Lederers Versprechen: „Wir strengen uns weiter an“

von Redaktion

Interview Mobilität, Nachtleben, Wohnen und Migration – Landrat Otto Lederer gibt Antworten auf die Fragen der Jugend

Rosenheim – Was muss sich in der Stadt und im Landkreis Rosenheim dringend ändern? Diese Frage stellten wir, die Volontärinnen und Volontäre von OVB und OVB24, den Jugendlichen aus der Region. Das Fazit: Es gibt einiges, was besser laufen könnte. Landrat Otto Lederer bezieht im exklusiven OVB-Interview Stellung.

Wie war Ihre Jugend in Rosenheim?

Ich hatte eine wunderschöne Jugend. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und da hat man viele Freiheiten gehabt. Obwohl ich meine Kinder- und Jugendzeit in eher einfachen Verhältnissen verbracht habe, war sie sehr schön, denn das Miteinander war wirklich großartig.

Die heutige Jugend beschäftigen die Themen ÖPNV und Mobilität. Der 19-jährige Flo fordert beispielsweise bessere Zugverbindungen in der Nacht. Planen Sie im Nahverkehrsplan, den Landkreis noch besser zu vernetzen?

Das ist das, was wir uns wünschen. Wir stellen immer wieder Forderungen an den Freistaat Bayern in Richtung Halbstundentakt und wir setzen uns dafür ein, dass der Schienenpersonenfernverkehr in Zukunft unsere Region noch besser erschließt. Leider können wir da nur bitten, denn die Vergabe im Nahverkehr läuft zentral über den Freistaat und die Mittel dafür gibt der Bund. Uns wird auch gesagt, dass gewisse Strecken schon sehr nahe an der Kapazitätsgrenze sind, sodass eine deutliche Ausweitung unter der derzeitigen Situation gar nicht möglich ist.

Wie sieht es bei den Bussen aus? Viele junge Leute fordern bessere Anbindungen im Landkreis. Ist eine Ausweitung geplant oder werden junge Leute auch in Zukunft auf ein Auto angewiesen sein?

Wir würden gerne den ÖPNV ausbauen. Dafür sind wir als Landkreis auch zuständig. Die Probleme sind hier zum einen die Finanzen und zum anderen, inwieweit das Angebot angenommen wird. Außerdem haben wir Bereiche, die sehr ländlich geprägt sind. Beispielsweise verteilen sich in Soyen 3000 Einwohner auf über 80 Ortsteile. Es ist unmöglich, das mit einer Buslinie sinnvoll zu erschließen. Deswegen setzen wir auf ein gestaffeltes Vorgehen.

Wie kann das aussehen?

Zum Beispiel mit einem On-Demand-System wie beim Rufbus „Rosi“. Zudem strengen wir uns weiter an, um größere Orte, Ortsteile oder Gemeinden besser mit einem Busangebot zu verbinden. So gibt es jetzt zum Beispiel den „Alpenbus“, eine neue Linie von Miesbach nach Rosenheim, die im Stundentakt fährt. Beim Chiemsee-Dreieck haben wir die Angebote insbesondere am Wochenende ausgebaut. Das alles kostet sehr, sehr viel Geld. Deshalb

machen wir uns weiter für die notwendigen Finanzmittel stark.

Neben dem ÖPNV war den jungen Leuten auch die Parkplatzsituation ein Anliegen. Als Landkreis sind Sie an der FOS in Rosenheim beteiligt. Durch den Neubau sind dort Parkplätze weggefallen und die, wo die Schüler noch parken dürfen, sollen auch entfallen. Wo sollen die Schüler in Zukunft parken?

Natürlich sind wir bemüht, Parkplätze zu generieren. Aber ähnlich wie bei uns am Landratsamt, wo nicht für jeden Mitarbeiter ein Parkplatz gestellt werden kann, ist es auch bei Schulen. Das große Ziel sollte sein, möglichst viel den ÖPNV zu nutzen, vielleicht auch Fahrgemeinschaften zu gründen, damit man den Individualverkehr so weit wie möglich reduzieren kann. Dass das auch nicht für jeden möglich ist, ist uns klar. Aber auf der anderen Seite sind die Möglichkeiten für Parkplätze begrenzt, weil eben auch die Flächen begrenzt sind.

