„Es gibt keine geheimen Wundermittel“

von Redaktion

Interview Das kommt bei der Tour auf den Teller: Red Bull-Ernährungschef Stephen Smith klärt auf

Raubling – Am morgigen Samstag, 4. Juli, startet die Tour de France – das härteste und prestigeträchtigste Straßenradrennen der Welt. Auf die Fahrer warten 3.333 Kilometer, 54.450 Höhenmeter, fünf Bergankünfte und drei Wochen an der absoluten Belastungsgrenze. Um diese Strapazen zu bewältigen, reicht Fitness allein längst nicht mehr aus. Hinter jeder Etappe, bei der ein Fahrer bis zu 7.000 Kilokalorien verbrennt, steckt ein akribisch geplanter Ernährungs- und Regenerationsprozess.

Beim Raublinger Rennstall Red Bull-BORA-hansgrohe verantwortet diesen Bereich der britische Sporternährungswissenschaftler Stephen Smith. Im exklusiven Gespräch mit der OVB-Sportredaktion erklärt der Brite, warum Profis überraschend normal essen, weshalb Individualisierung heute wichtiger ist als jede Wunderdiät und was Hobby-Radfahrer von den Besten der Welt lernen können.

Was überrascht Hobbyfahrer am meisten, wenn sie die Ernährung von Profis sehen?

Wahrscheinlich, wie unspektakulär sie ist. Es gibt keine magischen Lebensmittel und keine geheimen Wundermittel. Viele Fahrer essen morgens ganz einfach Reisbrei. Auch Dinge wie Nutella sind nicht verboten. Die Ernährung von Profis ist deutlich normaler, als viele Menschen vermuten. Der große Unterschied liegt nicht in den Lebensmitteln selbst, sondern in den Mengen und im Timing. Während viele ambitionierte Hobbyfahrer bei langen Ausfahrten 60 bis 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde aufnehmen, liegen unsere Fahrer heute häufig bei 100 bis 120 Gramm pro Stunde. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied.

Welche Supplements werden überschätzt?

Viele. Wir verfolgen einen klaren „Food First“-Ansatz und konzentrieren uns auf wenige Nahrungsergänzungsmittel mit solider wissenschaftlicher Evidenz. Dazu gehören insbesondere Koffein und Natriumbicarbonat. Die meisten Produkte, die regelmäßig auf den Markt kommen und kurzfristig populär werden, zeigen später keine relevanten Leistungsverbesserungen.

Gibt es unterschätzte Supplements?

Koffein. Nicht unbedingt wegen der Substanz selbst, sondern weil viele Athleten Timing und Dosierung unterschätzen. Die Wirkung hängt stark davon ab, wann und in welcher Menge Koffein eingesetzt wird.

Wie sieht die Logistik hinter der Ernährung eines Tour-de-France-Teams aus? Sie sind drei Wochen in Frankreich.

Wir haben das Glück, mit unserem eigenen Bora-Küchen-Lkw unterwegs zu sein. Das ist ein großer Vorteil, weil wir die Ernährung der Fahrer unabhängig von den Hotels kontrollieren können. Wir versuchen, so viele Lebensmittel wie möglich aus Deutschland mitzunehmen – Reis, Nudeln, Müsli, aber auch Fleisch. Der Grund dafür ist einfach: Wir kennen die Produkte genau. Selbst zwischen verschiedenen Nudelsorten können die Nährwerte deutlich variieren, was sich über den Tag auf mehrere hundert Kalorien summieren kann. Je standardisierter die Lebensmittel sind, desto präziser können wir die Ernährung planen. Deshalb beziehen wir auch hochwertiges Fleisch aus der Region rund um unseren Service Course und nehmen es mit zur Tour.

Gibt es Ernährungskonzepte, die vor einigen Jahren noch Standard waren und heute als überholt gelten?

Viele Ernährungstrends verlaufen in Wellen. Sie werden populär, verschwinden wieder und tauchen oft Jahre später erneut auf. Vor einigen Jahren haben wir beispielsweise einen deutlichen Trend zu veganer oder vegetarischer Ernährung gesehen. Heute spielt das im Peloton eine deutlich kleinere Rolle. Viele Fahrer haben diese Ansätze ausprobiert, aber für sich keinen spürbaren Vorteil bei Gesundheit oder Leistung festgestellt. Am Ende möchten die meisten Profis ihre Ernährung möglichst einfach halten.

Muss ein Hochleistungssportler Fleisch oder Fisch essen?

