In einer unserer Pfarrkirchen wurde die Schließanlage erneuert. Der Austausch der alten Schließzylinder war längst überfällig. Ratlos stehe ich nun vor der verschlossenen Orgelempore, denn mein alter Schlüssel passt nicht mehr und der neue wurde mir noch nicht ausgehändigt. Ein ganzer Bund wichtiger Schlüssel, lange Jahre sorgsam gehütet und plötzlich doch unbrauchbar geworden. Vielleicht ist es mit Schlüsselpositionen im Beruf ähnlich. Einmal werde ich alle meine Schlüssel abgeben, andere werden sie übernehmen. Wer bin ich dann noch? Mit dieser Frage kommen tatsächlich manche nach dem Ruhestand oder einem anderen einschneidenden beruflichen Verlust zu mir in die Sprechstunde. Spätestens dann wird klar, dass anderes wichtiger ist: Familie, Freundschaften, tragfähige Beziehungen und Erinnerungen an bereichernde Begegnungen, die bleiben, wenn Schlüsselpositionen verloren gehen. Jede Lebensphase eröffnet neue Möglichkeiten. Vielleicht langsamer und unscheinbarer als früher, aber oft auch tiefer und erfüllender. Es heißt, wo eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere. In der Bibel ist häufig von Türen die Rede. Gott führt Menschen hinaus aus dem Vertrauten und hinein in Neues. Abraham verlässt seine Heimat, Mose seine sichere Rolle bei der Herde, die Freunde Jesu ihre Fischernetze. Keiner wusste genau, was kommen würde. Aber alle erfahren: Das Leben ist größer als das, woran sie sich festhalten wollten. Vor der verschlossenen Orgelempore kommt mir schließlich die Mesnerin zu Hilfe. Sie hat die neuen Schlüssel schon. Wie gut, wenn wir nicht allein sind!