Auch das Nachtleben ist ein wichtiges Thema. „Ich wünsche mir mehr Clubs, aber vor allem wünsche ich mir, dass mir in den Clubs in Rosenheim weniger Koks angeboten wird.“ Das wünscht sich Aaron von der Berufsschule I. Wie schätzen Sie das Nachtleben im Landkreis ein?

Jugendschutz ist uns sehr wichtig. In diesem Bereich sind wir unter anderem für das Thema Gesundheit und Prävention zuständig. Deshalb unterstützen wir Organisationen, die in diesem Zusammenhang tätig sind. Außerdem führen das Jugendamt und das Gesundheitsamt Kontrollen durch. Dabei wird beispielsweise überprüft, ob alkoholfreie Getränke angeboten und ob die Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden.

Gegen das Clubsterben selbst können Sie als Landrat nichts unternehmen?

Wenn das Clubsterben beispielsweise daran liegt, dass Fachkräfte fehlen, dann schon. Wir haben zum Beispiel eine Berufsschule mit gastronomischer Ausbildung, in die wir kräftig investiert haben. Wenn sich allerdings keine Betreiber mehr finden oder ein Club wirtschaftlich nicht mehr tragfähig ist, wird es auch für uns schwierig.

„In Rosenheim ist überhaupt nichts mehr los.“ Wie ordnen Sie diese Aussage ein?

Das kann ich tatsächlich nur schwer beurteilen, weil ich selten abends in Rosenheim unterwegs bin. Ich bin vor allem für den Landkreis zuständig, und dort ist abends einiges geboten. Wir versuchen auch, im kulturellen Bereich Projekte zu unterstützen, die Jugendliche interessieren. Über unsere Kultur-, Umwelt- und Sozialstiftung fördern wir verschiedene Vorhaben.

Sie haben bereits das kulturelle Angebot angesprochen. Einige junge Menschen haben sich hierfür mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Nehmen Sie diesen Bedarf ebenfalls wahr?

Ja, und genau deshalb versuchen wir, solche Projekte zu unterstützen. Das geschieht sogar auf internationaler Ebene. Über die Euregio stehen wir beispielsweise mit Tirol in Kontakt, um grenzüberschreitende Kulturprojekte zu ermöglichen.

Viele der Befragten haben Angst, dass sie sich keine eigene Wohnung leisten können. Was entgegnen Sie ihnen?

Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, insbesondere in unserer Region. Wir wissen, wohin die Grundstücks- und Baupreise gestiegen sind. Das ist ein Riesenthema, für das es keine einfache Lösung gibt. Mittelfristig wird es schwierig, Entspannung zu schaffen. Man muss an vielen Stellschrauben drehen, etwa andere Bauweisen zulassen, serielles Bauen fördern oder steuerliche Anreize schaffen, damit der Wohnungsbau wieder in Schwung kommt. Auch wir selbst müssen handeln: Es gibt Leerstand und Möglichkeiten zur Nachverdichtung. Der Landkreis ist dafür allerdings nicht originär zuständig, sondern die Kommunen. Als Landkreis versuchen wir, über unsere Wohnungsbaugesellschaft einen Beitrag zu leisten. In den vergangenen sechs Jahren haben wir die Anzahl der Wohnungen, die von der Wohnungsbaugesellschaft betrieben werden, verdoppelt.

Sie haben die Wohnungsbaugesellschaft bereits angesprochen. Wie viele Wohnungen umfasst diese derzeit und wie viele davon sind für Menschen mit geringem Einkommen geeignet?

Derzeit haben wir knapp 100 Wohnungen in der landkreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft. Für alle gilt dabei grundsätzlich derselbe Preis. Etwa die Hälfte der Wohnungen ist EOF-gefördert (einkommensorientierte Förderung, Anm. d. Red.). Dadurch können Menschen im Extremfall für fünf Euro pro Quadratmeter wohnen. Das sind tolle Angebote.

Gibt es derzeit Überlegungen, das Angebot noch auszuweiten?

