Bad Aibling/Traunstein – Der Angeklagte schreitet mit durchgedrücktem Rücken die Treppe zum Sitzungssaal 136 hinauf. Als die Handfessel gelöst ist, setzt er sich, den rechten Arm legt er lässig über die Lehne der Anklagebank. Den Kopf stützt er meist in Zeigefinger und Daumen der rechten Hand. Es wirkt, als ruhe Abdelrehim M. (44) in sich selbst. Dem Verfahren, in dem er sich wegen Mordes an seiner Frau Eman E. verantworten muss, folgt er auch am zweiten Tag, dem gestrigen Donnerstag, konzentriert und unbewegt. Nur als eine E-Mail seiner Frau zur Sprache kommt, in der sie sagt, ihr Mann habe ihr und den Kindern während des Urlaubs in Ägypten die Ausweisdokumente „geklaut“, damit sie nicht mit ihm nach Deutschland zurückreisen konnten, runzelt er die Stirn. Ein kurzer Moment der Irritation.
Noch immer ist für Unbeteiligte nicht abzusehen, ob der Ägypter etwas mit dem Tod seiner Frau zu tun hat. Es gibt kein Geständnis, auch eine Tatwaffe liegt nicht vor. In der Anklageschrift steht lediglich, dass es sich „vermutlich“ um einen Hammer gehandelt habe. Staatsanwalt Wolfgang Fiedler ist sich aber sicher. Er wirft dem 44-jährigen Koch Mord aus niedrigen Beweggründen vor.
Die Anklageschrift basiert auf den Erkenntnissen der Polizei, die lange und mit großem Aufwand ermittelte. Zwei Tage, nachdem die sterblichen Überreste der 34-Jährigen in einem Waldstück nahe Bad Aibling gefunden worden waren (15. Juni 2025), wurde Abdelrehim M. festgenommen. Seitdem, seit fast einem Jahr also, sitzt er in U-Haft. Zeit genug für die Ermittler, genügend Puzzleteile für ein schlüssiges Bild zusammenzutragen.
Was deutet also darauf hin, dass Abdelrehim M. am 11. November 2024 seine Ehefrau erschlagen hat? Bei einem Ehemann als dringend Tatverdächtigem liegt die Antwort im Verhältnis der Partner. Darin dürfte sich auch das Motiv finden lassen. Richter Volker Ziegler bemüht sich daher weiterhin, diese Beziehung auszuleuchten. So sagt an diesem Verhandlungstag eine Zeugin aus dem Frauenhaus in München aus, in dem Eman E. zwischen März und Juli 2023 Zuflucht gesucht hatte. Es werden außerdem verlesen: E-Mails zwischen Eman E. und der deutschen Botschaft in Kairo. Vor allem dieser E-Mail-Austausch lässt tief blicken. Das Paar und seine damals zwei Kinder hatten Urlaub in Ägypten gemacht. Dann hatte sich Abdelrehim M. allein auf die Rückreise nach Bad Aibling gemacht. Seiner Frau und den Kindern hatte er den Rückweg verbaut, indem er die Ausweise an sich nahm. Eman E. wandte sich deswegen mit der Bitte an die Botschaft, ihr und den Kindern Ersatzdokumente auszustellen. Man kann auch sagen: Eman E. nahm den Kampf mit der deutschen Bürokratie auf. Schließlich konnte sie sich, nachdem sie sich mit Jugendamt und Ausländerbehörden befasst hatte, allein auf den Weg nach Deutschland machen, wo sie sich das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder sichern wollte. Eine studierte, selbstbestimmte und tatkräftige Frau, die sich von ihrem Mann trennen wollte und dieses Vorhaben plante: Dieses Bild des Mordopfers entstand am zweiten Tag des Prozesses am Landgericht Traunstein. Eine Frau, die das Beste auch für ihre Kinder wollte und um die Gefahr wusste. „Ich habe Angst, mein Mann bringt mich um“, schrieb sie während des Aufenthalts im Frauenhaus.
Vorahnung
der Lebensgefahr
Hat sich die Ahnung bestätigt? Oder fiel Eman E. jemand anderem am 11. November 2024 in die Hände? Richter Ziegler macht sich die Antwort nicht leicht. Zeugen werden geladen, auch wenn sie zum Kerngeschehen, dem unmittelbaren Geschehen am Tag, an dem Eman E. starb, nichts sagen können.
Auch am zweiten Tag war von Streitigkeiten des Ehepaars um die Kinder die Rede. Zu erfahren war zwischenzeitlich auch, dass Abdelrehim M. seiner Frau massiv drohte. Hätte sich Eman E. nicht an die Behörden wenden können, um Schutz zu finden? Eine Nachbarin rief die Polizei, als sie Zeugin eines handfesten Streits zwischen Eman E. und Abdelrehim wurde. Sie berichtete sogar, gesehen zu haben, wie M. die Hände um den Hals von Eman E. legte. Als die Polizei in der Wohnung in Bad Aibling eintraf, bestätigten beide Eheleute zwar einen Streit. Aber von Handgreiflichkeiten oder Verletzungen sprach weder M. noch seine – von ihm getrennt befragte – Frau.
Warum machte Eman E. keine Angaben? Hatte sie ihre Flucht vor ihrem Mann möglicherweise schon so weit vorbereitet, dass ihr nichts mehr dazwischenkommen sollte, indem sie so tat, als sei nichts geschehen? Die Polizei machte sich dennoch Gedanken. Bei einer Vernehmung wegen des Sorgerechtsstreits im Juli 2023 gewann ein Polizeibeamter den Eindruck, dass Abdelrehim M. „seine Frau kontrollieren wollte“, wie er vor Gericht aussagte. Diesen Eindruck hinterließ auch die Aussage des Imams Ahmad Al-Khalifa aus Freimann, bei dem das Ehepaar offensichtlich Rat gesucht hatte. Auch er zeigte sich irritiert darüber, dass Eman E. das Frauenhaus aufgesucht hatte. Frauen seines Kulturkreises fühlten sich dort doch nicht wohl. Aber auch er berichtete von Drohungen des Ehemanns.
Verhandlung wird sich bis in den Oktober ziehen
Es gibt viel zu klären. Das sieht auch Volker Ziegler so. Er hat derweil weitere Sitzungstage am Landgericht Traunstein reserviert, und zwar bis in den Oktober hinein. Nicht, weil er unbedingt mit einem komplizierten, langwierigen Prozess rechne, stellt der Richter klar. Aber: „Vorsicht ist die Mutter des Vorsitzenden.“