Prutting – Das Dorfleben in Prutting steht in diesen Tagen still. „Wir befinden uns alle ein bisschen in Schockstarre. Das macht einen betroffen und traurig“, sagt Bürgermeister Johannes Thusbaß am Telefon. Am Montagabend (29. Juni) passierte in der Kletter- und Boulderhalle Rosenheim ein folgenschwerer Unfall. Ein 42-jähriger Mann kletterte gerade alleine an einem Selbstsicherungsautomaten, als er aus ungeklärter Ursache in die Tiefe stürzte, wie die alpine Einsatzgruppe der Grenzpolizei Raubling mitteilte. Mit fatalen Folgen.
„Unser Freund Julien ist bei einem Kletterunfall aus großer Höhe abgestürzt und hat sich schwer verletzt. Aktuell befindet er sich auf der Intensivstation“, heißt es auf einer Internetseite, auf der Freunde einen Spendenaufruf für die Familie des Mannes ins Leben gerufen haben.
Denn der 42-Jährige ist kein Unbekannter und weit über die Ortsgrenzen von Prutting hinaus beliebt: Bei dem Schwerverletzten handelt es sich um Julien, der sich gemeinsam mit seiner Frau vor rund einem Jahr einen Lebenstraum erfüllt hatte – und die Wirtschaft „Zur Post 1843“ in Prutting eröffnet hatte.
Zuvor stand die Wirtschaft acht Jahre lang leer. „Das war ein großer Wunsch, dass dort wieder Leben reinkommt“, sagt Johannes Thusbaß. Der Bürgermeister machte die Wiedereröffnung zu seiner ganz persönlichen Aufgabe. Umso glücklicher waren alle, dass mit Julien und seiner Familie das Wirtshaus wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden konnte. „Für Julien war diese Wirtschaft weit mehr als nur ein Beruf – sie war sein Herzensprojekt. Mit unermüdlichem Einsatz, unzähligen Arbeitsstunden und ganz viel Herzblut hat er diesen Traum aufgebaut.“
Jetzt habe sich das Leben der Familie aufgrund des Schicksalsschlages von einer Sekunde auf die andere komplett verändert, heißt es in dem Spendenaufruf. Wo gestern noch Pläne, Alltag und Zukunft gewesen seien, bestimmten heute Angst, Hoffnung und unzählige Fragen den Tag. Vor allem für seine Frau – und die beiden Kinder im Alter von acht und zehn Jahren. Ihr Ehemann und Papa brauche wohl noch mehrere Operationen und ihm stehe eine „lange, ungewisse Rehabilitation“ bevor.
„Wann und in welchem Umfang er wieder arbeiten oder seinen Alltag selbstständig bewältigen kann, weiß im Moment niemand“, schreiben seine Freunde. Wie es zu dem Drama kommen konnte, ermittelt weiterhin die alpine Einsatzgruppe in Raubling.
„Der genaue Unfallhergang ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen“, teilt ein Polizist mit. Aktuell müsse man davon ausgehen, dass der 42-Jährige aus einer Höhe von acht, neun Metern oder höher abgestürzt ist. Der Fallschutzboden in der Kletterhalle habe wohl noch Schlimmeres verhindert. „Unter Umständen kann das lebensrettend sein“, sagt der Polizist.
Unfall stellt alles
auf den Kopf
Für die Familie hat der Unfall dennoch alles auf den Kopf gestellt. Da das Leben aber „in so einer Situation keine Pause macht“ und die laufenden Kosten des Wirtshauses oder die Miete und Versicherungen weiterlaufen, bitten die Freunde von Julien G. um eine kleine Spende: „Jede noch so kleine Spende hilft dabei, den Druck etwas zu lindern und der Familie das Wertvollste zu schenken: Zeit.“ Zeit, damit Julien wieder gesund werden kann. Der Schicksalsschlag könne zwar nicht ungeschehen gemacht werden, aber zumindest die finanzielle Existenznot der Familie könne so etwas gelindert werden, appellieren die Freunde. Bislang (Stand 3. Juli, 16.30 Uhr) sind bereits über 17.000 Euro zusammengekommen.
Nicht nur die Freunde wollen helfen, auch die Gemeinde steht geschlossen hinter der Familie. „Wir unterstützen überall, wo wir können“, sagt Thusbaß. Das sei selbstverständlich. Er habe es zunächst gar nicht glauben können, als er von dem Unfall erfahren habe. „Dass es jemand aus unserer geselligen Ortsmitte getroffen hat, das hat mich schon getroffen“, sagt er. Thusbaß habe erst vor einiger Zeit bei Julien G. ein Familienfest gefeiert. „Er hat dabei auf jedes Detail geachtet“, betont der Bürgermeister. Normalerweise sei der Wirt derjenige, der anderen helfe. Die Wirtschaft sei ein wichtiger Bestandteil des Ortsgefüges.
Wie der Bürgermeister bestätigt, bleibt das Gasthaus die nächsten Tage geschlossen. Auch ein Schild an der Eingangstür weist darauf hin. Allerdings: Am Donnerstag (9. Juli) soll bereits wieder aufgesperrt werden. „Wir wollen alle zusammenhelfen und die Wirtschaft am Leben erhalten“, sagt Josef Schiessl von der Flötzinger Brauerei. Er ist der Ansprechpartner der Familie bei der Brauerei.
„Die Aufgaben vom Chef übernimmt jetzt das Team“, sagt er. Der Wunsch sei es, dass Julien schnell wieder zurückkommt und seine Wirtschaft so übernehmen kann, wie er sie zurückgelassen hat.
Dass Julien bald wieder in die Wirtschaft zurückkehren kann, das hofft auch Johannes Thusbaß. „Wir drücken die Daumen, das Wichtigste ist aber, dass er wieder gesund wird, wir sind in Gedanken bei der Familie.“