Rosenheim – Gegen 21.30 Uhr nahm das Martyrium seinen Lauf. Mit einem Klingeln an der Wohnungstür. Es war der Abend des 13. Mai 2024. Nichts deutete darauf hin, was gleich in der Pernauerstraße in Rosenheim passieren sollte. Das Läuten der Klingel wunderte den 31-jährigen Rosenheimer daher auch nicht. Vermutlich nur einer der zahlreichen Nachbarn in dem Mehrparteienhaus, glaubte er. Nichtsahnend ging er zur Tür, öffnete sie, nahm noch eine schemenhafte Bewegung wahr. Dann war da nur noch Schmerz.
Eine brennende Flüssigkeit
am ganzen Körper
Am Oberkörper, an den Beinen, im Gesicht, in den Augen. Der 31-Jährige rannte ins Badezimmer, sprang unter die Dusche, wusch sich die brennende Flüssigkeit vom Körper, die ihm jemand entgegengekippt hatte. Kurz darauf wählte er den Notruf.
Für die Rosenheimer Polizei begannen in diesem Moment Ermittlungen, die den Beamten bis heute in Erinnerung geblieben sind. „Auch im Nachgang ist mir ein solcher Fall in Rosenheim nicht bekannt“, sagt Polizeihauptkommissar Robert Maurer.
Wie die Kriminalpolizei noch in der Tatnacht herausfinden wird, war der Rosenheimer an der eigenen Wohnungstür hinterhältig angegriffen worden. Von einem vermummten Täter. Vielmehr konnte der 31-Jährige nicht erkennen – zu schwer waren bereits die Verletzungen an seinen Augen. „Die weiteren Ermittlungen stellten wir ein wenig hinten an, da wir uns zunächst zusammen mit dem Rettungsdienst um die Verletzungen kümmern mussten“, erinnert sich Maurer. Von Beginn an vermutete die Polizei, dass das Opfer Säure abbekommen hatte, so der Hauptkommissar.
Genauer gesagt: einen halben Liter Flusssäure. Diese Säure, auch Fluorwasserstoffsäure genannt, ist eine farblose, stechend riechende Flüssigkeit, die auf der Haut stark ätzend wirkt – und die auf einer Fläche von zehn auf zehn Zentimetern tödliche Verletzungen anrichten kann. Eigentlich wird die Säure in der Industrie zur Reinigung oder zum Beispiel zum Beizen von Edelstahl hergenommen. Auch Glas kann die Säure auflösen. Auf die nackte Haut sollte sie auf keinen Fall gelangen.
„Flusssäure hat im Vergleich zu anderen Säuren die unangenehme Eigenschaft, dass sie besonders tief ins Gewebe eindringt“, erklärt Professor Dr. Florian Eyer, Chefarzt für Klinische Toxikologie und des Giftnotrufs München im Klinikum Rechts der Isar. Flusssäure gehöre daher zu den gefährlichsten Säuren, die auch einem Facharzt unterkommen können. Die typischen Verletzungen seien Verätzungen an Beinen und Händen, tief reichende Haut- und Gewebeschäden, im Gesicht massive Schäden an den Augenlidern oder an der Hornhaut. Dies könne schnell zum Erblinden führen. Wenn die Säure geschluckt wird, können die Lippen und der Mund-Rachen-Raum verätzt werden, sagt Eyer. Genauso besteht die Gefahr, dass lebenswichtige Organe oder die Luft- und Speiseröhre angegriffen werden. Wenn die Säure dorthin gelangt, endet es schnell tödlich.
Flusssäure als Tatwaffe
eine absolute Seltenheit
„In der Vergangenheit haben wir nach dem Verschlucken von Flusssäure tragische Fälle mit tödlichem Verlauf oder sehr, sehr langen intensivpflichtigen Aufenthalten begleitet“, sagt der Chefarzt. Die meisten Patienten mit Flusssäure-Verletzungen, die er behandelt, seien nach Unfällen eingeliefert worden, etwa wenn beim Reinigen in Betrieben etwas versehentlich verschüttet wird. Auch Fälle mit suizidaler Absicht habe es schon gegeben.