Nein. Es ist durchaus möglich, den Proteinbedarf auch mit einer vegetarischen oder veganen Ernährung zu decken. Allerdings erfordert das deutlich mehr Planung. Wer auf Fleisch und Fisch verzichtet, muss besonders darauf achten, bestimmte essenzielle Aminosäuren in ausreichender Menge aufzunehmen. Das ist machbar, aber komplexer.

Hat jeder Fahrer einen eigenen Ernährungsplan?

Grundsätzlich essen die Fahrer dieselben Gerichte. Wenn es beispielsweise Nudeln mit Pesto und Hähnchen gibt, bekommen alle dieselbe Mahlzeit. Individualisiert werden jedoch die Mengen. Ein Fahrer wie Florian Lipowitz erhält möglicherweise eine andere Portion als Jai Hindley oder ein anderer Teamkollege. Die Gerichte bleiben gleich, die Zusammensetzung wird an den jeweiligen Energiebedarf angepasst.

Welche Rolle spielen Daten und Tests?

Wir arbeiten sehr wissenschaftsbasiert. Besonders bei der Supplementierung verfolgen wir einen individuellen Ansatz. Nicht jeder Fahrer erhält dieselbe Menge an Natriumbicarbonat oder Koffein. Die Dosierung wird individuell angepasst und auf Basis von Tests und Erfahrungen optimiert. Gerade bei leistungsrelevanten Nahrungsergänzungsmitteln sehen wir große Unterschiede zwischen Athleten.

Wann startet die Ernährungsplanung für die Tour de France?

Die konkrete Vorbereitung beginnt etwa ein bis zwei Monate vor dem Rennen. Wir analysieren die Etappenprofile, die Reisewege und die Start- und Zielzeiten. Ein spätes Rennen kann beispielsweise dazu führen, dass wir die Verteilung der Mahlzeiten verändern und nach dem Rennen mehr Energie zuführen als beim Abendessen. Trotzdem bleiben die Menüs bewusst konstant. Die Fahrer kennen diese Gerichte, wissen, wie ihr Körper darauf reagiert, und fühlen sich damit wohl. Zum Abendessen gibt es häufig einfache Kombinationen wie Suppe oder Salat mit Reis oder Pasta sowie Hähnchen, Fisch oder gelegentlich Rindfleisch. Vertrautheit ist ein wichtiger Faktor.

Die Tour wird immer heißer. Wie verändert das ihre Arbeit?

Hitze ist mittlerweile ein zentrales Thema. Steigt die Körperkerntemperatur zu stark an, sinkt die Leistungsfähigkeit deutlich. Gleichzeitig nimmt die wahrgenommene Belastung zu, und auch Magenprobleme können häufiger auftreten. Deshalb setzen wir verschiedene Kühlstrategien ein. Vor dem Rennen kommen beispielsweise Kühlwesten oder Slushy-Getränke zum Einsatz. Während der Etappe erhalten die Fahrer gekühlte Getränke, Eis für den Nacken oder spezielle gefrorene Kohlenhydrat-Gels. Diese liefern rund 40 Gramm Kohlenhydrate und tragen gleichzeitig zur Kühlung bei.

Welche Rolle spielt Natrium bei großer Hitze?

Natrium hilft dem Körper, aufgenommene Flüssigkeit besser zu speichern und unterstützt damit die Hydration. Allerdings müssen wir den Fahrern in der Regel kein zusätzliches Natrium zuführen. Die von uns verwendeten Kohlenhydrat-Getränke und -Gels enthalten bereits ausreichend Natrium, um den Bedarf während der Etappe zu decken. Gelegentlich salzen wir die Mahlzeiten etwas stärker, aber zusätzliche Natriumgaben sind meist nicht notwendig.

Welche Innovation könnte die Sporternährung in den nächsten Jahren verändern?

Für mich liegt die Zukunft klar in der Individualisierung. Früher erhielten fast alle Fahrer ähnliche Empfehlungen. Heute wird praktisch jede Mahlzeit an den einzelnen Athleten angepasst. Dabei geht es nicht nur um Kohlenhydrate, sondern auch um Protein, Fett, Flüssigkeitszufuhr und Supplementierung. Digitale Tools und Apps werden diese Entwicklung weiter beschleunigen. Die Zukunft der Sporternährung liegt nicht in einem neuen Wundermittel, sondern darin, für jeden Fahrer zur richtigen Zeit die richtige Strategie zu finden.

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