Traunstein/Bad Aibling – Jede Tat hat ihren Hintergrund. Auch der Ausbruch von Gewalt, der seit dem gestrigen Dienstag vor dem Landgericht Traunstein verhandelt wird, hatte seine Vorgeschichte. Eine lange Geschichte, verwickelt und erfüllt von Streitigkeiten, Furcht und Lügen. Das Ende war brutal: Eman E. (34) starb an schweren Kopfverletzungen, und ihre Leiche wurde wie Müll im Wald entsorgt. Nach Ansicht der Ermittler wurde sie am 11. November 2024 in Bad Aibling ermordet.
Verantworten muss sich dafür ihr Ehemann Abdelrehim M. (44). Er ist angeklagt, seine Frau, Mutter von drei Kindern, erschlagen zu haben. Wenn er es denn war: Warum schlug der Ägypter zu? Handelte er aus Sorge um seine Kinder, aus Wut, aus Eifersucht? Aus verletzter Eitelkeit? All das gilt es zu klären. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Von der Verteidigung war am ersten Prozesstag wenig zu hören. Ausnahme Regina Rick. Sie ist als Wahlverteidigerin von Abdelrehim M. nach Traunstein zurückgekehrt und fragte kritisch nach zum Ablauf der Ermittlungen: Waren die Nachforschungen der Polizei gegenüber Abdelrehim M. korrekt?
Zu Beginn der Beweisaufnahme ging das Gericht unter dem Vorsitz von Volker Ziegler weit zurück. Vorgetragen wurde eine Strafanzeige gegen Eman E. aus dem Sommer 2023. Ihr Mann bezichtigte sie schwerer Vergehen. Sie sollte die Kinder entführt haben, um ihn unter Druck zu setzen. Seiner Frau sei nur an Geld gelegen. Die Kinder habe sie benutzt, um auch in Deutschland Sozialleistungen zu erhalten.
Was ist dran an diesen Vorwürfen des erpresserischen Menschenraubs? Wie es aussieht, nichts: Die Behörden konnten weder eine Freiheitsberaubung der Kinder noch betrügerisches Verhalten gegenüber deutschen Behörden nachweisen, trug Ziegler vor. Hatte Abdelrehim M. seine Frau angeschwärzt? Er stellte Eman E. auch bei späterer Gelegenheit in ein schlechtes Licht. In einem Brief ans Familiengericht in Rosenheim ließ er sich über eine „Frauenmafia“ aus, die sich gegen ihn verschworen habe, und mit der sich seine Frau zusammengetan habe. Der Brief datiert vom Juli 2025, kurz nachdem die Leiche seiner Frau im Wald entdeckt und er selbst unter dringendem Tatverdacht festgenommen worden war. Eman E. kann sich nicht mehr äußern. Sie kann auch nichts mehr auf die Beleidigungen ihres Mannes entgegnen. Der beschimpfte sie in einem konfusen Schreiben zum Beispiel auch mal als „Schlampe“. Ihre Version war am gestrigen Dienstag dennoch zu hören. Während ihres Aufenthalts in einem Frauenhaus in München hatte sie ihre Leidensgeschichte niedergelegt, und diese Version trug Richter Ziegler vor. Man hörte: eine vollkommen andere Geschichte als die, die Abdelrehim M. unter die Leute gebracht hatte.
Demnach versuchte Abdelrehim M., sie und die Kinder einzusperren und in Ägypten festzuhalten, er nahm ihnen Handys und Papiere ab. Auch soll er Eman E. geschlagen und sie mit einem Messer bedroht haben. Einiges davon ist aktenkundig. Im August 2024 rief etwa eine Frau die Polizei an. Sie war Zeugin eines handgreiflichen Streits des ägyptischen Paares in der Wohnung im ersten Stock eines Hauses in Bad Aibling geworden. Abdelrehim M. soll seine Hände um den Hals seiner Frau gelegt haben. Später wurde die Wohnung durchsucht, nachdem auch noch eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt eingegangen war. Das Leben muss für Eman E. unerträglich geworden sein. Schließlich soll sie ihrem Mann mitgeteilt haben, dass sie ihn verlassen und zusammen mit den drei Kindern nach Ägypten zurückkehren werde.
War das der Auslöser für einen Mord? Davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Nachdem seine Frau ihren Abschied angekündigt hatte, habe Abdelrehim M. ihr mit einem Werkzeug, „vermutlich einem Hammer“, den Kopf eingeschlagen. Das trug Staatsanwalt Wolfgang Fiedler in der Verlesung der Anklageschrift vor. Die Tat habe er zwischen „9.41 Uhr und spätestens 15.34 Uhr“ begangen, hieß es weiter. Woher die Polizei das so genau weiß? Handydaten gaben den Ermittlern Hinweise. Noch am selben Tag, am 11. November 2024, meldete Abdelrehim M. seine Frau als vermisst.
Abdelrehim M. erst
spät unter Verdacht?
Wieder durchsuchte die Polizei die Wohnung. Hatte die Polizei Abdelrehim M. da schon im Verdacht, seine Frau umgebracht zu haben? Dann hätte man versäumt, ihm seinen Status als Beschuldigter mitzuteilen. Man habe ihn zum Zeitpunkt der Wohnungsdurchsuchung nicht im Visier gehabt, sagte jedoch Polizeihauptkommissar Jürgen M. vor Gericht aus. Zunächst versuchten die Ermittler, die Frau selbst zu finden. Bei der Spurensuche stießen sie auf ein Konto, das Eman E. bei der Sparkasse in München angelegt hatte. Eine letzte Kontobewegung konnte für den 8. November 2024 festgestellt werden.
Drei Tage später soll Abdelrehim M. seine Frau getötet und ihren Leichnam im Kofferraum seines Autos in ein Waldstück zwischen Jarezöd und Ellmosen transportiert haben. Dort habe er die Leiche im Unterholz versteckt, eingewickelt in eine Decke und einen Plastiksack für Gartenabfall, heißt es in der Anklage. Sollte die Polizei den Ägypter zunächst nicht verdächtigt haben, so änderte sich das ein halbes Jahr später. Genauer am 15. Juni 2025, um 15.44 Uhr: Zu diesem Zeitpunkt entdeckten die Beamten die Leiche von Eman E.
Am 17. Juni nahm die Polizei Abdelrehim M. fest, an seinem Arbeitsplatz in der Küche einer Klinik in Bad Aibling. Man möge ihn unauffällig abführen, ohne unnötiges Aufsehen bei seinen Arbeitskollegen zu erzeugen, bat Abdelrehim M., als ihm die Polizeibeamten die Handschellen anlegten. Morgen, Donnerstag, wird die Verhandlung fortgesetzt.