Schwester hofft auf „volle Härte“

von Redaktion

Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Eman E. hat ihre Schwester Amal vor dem Landgericht Traunstein ausgesagt. Sie hofft auf ein gerechtes Urteil mit voller Härte gegen den Angeklagten. Dem OVB schildert sie, wie sehr die Familie unter der Tat leidet und wie es den Kindern von Eman E. geht.

Traunstein – Gewalt tut meist nicht nur unmittelbar Betroffenen Leid an. Auch ihr Umfeld, ihre Freunde, ihre Familie, werden in Mitleidenschaft gezogen. Im Mordprozess um den gewaltsamen Tod von Eman E. in Bad Aibling wird man an diesen Zerstörungsradius erinnert.

Am fünften Verhandlungstag betritt Amal E. (25) den Großen Saal des Landgerichts in Traunstein. Sie ist die Schwester von Eman E. Sie nimmt am Zeugentisch Platz, eine junge Frau, ganz in Schwarz gekleidet, bis hinauf zum schwarzen Kopftuch. Sie hat sich als Nebenklägerin dem Verfahren angeschlossen. Auf die Fragen von Richter Volker Ziegler zu den Personalien antwortet sie mit leiser, aber fester Stimme. Als die Sprache auf ihre Schwester kommt, bricht sie in Tränen aus. Es dauert 30 Sekunden, vielleicht eine Minute, bis sie sich fassen kann.

Mit Hoffnungen nach
Deutschland gekommen

Wie schwer diese Reise nach Deutschland für die Ägypterin ist, kann man nur ahnen. Ägypten ist das Land ihrer Familie, ihre Heimat, in der sie selbst Psychologie studiert. Deutschland, das ist das Land, in das ihre Schwester von ihrem Mann gebracht wurde. Und in dem Eman E. nie das erlebte, was man an Chancen und Möglichkeiten dort so hat. Es ist das Land, in dem ihre Schwester schließlich starb.

„Eman kam mit Hoffnungen und Erwartungen nach Deutschland“, sagt Amal E. Sie wiederum ist gekommen, um ihrer Schwester einen letzten Dienst zu erweisen, und damit sich und ihrer Familie.

„Ich hoffe, dass Gerechtigkeit sich durchsetzt, und dass, wenn sich seine Schuld feststellen lässt, er dementsprechend verurteilt wird“, sagt sie nach diesem fünften Verhandlungstag – „mit der vollen Härte.“ Sie hat sich einverstanden erklärt, dem OVB-Reporter auf ein paar Fragen zu antworten, Aymen S. R. Nofal, Anwalt der Nebenklage, ist des Arabischen kundig und übersetzt.

Ihrer Familie gehe es nicht gut, sagt Amal E. Die Zeit des Wartens muss schlimm gewesen sein, sieben Monate vergingen von der Vermisstenmeldung bis zur Auffindung ihrer sterblichen Überreste im Thanner Forst nahe Bad Aibling.

Dass Eman etwas passiert sein könnte, hatten sie in Ägypten schon davor befürchtet. Als die Nachricht kam, dass die 34-Jährige ermordet worden sei, war es dennoch ein Schock. „Sie haben es nicht geglaubt“, sagt Amal über ihre Familie. „Sie haben bei der Polizei angerufen, sie sollten das doch nochmals verifizieren.“ Den Eltern sei es schon davor schlecht gegangen, sie seien bereits krank gewesen. „Durch diese Nachricht ging es ihnen noch schlechter.“ Eine andere Schwester brachte ihr Gram möglicherweise ins Grab: Sie starb im Mai 2026 an einer rapide voranschreitenden Krebserkrankung.

Damit muss die Familie zurechtkommen. Und mit der traurigen Gewissheit, dass Eman wohl auf brutale Art und Weise ums Leben gebracht wurde.

Sie will helfen,
dass Recht geschieht

Das in den Hintergrund zu drängen, scheint manchmal zu gelingen. Aber mit einem Augenblick könne dann alles wieder über die Familie hereinbrechen, sagt Amal. „Wenn jemand das Gespräch darauf bringt, dann geht es allen wieder schlecht.“

Gut sieben Stunden lang sitzt sie an ihrem ersten Tag im Großen Saal des Landgerichts, spricht über Eman E., über das, was sie über den Angeklagten weiß und was sie gehört hat. Der Vorsitzende Volker Ziegler stellt Fragen bis ins Detail, erklärt der Zeugin aber auch, warum das so sein muss: „Wir möchten das Wesen ihrer Schwester kennen.“ Und natürlich auch das Wesen des mutmaßlichen Täters. Der soll aus niedrigen Beweggründen gehandelt haben, ein Motivgemenge, das sich wohl nur aus seinem Innenleben heraus erklären lässt. Wenn überhaupt.

Amal E. antwortet geduldig, trotz der steigenden Temperaturen im Saal. Sie fühlt sich berufen, sagt sie, dabei zu helfen, das Recht durchzusetzen – und damit wohl auch den Willen der Schwester zu erfüllen. Deswegen will sie auch kein Porträtfoto von sich zulassen, schließlich gehe es ausschließlich um Eman.

Der Gedanke an ihre Schwester gibt ihr offenbar die Kraft, weiter an dem Prozess teilzunehmen. Auch am darauffolgenden Verhandlungstag ist sie dabei, diesmal in helle Farben gekleidet, sitzt ruhig auf ihrem Stuhl, die Augen meist auf die Kammer gerichtet. Nur als Fotos auf dem Monitor erscheinen, die den Schädelknochen ihrer Schwester zeigen und die schweren Verletzungen daran, blickt sie nach unten. Diese Verhandlung ist nicht nur wegen der langen Sitzungen, denen sie mangels Deutschkenntnissen kaum folgen kann, sehr fordernd.

Amal E. dankt
dem Jugendamt

Amal E. hat ihre Reise auch genutzt, um die drei Kinder von Eman E. und Abdelrehim M. zu besuchen. Die sind vom Jugendamt an eine Pflegefamilie vermittelt worden. Sie werden abgeschirmt, damit nichts davon an ihre Ohren dringt, was ihr Vater ihrer Mutter angetan haben soll. Auch sie als Tante sagte bei ihrem Besuch nichts über die Tragödie. Die erleben gerade so etwas wie Normalität, das will sie ihnen bewahren. „Den Kindern geht es gut, das Jugendamt hat sich sehr gut um sie gekümmert“, sagt sie dankbar.

Sie will weiter an dem Prozess teilnehmen, sich bis zum letzten Tag am Landgericht einfinden. Vielleicht auch, weil sie glaubt, es ihrer Familie schuldig zu sein. Es könnte dauern. Das meint auch Betül Demir, die neben Aymen Nofal die Nebenklage vertritt. „Wir sind noch ziemlich am Anfang der Beweisaufnahme“, sagt sie. Man habe bereits Folgetermine mitgeteilt bekommen. Also sei es erwartbar, dass sich die Beweisaufnahme ziehen wird. „Wir sind im Anfangsstadium, da ist noch alles möglich.“

Der Prozess wird am heutigen Montag fortgesetzt. Unter anderem werden die beiden Sachverständigen Prof. Dr. Peschel (Rechtsmedizin) und Dr. Eberl (Psychiatrisches Gutachten) einvernommen.

Artikel 6 von 11