Was es hingegen nicht oft gibt, ist, dass Flusssäure als Tatwaffe eingesetzt wird. „Das ist extrem selten“, sagt Florian Eyer. Zu der Einschätzung kommen auch Hauptkommissar Robert Maurer und Simeon Feuerstein. „In meiner Praxis habe ich viele Fälle mit Schusswaffen, mit Messern, mit anderen gefährlichen Werkzeugen, aber ein solcher Säurefall – das war doch etwas Außergewöhnliches“, sagt der Münchener Rechtsanwalt, der den 31-Jährigen als Nebenkläger in dem später beginnenden Prozess vor dem Landgericht Traunstein vertrat.
Rund anderthalb Wochen nach der Tat fasste die Polizei den damals 40-jährigen Täter aus dem Landkreis Traunstein – und die Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen versuchten Mordes aus Heimtücke an. Versuchter Mord, weil die Flüssigkeit so gefährlich ist. Heimtücke, weil das Rosenheimer Opfer zu dem Zeitpunkt nicht mit einem Angriff rechnen musste und sich nicht verteidigen konnte.
Dem Täter kamen die Ermittler aus mehreren Gründen auf die Schliche. Zum einen war da seine Verbindung zu dem 31-jährigen Opfer. Eigentlich kannten sich die Männer nicht, aber sie hatten auf dieselbe Frau ein Auge geworfen. Der Mann aus dem Landkreis Traunstein war bis wenige Monate vor der Tat mit einer damals 37-Jährigen aus Rosenheim zusammen. Weil man sich aber nie einig wurde, wo man zusammenziehen möchte, hätten sich die beiden auseinandergelebt und getrennt. Die Frau hatte danach immer häufiger etwas mit dem 31-Jährigen aus Rosenheim unternommen, den sie vom Bergsport her kannte.
Tat war wohl
perfide geplant
Eifersüchtig sei er gewesen, hielt ihm der Vorsitzende Richter am Landgericht während der Verhandlung vor, die im Februar 2025 begann. Der 40-Jährige – eigentlich ein sehr friedliebender Mensch, so beschrieben ihn alle Zeugen vor Gericht – hatte die Sorge, von dem „jungen Hüpfer“ ersetzt zu werden. So hätte er den Entschluss gefasst, seinen Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen, stellte der Richter damals fest.
Nachgewiesen werden konnte dem Mann, dass er geheim Kontakt zu seinem Konkurrenten aufgenommen hatte. Dazu besorgte er sich eine zweite Handynummer, gab sich als „Sylvia“ aus und fragte sein späteres Opfer über alles aus, was er wissen musste. Über dieselbe Nummer bestellte der 40-Jährige auch unter falschem Namen die Flusssäure, die bei einer Durchsuchung in seiner Firma gefunden wurde. Einzig, wie er die rund 70 Kilometer von seinem Wohnort zum Tatort zurückgelegt hatte, blieb offen. Da aber alle anderen Indizien gegen ihn sprachen, verurteilte ihn das Gericht letztlich zu neun Jahren Haft.
Bis heute leidet das
Opfer an den Folgen
Für den Rosenheimer war mit dem Urteil das Martyrium – so beschrieb der Richter seinen Leidensweg – noch nicht vorbei. Bis heute hat er mit den Folgen des Angriffs zu kämpfen. „Dass man sich von einem Flusssäure-Anschlag nicht von heute auf morgen erholt, das ist ganz klar. Und dass dabei generell Verletzungen zurückbleiben können, die noch längerer Behandlung bedürfen, ist wohl auch klar“, sagt Nebenklagevertreter Simeon Feuerstein. Sein Mandant war wochenlang im Krankenhaus, musste notoperiert werden und brauchte Hauttransplantationen.
Inzwischen kann der Rosenheimer sich trotz der Verätzungen an Augen und Gesicht wieder einigermaßen zurechtfinden. Autofahren, Arbeiten oder Ausflüge in die Berge gehören aber zu den schwierigen Dingen. Überlebt hat er wohl nur, weil er sich das mit Säure durchtränkte T-Shirt sofort vom Leib gerissen hat. Gezeichnet wird er aber wohl dennoch sein Leben lang von dem Angriff bleiben.
Sein Peiniger verbüßt weiterhin seine Haftstrafe. Im Gefängnis wird er noch einige Zeit seines Lebens verbringen müssen. Aber auch das Leben der damals 37-Jährigen wird durch den Anschlag wohl einen großen Einschnitt erfahren haben.
Alle Hintergründe zu dem Fall sind nachzuhören in der neuesten Folge des OVB24-Podcasts „True Crime zwischen Inn und Alpen“ – überall, wo es Podcasts gibt.