Traunstein/München – Der Berufungsprozess gegen Professor Dr. Ludwig Kroiß (67) dürfte nun auf die Zielgerade einbiegen – fünf Jahre nach der mutmaßlichen Tat. Am vergangenen Donnerstag wurde in München wieder gegen den früheren Präsidenten des Traunsteiner Landgerichts verhandelt. Hat er eine damalige Sekretärin nach einem Umtrunk im Büro direkt auf den Mund geküsst? Das wäre sexuelle Belästigung.
Verteidiger stellen
etliche Anträge
Die Verteidiger von Kroiß stellten an diesem zwölften Verhandlungstag erneut etliche Anträge. Sie dürften alle ins Leere gehen – bis auf einen: Kroiß‘ Nachfolgerin im Amt muss als Zeugin aussagen. Anja Kesting heißt die Frau, die offiziell nach Kroiß Präsidentin des Traunsteiner Landgerichts wurde. Zur Zeit des mutmaßlichen Kusses – es war der 1. September 2021 – war Kesting am Oberlandesgericht München beschäftigt. Zuständig war sie dort für Personalangelegenheiten des nichtrichterlichen Dienstes. „Kesting soll beim nächsten Termin geladen werden“, so Richterin Susanne Neupert. Denn Kroiß‘ Verteidiger vermuten: Kesting könnte die Sekretärin damals zur Anzeigenerstattung ermutigt haben.
Am 29. Juni wird der Prozess in München fortgesetzt, mit der aktuellen Präsidentin des Traunsteiner Landgerichts im Zeugenstand.
Aber nicht nur das: Richterin Neupert machte klar, danach an die Plädoyers gehen zu wollen und im Anschluss das Urteil zu fällen.
Die Verteidiger von Ludwig Kroiß – Anita Süßenguth, Holm Putzke und Philip Müller – hatten es am Donnerstag noch mit einer Reihe weiterer Anträge probiert. Sie wollten weitere Gutachten zur Glaubwürdigkeit der Sekretärin (35) oder ihre damaligen Hausärzte und Psychologen als Zeugen laden – auch wenn gar keine Entbindung von der Schweigepflicht vorliegt. Die Verteidiger wollten auch eine wichtige Zeugin noch einmal laden. Eine gute Freundin der Sekretärin, mit der sie sich direkt nach dem mutmaßlichen Kuss traf. Diese Freundin sagte bereits aus, ihr habe die Sekretärin ganz aufgelöst erzählt, es sei nur ein Kuss-Versuch gewesen und dass die Lippen von Ludwig Kroiß nur auf der Backe gelandet wären – eine Straftat wäre das wohl nicht.
Verteidigerin Süßenguth vermutete: Die Sekretärin habe mit der Zeit eine „zunehmende Belastungsintensität“ entwickelt oder habe womöglich einen „Hang zur Übertreibung“. Kroiß‘ ehemalige „Vorzimmerdame“ ist selbst Justizbeamtin. Inzwischen lebt sie in Nordbayern. Nach Feierabend habe sie der Gerichtspräsident immer wieder zu einem Glas Wein in sein Büro eingeladen. Mit der Zeit sei es dann immer mehr Alkohol geworden – und Ludwig Kroiß habe auch Komplimente und anzügliche Bemerkungen gemacht, sagte sie als Zeugin aus.
„Noch heute freudlos,
hoffnungslos und labil“
Wenige Monate nach dem mutmaßlichen Kuss meldete sie sich arbeitsunfähig und ging in Therapie. Eine psychiatrische Gutachterin sagte: Noch heute wirke sie freudlos, hoffnungslos, labil und ängstlich.
Traunsteins früherer Landgerichtspräsident hat sich selbst im Berufungsprozess nicht zu den Vorwürfen geäußert. In erster Instanz wurde Kroiß im Juni 2024 zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der Richter ging damit über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die nur eine Geldstrafe vorsah.
Ludwig Kroiß sprach im Prozess von „Skandalen“ bei den Ermittlungen und witterte ein „Komplott“ gegen ihn. Bereits im Juli 2023 ging er vorzeitig in den Ruhestand.