Ja, wir versuchen weitere Projekte umzusetzen, aber das ist schwierig. Wenn wir marktübliche Grundstückspreise zahlen müssten, könnten wir keine Sozialwohnungen mehr bauen. Deshalb brauchen wir Grundstückseigentümer mit Verständnis für sozialen Wohnungsbau.

Im Gespräch mit uns haben Jugendliche angesprochen, dass sie sich mehr politische Bildung in Schulen wünschen. Zum Beispiel Rafael (17). Er fordert, dass man sich im Unterricht mehr damit beschäftigt – vor allem in Bezug auf die zunehmende Radikalisierung. Wie könnte man das angehen?

Ich denke, da hat die Politik schon reagiert. Zum einen ist es tatsächlich so, dass politische Bildung bei der letzten Lehrplanreform deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Und zum Zweiten hat der Freistaat Bayern die Verfassungsviertelstunde eingeführt, bei der man einen speziellen Schwerpunkt auf dieses Thema legt. Für Inhalte und die Lehrer selbst ist in der Regel der Staat zuständig. Aber als Kommunen transportieren wir diese Dinge nach oben: über unsere Gremien oder dadurch, dass man direkt an die Politik herantritt.

Ein weiteres Thema, das die Jugendlichen beschäftigt, ist Integration. Abdiaziz (19) kommt aus Somalia und lebt in der Containerunterkunft in Bruckmühl. Er will eine Ausbildung zum Elektriker machen. Aber er meinte, dass die Bürokratie es ihm schwer macht. Was würden Sie ihm raten?

Insbesondere bei Menschen mit Migrationshintergrund, die eine Bleibeperspektive bei uns im Land haben, wird alles unternommen, damit diese eine entsprechende Ausbildung bekommen. Wir haben zum Beispiel an der Berufsschule Bad Aibling Berufsintegrationsklassen. Dadurch schaffen wir speziell für Schüler mit Migrationshintergrund Angebote, damit sie Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Wo bei Abdiaziz die speziellen Hürden sind, weiß ich nicht. Aber normalerweise, wenn Motivation und Wille da sind, gibt es tolle Angebote. Es ist uns auch wichtig, jedem eine Chance zu geben. Nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, auch Menschen mit Behinderung.

Viele junge Migranten können und wollen schnell Arbeit finden. Braucht es eine schnellere Arbeitserlaubnis für sie?

Die meisten können nach einem Vierteljahr schon eine Arbeitserlaubnis erhalten. Das größere Problem ist die Sprachbarriere, denn in einem Vierteljahr erlernt man nicht unbedingt eine Sprache. Auch hier ist es so, dass für die meisten der Weg offen ist. Das hängt aber immer davon ab, wie groß die Bleibeperspektive ist.

Zahlreiche Jugendliche haben erzählt, dass es im Landkreis viel zu wenig frei zugängliche Sportstätten gibt. Was kann man dagegen tun?

Frei zugängliche Sportstätten sind grundsätzlich Aufgabe der Gemeinden. Der Landkreis baut Sportstätten meist nur in Verbindung mit Schulen. Diese sind aber selten öffentlich zugänglich. Dass das Thema schwierig ist, ist klar. Ich bekomme Beschwerden, wenn Jugendliche die Schulsportanlagen am Wochenende nutzen, etwa wegen Lärm oder Müll. Trotzdem ist es schwierig, ausreichend frei zugängliche Sportstätten für Jugendliche zu schaffen. Die Kommunen arbeiten daran, aber es bleibt eine Herausforderung.

In Rosenheim wird gerade das Bridge-15-Projekt fertiggestellt. Ist der Landkreis daran beteiligt und gibt es hier ähnliche Projekte?

Nein, das Projekt liegt in der kreisfreien Stadt Rosenheim, deshalb sind wir nicht beteiligt. Solche Projekte halte ich aber für sehr sinnvoll. Auch im westlichen Landkreis sollen Angebote für Biker entstehen. Es gibt Initiativen, aber unter der aktuellen Haushaltslage ist es für die Kommunen schwierig, Geld für freiwillige Leistungen bereitzustellen.

Interview:
Sophie Mischner,
Magdalena Aberle,
Thomas Bösl und

Theresa Gruber

OVB-Volontäre haken bei jungen Themen nach

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