anfang habe ich mich vor allem um die Netzwerkarbeit gekümmert. Ich habe dafür gesorgt, dass unser Angebot bekannt wird. Wir bieten die Gespräche an zwei Tagen in der Woche an.
Das wird sehr gut angenommen. Wie viele Gespräche ich am Tag führe, ist ganz unterschiedlich. Mir ist es wichtig, mir für jeden Einzelnen viel Zeit zu nehmen. Wichtig ist mir auch, darauf aufmerksam zu machen, dass das Angebot keine Therapie ersetzt. Bei den Vorträgen waren am Anfang schätzungsweise zehn Zuhörer, mittlerweile sind wir bei 20 und der Nachfrage nach mehr Schulungen. Das zeigt: Das Thema kommt in der Gesellschaft an.
Mit welchen Problemen sehen sich die Menschen konfrontiert, die einen Todeswunsch äußern?
Auch das ist ganz unterschiedlich und hängt vom persönlichen Erleben einer Situation ab. Einige haben einen geliebten Menschen verloren, andere fühlen sich hilflos, haben Angst oder große körperliche Schmerzen. Auch Einsamkeit, die Sorge, jemand anderem zur Last zu fallen, oder die finanzielle Situation spielen eine Rolle.
Trotz der guten Resonanz fällt das Angebot ab September weg.
Das stimmt. Die finanzielle Förderung wird nicht verlängert. Und ohne die Förderung können die Malteser das Projekt nicht stemmen. Doch ist es wichtig, für Menschen mit einem Anliegen wie einem Todeswunsch verlässlich ansprechbar zu sein. Unter den bisherigen Kontaktdaten des Dienstes wird weiterhin jemand erreichbar sein, der an eine geeignete Stelle aus dem Netzwerk vermittelt.
Wenn jemand bereit ist, das Gesprächsangebot weiter zu fördern, kann er sich gerne an mich wenden. Anna Heise