Wie der Klimawandel tropische Seuchen zu uns bringt

von Redaktion

Interview Rosenheims Gesundheitsamt-Chef Dr. Wolfgang Hierl erklärt, wie gefährlich Zoonosen sind

Rosenheim – Corona haben wir hinter uns gebracht. Doch drohen nun die nächsten Pandemien? Im Kongo breitet sich Ebola rasant aus, vor einigen Wochen sorgte das Hantavirus für Schlagzeilen. Viele Krankheiten sind von Tieren auf den Menschen übergesprungen. Was man tun sollte, was lieber lassen, ob der Klimawandel Erreger fördert und warum Hausarbeit ein Risiko darstellt: Dr. Wolfgang Hierl, Chef des Staatslichen Gesundheitsamts Rosenheim, erklärt es im OVB-Exklusivinterview.

Immer häufiger hört man von Zoonosen, von Krankheiten also, die vom Tier auf den Menschen übergehen. Ganz neu ist das nicht. Stichwort Pest. Das war ursprünglich mal eine Nagetierseuche

Ja. Das waren die großen Pandemien des Mittelalters, und bis ins 19. Jahrhundert tauchte die Pest immer wieder auf. Sie forderte weit über 100 Millionen Tote.

Pest ist praktisch zum Synonym für alles geworden, was massenhaft Menschen tötet

Kann man so sagen. Und – die Pest ist nicht ausgestorben. Sie kommt vor allem in Madagaskar und Afrika vor. Es gibt sogar in den USA noch Landstriche, wo die Seuche endemisch ist.

Könnte die Pest uns wieder gefährlich werden?

In Deutschland gibt es keine Nachweise von autochthonen, also in Deutschland selbst übertragenen Fällen. Es gibt auch keine Nachweise, dass der Erreger hierzulande in Nagetieren zirkuliert. Wenn hier Fälle gemeldet werden, dann sind das importierte Fälle.

Corona kam mit China-Rückkehrern nach Europa. Heute sorgen wir uns vor dem Hantavirus, dem Dengue-Fieber, dem Bornavirus. Alles Krankheiten, die von Tieren übertragen werden. Wovor müssen wir uns hüten, wenn es um den Kontakt zwischen Tieren und Menschen geht?

Man kann sich auch fragen: Was soll man tun? Das Gute ist ja, dass man bei den meisten dieser Infektionen Präventionsmöglichkeiten hat.

Sprich Impfungen.

Ja, zum Beispiel, wenn es um Zecken geht, die FSME übertragen können. Für Fernreisende in tropische und subtropische Regionen gibt es Impfungen gegen Infektionskrankheiten, die durch Stechmücken übertragen werden. Zum Beispiel Gelbfieber oder Dengue-Fieber, übertragen von der Tigermücke. Hierzu gibt es Empfehlungen der Stiko. Wer Fernreisen plant, sollte sich in seiner Hausarztpraxis oder gerne auch bei uns im Gesundheitsamt beraten lassen.

Wie ist es bei Hantaviren? Oder dem noch gefährlicheren Bornavirus?

Bei Hantaviren erfolgt die Ansteckung durch Inhalation der Ausscheidungen von Rötel- oder Brandmaus. Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch Fieber, Gliederschmerzen und eine Nierenfunktionsstörung bis zum akuten Nierenversagen. Zudem kann eine Störung der Blutgerinnung auftreten. Die Feldspitzmaus überträgt das Bornavirus, und diese Infektionen sind zwar selten, verlaufen aber fast immer tödlich.

Gegen beide Erkrankungen gibt es keine Impfung. Generell sollten Menschen darauf achten, diese Nager nicht direkt zu berühren. Auch nicht die Kadaver. Tote Mäuse sollten nur mit Einmalhandschuhen und mit Mund-Nasen-Schutz, besser einer FFP2-Maske, angefasst und sicher in einem Plastiksack verschlossen werden. Und wenn man seinen Schuppen oder Dachboden sauber macht, sollte man nicht einfach munter drauflos kehren, sodass viel Staub aufgewirbelt wird, der dann eingeatmet wird. Auch kehren sollte man mit FFP2-Maske. Am besten sollte man zuvor den Boden anfeuchten. Je nachdem, um was für einen Erreger es sich handelt, gibt es Präventionsmaßnahmen. Besondere Angst muss man also nicht haben.

