Watussi-Ochse Nico steht auf Brezen und Zuwendung

von Redaktion

Wer Hans Gottbrecht mit Watussi-Ochse Nico bei Taufkirchen spazieren gehen sieht, staunt. Das imposante Tier ist verschmust und friedlich. Auf einem Gnadenhof mit 150 Tieren beginnt für den Ochsen nun ein neues Kapitel.

Taufkirchen – Nico steht auf Brezen, Streicheleinheiten und Spaziergänge. Wenn Hans Gottbrecht aus Taufkirchen ihn an der Leine ausführt, staunen die Menschen nicht schlecht. Denn Nico ist ein Ochse mit imposanten Hörnern. „Das ist ein Watussi, bei den Tutsi in Afrika ist ein solches Rind ein Statussymbol und auch bei den Massai hat die Rasse eine lange Tradition“, weiß Gottbrecht vom gleichnamigen Gnadenhof zu berichten. Die imposanten Hörner haben eine Auslage von 1,40 Metern. Gottbrecht kann mit beiden Händen den Hornansatz an Nicos Kopf nicht umfassen.

Die Hörner dienen nicht nur zur Verteidigung, sondern sind ein ausgeklügeltes Kühlsystem. Wenn es dem Tier in der afrikanischen Hitze zu heiß wird, pumpt sein Herz das warme Blut in das Horninnere, das wabenartig aufgebaut ist. Hier wird das Blut abgekühlt und fließt zurück in den Körper. Da Nico als „Afrikaner“ kein dichtes Winterfell bekommt, verbringt er die kalte Jahreszeit im Stall. Nico hat nie Erfahrungen mit dem afrikanischen Klima gemacht, denn er ist in Deutschland geboren.

Bei seiner Geburt vor etwa neun Jahren gab es Komplikationen, sein Schwanz ist dabei gebrochen und es stand schlecht um ihn. „Es sah nicht so aus, dass er durchkommt“, weiß Nadja Schuster, die ehemalige Eigentümerin, zu berichten. Nico hieß damals noch Nio und stammte aus einem kleinen Privatzoo in Überlingen. Mit vier Monaten kam er auf den Hof von Familie Schuster, die in der Nähe von Weilheim zu Hause ist und eine Bio-Mutterkuhhaltung betrieb. Hier lebte er vergesellschaftet mit anderen Vertretern von Kuhrassen.

Als die Schusters ihre aktive Landwirtschaft aufgaben, brachten sie den sanften Ochsen bei Freunden unter. „Dort wurde er auch geliebt, gehegt und gepflegt“, so Nadja Schuster. Doch auf Dauer stellte sich heraus, dass deren sumpfige Wiese nicht ideal für den Watussi war. Eine Trockenlegung sei für Hobbylandwirte kaum zu stemmen. „In feuchten Wiesen leben Leber-Egel und die werden als Larven beim Fressen von den Tieren aufgenommen. Gesundheitlich ist das nicht optimal, und so suchten wir gemeinsam einen Platz. Mit den Gottbrechts haben wir einen Sechser im Lotto“, sagt sie glücklich.

Nico sei sehr verschmust, anhänglich und menschenbezogen. Hans Gottbrecht und seine Frau Margit seien genau die Richtigen für ihn. „Sie haben auch den Platz, denn mit solchen Hörnern ist das gar nicht so einfach. Auch wenn er sehr achtsam mit ihnen umgeht“, so Nadja Schuster.

Drei Hektar groß ist inzwischen die Fläche des Gnadenhofs, den die Gottbrechts seit 26 Jahren aus Spenden und mit ihren Renten finanzieren. „Nico darf bei uns bleiben, solange er lebt, und Rinder können bis zu 30 Jahre alt werden“, sagt der 78-Jährige, der gerade seine Runden durch die Gehege dreht. Während seine Frau Margit und zwei Schülerinnen aus dem Allgäu, die in den Ferien mithelfen, die Rehkitze füttern, stapft Hans auf die Weide zu Nico.

„Wir haben einen guten Draht“, sagt er, als er auf den Watussi zugeht. „Er ist ein Ochs, kein Stier, hat kein großes Temperament. Ein friedlicher Typ. Aber wegen seiner Hörner ist er auch der Chef. Bewegt er seinen Kopf, gehen alle anderen Tiere weg.“ Außer vielleicht eine kleine Dahomey-Kuh. Die ist ziemlich frech und klaut dem Nico beim Fressen das Futter aus dem Maul. Gottbrecht lacht. Tiere haben eben auch ihre Eigenheiten, sagt er.

Und weil Gottbrecht ein enges Verhältnis zu den Tieren in seiner Obhut hat, trabt ihm nicht nur Nico hinterher, auch Hündin Luna, Emu Paul und Rothirsch Burli weichen nicht von seiner Seite. Ob Waschbär Fred oder Gämse Seppi: Viele Schützlinge sind so zutraulich und sanft, dass Gottbrecht keine Bange hat, sich einen Keks zwischen die Zähne zu klemmen, um sie zu füttern.

Rund 150 Tiere versorgen die Gottbrechts auf ihrem Gnadenhof. Die Mischung ist sehr bunt: Goldfasan, Eichhörnchen, Zackelschafe, Rehe, Krähen, Raben, Zier- und Greifvögel, Murmeltiere, Rinder, Alpakas, Esel und etwa Katzen.

Aktuell werden sechs Rehkitze aufgepäppelt. Durch den Einsatz von Drohnen wurden sie vor der Mahd gerettet, aber von der Mutter nicht mehr angenommen. Eines ist verletzt. Das hat ein Jäger gefunden und zu Hans gebracht. Mit Massagen und Stabilisierungsübungen will er dem Kleinen helfen, gehen zu lernen. Bei den Gottbrechts landen verletzte und verwaiste Wildtiere genauso wie ausgesetzte oder lästig gewordene Haustiere. Bis aus Norddeutschland kommen Anrufe und Vermittlungen. „Die Leute finden uns im Internet oder werden durch Berichte in der Zeitung oder im Fernsehen aufmerksam. Oder das Veterinäramt und die Jäger schicken sie zu uns“, so Gottbrecht. So landen auch ungewöhnliche Exemplare bei ihm.

Die handzahmen Präriehunde und die nordamerikanischen Schönhörnchen bezeichnet er als Corona-Opfer. „Die wurden in der Pandemie für Kinder angeschafft und als sie nicht mehr interessant waren, landeten sie bei uns“, so der 78-Jährige. Da beide Arten nicht in Deutschland heimisch sind, dürfen sie nicht in die Natur entlassen werden. An die 50 Gockel mit prächtigem Gefieder stolzieren auf dem Gelände herum. „Die wurden für Ausstellungen angeschafft und dann nicht mehr gebraucht. Ich werde dann gefragt, ob ich sie nehme, sonst kommt die Rübe ab.“ Manchmal stirbt aber auch ein Halter und die Tiere benötigen eine neue Heimat. Und Hans und seine Frau können nicht Nein sagen, wenn ein „Viecherl“ sie braucht.

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