„Sie wollte etwas aus sich machen“

von Redaktion

Das grausame Verbrechen an Eman E. in Bad Aibling beschäftigt das Landgericht Traunstein. Während der Prozess am fünften Verhandlungstag neue Details über das Leben der getöteten dreifachen Mutter offenbart, bleibt die Tragödie vor ihren eigenen Kindern bis heute geheim.

Traunstein/Bad Aibling – Eine 34-jährige Ägypterin, die von ihrem Ehemann am 11. November 2024 in Bad Aibling gewaltsam getötet worden sein soll, war offensichtlich eine liebevolle Mutter der drei gemeinsamen Söhne. Im Traunsteiner Schwurgerichtsprozess wegen Mordes aus Heimtücke zeichnete ihre 24-jährige Schwester gestern das Bild einer Frau aus einer guten, wohlhabenden Familie in Ägypten, die etwas im Leben erreichen wollte und sich für ihre Kinder eine Zukunft in Deutschland wünschte.

Kinder sollen nichts vom
Tod der Mutter wissen

Die Kinder wissen nach den Worten der Nebenklägerin, die die Familie zusammen mit der Rechtsanwältin Betül Demir und ihrem Kollegen Aymen Nofal aus Neuss vertritt, bis heute nichts über das Schicksal ihrer Mutter.

Der Angeklagte hatte seine Frau unmittelbar nach dem 11. November 2024 bei der Polizei als vermisst gemeldet. Sie habe ihre Sachen in einen Koffer gepackt und sei einfach verschwunden, gab er an. Er solle sich künftig selbst um die Buben kümmern, habe ihm die 34-Jährige erklärt, so die Aussage des Ehemanns.

Bei einer Nachschau der Polizei in der Wohnung am 5. Dezember schliefen die Kinder. Ihre Mutter war nirgends zu entdecken. Ihr skelettierter Leichnam wurde erst sieben Monate später zufällig in einem Waldstück bei Bad Aibling von der Polizei entdeckt. Das zuständige Kreisjugendamt Rosenheim hat den Angehörigen nach den Worten der 24-Jährigen verboten, die Buben aufzuklären. Sie haben alle einen deutschen Pass und wohnen aktuell bei einer deutschen Pflegefamilie. Es soll ihnen recht gut gehen.

Das Leben des Mordopfers stand im Mittelpunkt des fünften Prozesstages. Dazu sagte der Vorsitzende Richter Volker Ziegler: „Wir wollen die Verstorbene kennenlernen.“ Die 34-Jährige wuchs nach den Angaben ihrer Schwester in Ägypten als eines von sieben Geschwistern auf. Der Vater war ein pensionierter Oberstleutnant, die Mutter Hausfrau. Die Familie lebt bis heute in ihrem großen Haus mit mehreren Wohnungen.

Die 34-Jährige hatte Psychologie und Soziologie in Kairo studiert, bereits den Bachelor erworben und das Vorbereitungsstudium für den Magister beendet. Ihre Schwester schilderte: „Sie war ein sehr guter Mensch. Alle liebten sie. Sie wollte etwas aus sich machen.“ Das habe auch der Angeklagte gewusst, als sich das Paar im Jahr 2014 in Ägypten kennenlernte.

„Sie hat sich in
ihn verliebt“

Während sie aus liberaleren Verhältnissen kam, stammte er aus einem kleinen, eher konservativen Dorf im Süden. Der 44-Jährige lebte bereits in Deutschland und wandte sich damals über eine Bekannte an den Vater der 34-Jährigen. Er wolle eine ehrgeizige junge Frau finden, mit der er in Deutschland etwas aufbauen wolle. Der Vater lehnte das ab.

Die Schwester im Zeugenstand sagte: „Sie aber hat sich in ihn verliebt. Innerhalb einer Woche waren die beiden verheiratet.“ Der Ehemann forderte von seiner Frau zunächst, in seinem Dorf zu bleiben. Dort habe sie „nicht leben können“, so die Schwester. Seine Behauptung, er habe eine Wohnung in Gizeh gekauft, habe sich als falsch herausgestellt.

Im Jahr 2019 folgte die Frau ihrem Mann nach Bad Aibling, auch, um dort ihre Bildung fortzusetzen. Laut der Schwester war die Verbindung von Anfang an von vielen Problemen belastet. Oft habe sie ihrer Familie gegenüber „unschöne Beleidigungen“ erwähnt, nicht aber häusliche Gewalt. Die 34-Jährige habe ihrem Mann „alles verziehen“. Sie habe sich bei Streitigkeiten um Geld und Kinder nicht gewehrt, nur geweint. Wenn er sie geschlagen habe, habe sie das nach außen hin geleugnet und eine Nachbarin bezichtigt, „gelogen“ zu haben. Auch gegenüber ihrer Familie habe sie eher geschwiegen. Die Nebenklägerin nannte als Grund: „Der Angeklagte hat gesagt, wenn irgendetwas passiert, werde ihnen das Jugendamt die Kinder wegnehmen.“

Isolation und
Todesdrohungen

Ihr Alltag beschränkte sich auf Befehl des Ehemanns auf die Wohnung, schilderte die Nebenklägerin. Als die Buben in den Kindergarten gingen, war das Hinbringen und Abholen schon „wie ein Ausgang“.

Ob die 34-Jährige Deutschland geliebt habe, bezweifelte die Zeugin: „Sie hat ihr Leben in Ägypten vermisst. Aber sie wollte, dass die Kinder in Deutschland bleiben. Sie hat begriffen, dass sie hier eine Zukunft haben. Ihre Seele aber war in Ägypten.“

Mit ihrer Schwiegermutter sei es auch schwierig gewesen. Nach einem Streit zwischen der 34-Jährigen und seiner Mutter habe der Angeklagte ein Messer genommen: „Er wollte seine Frau vor den Augen der Kinder abschlachten.“ Die Schwiegermutter habe gefleht: „Tu das nicht. Sonst richtest du dich zugrunde.“ Im Juni oder Juli 2023 sei die Schwester nach München in ein Frauenhaus geflohen. Mit dem Versprechen, sich geändert zu haben, holte sie der Angeklagte zurück.

Weitere Schwester kurz
vor Prozess gestorben

Als die Schwester ein letztes Mal im Januar 2025 Chat-Kontakt nach Bad Aibling hatte, habe ein Au-pair-Mädchen ihr geschildert, es habe einen gepackten Koffer von der Schwester in der Wohnung gesehen. Die Zeugin sagte weiter: „Wie konnte sie die Wohnung mit Koffer im November 2024 verlassen, wenn die Au-pair den Koffer im Januar 2025 gesehen hat?“

Eigentlich stand auf dem Plan des Schwurgerichts, eine weitere Schwester der Getöteten Eman E. anzuhören. Die Zeugin verstarb jedoch wenige Wochen vor Beginn der Verhandlung in Ägypten – in der Nacht zum 22. Mai.

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