Hat der Vormarsch solcher Erreger etwas mit Globalisierung zu tun? Oder mit der Klimaerwärmung?

Man kann das nicht verallgemeinern. Aber natürlich verändert der Klimawandel auch das Auftreten von Infektionskrankheiten. Das sieht man zum Beispiel beim Dengue-Fieber; das war ursprünglich in den Tropen und Subtropen beheimatet, in Südamerika hat es in den vergangenen Jahren explosionsartig zugenommen. Mittlerweile hat sich die Tigermücke, ein Überträger des Denguevirus, in 13 europäischen Ländern verbreitet.

In Europa sind auch schon autochthone Dengue-Fälle aufgetreten, vor allem in Frankreich, Italien und Spanien. Aufgrund der klimatischen Verhältnisse kann sich dieses Virus dort auch etablieren.

Wann kommt das Virus dann in Deutschland an?

Wir hoffen niemals (lacht). Bislang gab es noch keine autochthonen Fälle in Deutschland. Aber das ist natürlich keine Sicherheit für die nächsten Jahrzehnte. Das Gesundheitsamt beobachtet hier im Landkreis Rosenheim seit ein paar Jahren punktuell das Auftreten der Tigermücke. Es werden Mückenfallen aufgestellt, gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). So können wir sehen, wie viele Tigermücken-Exemplare zu finden sind. Vor allem können wir so die wichtige Frage beantworten: Sind die Tigermücken hier schon heimisch?

Bislang können wir auf alle Fälle Entwarnung geben. Wir haben an der Autobahnraststätte Samerberg zwar jedes Jahr Tigermücken gefunden. Aber das LGL hat spezielle genetische Untersuchungen durchgeführt. Und es konnte dabei feststellen, dass es sich jeweils um importierte, also eingeschleppte, Tiere gehandelt hat, die hier nicht schon überwintert haben.

Die machen praktisch an der Autobahnraststätte auf der Durchreise Rast.

So muss man sich‘s ungefähr vorstellen, tatsächlich. Die reisen sozusagen als „blinde Passagiere“ mit Lkws und Autos mit. Und natürlich nicht nur am Samerberg, sondern man geht davon aus, dass das auch an anderen Raststätten geschieht und auch nicht nur im Landkreis Rosenheim, sondern auch in anderen Landkreisen.

Und ja, dort verlassen sie die Fahrzeuge und geraten dann auch in eine unserer Fallen.

Bei so viel Mobilität kann man sich vorstellen, dass da nicht nur Güter transportiert werden, sondern auch fremde Tierarten, fremde Erreger. Zeichnet sich am Horizont etwas ab, was Ihnen ähnlich Sorge bereitet wie damals SARS-CoV-2?

Ich schaue mir regelmäßig die Seiten der Weltgesundheitsorganisation an, die Disease Outbreak News, wo immer auch schwerwiegende Ausbruchsfälle weltweit aufgezeichnet werden, so wie jetzt der Ebola-Ausbruch mit dem Bundibugyovirus in der Demokratischen Republik Kongo und die Fälle in Uganda. Aber natürlich auch alle Meldungen, die Influenza und Vogelgrippe anbelangen.

Es ist in der Fachwelt klar, dass es pathogene Infektionserreger gibt, die das Potenzial haben, sich so zu verändern, dass sie möglicherweise in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Wie schaut‘s beim Hantavirus aus? Es gibt einen Typus, der sich von Mensch zu Mensch übertragen kann, den Andes-Typ.

Genau, hier handelt es sich um den Andes-Typ, der auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius zu einem Ausbruchsgeschehen geführt hatte. Das Andesvirus kommt in Südamerika vor. Es ist mit der einzige Typ von Hantaviren, der sich von Mensch zu Mensch übertragen lässt und auch von der Symptomatik her schwerer als die üblichen Hantavirus-Infektionen verläuft. Es können dabei schwere Lungenentzündungen auftreten, mit einer vergleichsweise hohen Sterblichkeit.

Wie schnell können diese Viren-Typen mutieren?

Was die Mutationsfähigkeit anbelangt, ist das Hantavirus nicht mit dem Coronavirus zu vergleichen.

Michael Weiser

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