Herrenchiemsee – Es wird bald ein Bronze-Tastmodell der Insel Herrenchiemsee samt Neuem und Altem Schloss, seiner Nebengebäude und seiner Parkanlagen geben. Der Lions Club Chiemsee-Westufer hat das Modell initiiert und gestiftet, das der Künstler Felix Broerken aus Welver in Westfalen in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Schlösserverwaltung geschaffen hat. Nun ist es bald so weit: Am morgigen Samstag wird das Modell der Bayerischen Schlösserverwaltung feierlich übergeben. Die Übergabe findet vor dem Besucherinformationszentrum auf der Herreninsel statt, also in unmittelbarer Nähe der Schiffsanlegestelle.
Sehenswürdigkeiten
dreidimensional
Wie kommt man auf die Idee, auch Menschen mit eingeschränkter Sehkraft die Insel und ihre Schönheit nahezubringen? „Ganz einfach“, sagt Barbara Freyberger. Die gebürtige Baslerin hatte schon länger das Modell „ihres“ Basler Münsters vor Augen, das Egbert Broerken 2013 geschaffen hat. „Ein Tastmodell soll auch Blinden und Sehbehinderten ermöglichen, die Sehenswürdigkeiten dreidimensional zu erkunden.“ Mit der Idee, die Herreninsel in Bronze zu gießen, ging sie lange schwanger. Doch wie sollte das Projekt finanziert werden? Da kam die Gründung des am 24. Mai ins Leben gerufenen
Lions Club Chiemsee-Westufer gerade recht, haben sich Lions Clubs doch zum Ziel gesetzt, lokale Gemeinschaften zu unterstützen und sich für Bedürftige einzusetzen.
Im vorliegenden Fall richtet sich der Fokus auf die Unterstützung von Blinden. „Aber auch für Sehende eröffnen sich durch den ungewöhnlichen Blickwinkel neue Perspektiven. Zudem werden solche bronzene Tastmodelle als Kunstwerke im öffentlichen Raum wahrgenommen“, wirbt Freyberger. Doch die Realisierung einer solchen Vision hat auch ihren Preis und war mit rund 40.000 Euro veranschlagt. Sowohl die Lions-Club-Mitglieder als auch die Mitglieder des Vereins der Freunde von Herrenchiemsee zeigten sich jedoch schnell angetan von der Idee. Dank zahlreicher Spenden kam die Summe schließlich zustande. Auch die Bayerische Schlösserverwaltung zog mit, lieferte zahlreiche Anregungen, als es später an die Ausgestaltung des Modells ging, und war auch mit dem vorgeschlagenen, zentralen Standort bei den Kassen einverstanden.
Zahlreiche Städte und Gemeinden in Deutschland und im benachbarten Ausland machen ihre Sehenswürdigkeiten haptisch begreifbar, sagt Freyberger. Die Künstlerfamilie Broerken – mittlerweile arbeiten Vater Egbert und Sohn Felix zusammen – habe vor über 30 Jahren mit der Fertigung bronzener Blinden-Stadtmodelle begonnen, angeregt durch die Rotary Clubs von Münster. Mittlerweile seien es über 250 Stadtmodelle und acht Einzelobjekte wie eben das Basler Münster, die die Broerkens gestaltet haben. Mit Schülern und Lehrern der Westfälischen Blindenschule in Soest habe Broerken dann die optimale Tastbarkeit der Modelle und mit der Bronzegießerei ein spezielles Verfahren für die filigranen Erläuterungen in Blindenschrift entwickelt. Die Stadtmodelle entstehen im Wachsausschmelzverfahren, einer alten handwerklichen Kunst, die Detailtreue und Unverwüstlichkeit der bronzenen Reliefs garantiert. „Ein komplexes Verfahren, ich bringe alle Schritte gar nicht mehr zusammen“, lacht Freyberger.
Im vergangenen November wurde das Styropor-Modell auf der Insel präsentiert, in der Gießerei wurde schließlich das Endprodukt gegossen. Die Herreninsel an sich hat im Bronzemodell einen Maßstab von 1:1750, die Gebäude werden im Maßstab von 1:850 dargestellt. Zu stehen kommt das 54 auf 137 Zentimeter große Modell der Insel auf einem Steinsockel. Der Stein dafür stammt aus dem Zementwerk Rohrdorf. So ein Modell zum Anfassen brauche eine stabile Basis, betont Freyberger.
Präzision
im Detail
Freyberger und der Lions Club Chiemsee-Westufer sind sich sicher, dass sie damit einen lang gehegten Wunsch von Menschen aus der Region und aus aller Welt erfüllen können. Ab morgen ist es so weit: Dann können blinde und sehende Besucher die Herreninsel buchstäblich „begreifen“ und „erfassen“.