Rosenheim – Die Vorplanung ist abgeschlossen, die Unterlagen der DB Infra Go zum Brenner-Nordzulauf liegen nunmehr beim Bundestag: Wohl noch in diesem Jahr wird das Parlament über den Neubau zweier Gleise in den Landkreisen Rosenheim und Ebersberg entscheiden.
Für Ärger in Schechen könnte dabei eine Planungsalternative sorgen. Um einer Forderung aus der Region nachzukommen, müsste die Trasse auf Schechener Gemeindegebiet verlegt werden. Das wurde am gestrigen Montag bei einer Pressekonferenz in Rosenheim bekannt.
Inn-Tunnel könnte
für Ärger sorgen
Konkret geht es um die Forderung, den Inn auch nördlich von Rosenheim zu untertunneln. Dadurch wären auf einmal Anwohner betroffen, die bislang gar nicht die Möglichkeit gehabt haben, sich zu Plänen der Bahn zu äußern. Denn die Bahn müsste die Trasse östlich von Ostermünchen leicht nach Norden verlegen. Und der Nordzulauf wäre im Gemeindegebiet von Schechen womöglich stärker wahrzunehmen. Denn bei Wieden würde ein Tunnel an die Oberfläche kommen.
Darauf wies Chefplaner Matthias Neumaier gestern bei der Pressekonferenz hin: „Wir würden die Betroffenheiten bei den Innleiten reduzieren, würden aber mit der Verlegung nach Schechen neue Betroffenheiten schaffen.“ Letztlich liege die Sache nun aber in den Händen der Abgeordneten im Bundestag. „Über Forderungen, die über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinausgehen, muss die Politik entscheiden“, sagte Neumaier.
Der Prozess der Entscheidungsfindung dauert noch an. Derzeit liegen die Unterlagen beim Verkehrsausschuss. Dieses Gremium wird eine Beschlussempfehlung verfassen, die dem Plenum als Grundlage für die Abstimmung dient.
Was die Abgeordneten an einem zweiten Inntunnel stören dürfte, wären Kosten und Verzögerungen. Auf bis zu 16 Milliarden Euro bezifferten Neumaier und seine Kollegen Manuel Gotthalmseder und Armin Franzke die Bau- und Planungskosten für die bisherige Planung – davon wäre allerdings gut die Hälfte für Risiken wie Inflation und Probleme beim Bau gedacht. Die Unterquerung des Inns auch nördlich von Rosenheim würde zusätzliche drei Milliarden Euro kosten und die Fertigstellung des Projekts um drei Jahre verzögern.
Wird der Bundestag heuer noch entscheiden, womöglich direkt nach der Sommerpause? Das hängt auch von der Arbeit des Verkehrsausschusses ab. Ein beachtliches Konvolut von Unterlagen ist das. Planungen der DB Infra GO sind da zu studieren, dazu 119 Änderungswünsche von Kommunen und einzelnen Bürgern, wiederum geprüft von den Bahn-Planern: Entsprechen die Vorschläge oder Forderungen den Zielen des Bundes, was den Verkehr betrifft? Sind sie technisch machbar, und wenn ja, zu welchen Kosten?
Zur Präsentation in Rosenheim brachten Neumaier und sein Team vier Beispiele für den Landkreis Rosenheim mit: das Alternativkonzept der Bürgerinitiative Brennerdialog, die Forderung nach dem Inntunnel, die Verlegung der Verknüpfungsstelle in den Wildbarren sowie die Bündelung von Bestands- und Neubaugleisen im Inntal. Im Landkreis Ebersberg war zudem Lärmschutz für die Strecke zwischen Trudering und Grafing gefordert worden.
Lösung im Wildbarren
unwahrscheinlich
Auch wenn der Bundestag letztlich entscheidet: Wie die Bahn die Wünsche von Kommunen und Bürgern einschätzt, ließ sich bei der Info-Runde absehen. Nicht regelkonform, fraglich, was die Genehmigungsfähigkeit betrifft, teuer und zeitraubend: So schätzen die Experten etwa eine Verlegung der Verknüpfungsstelle in das Wildbarren-Massiv ein. Die Kosten stiegen um 2,7 Milliarden Euro, zudem würde sich der Bau um fünf Jahre verzögern. Das lässt ein Votum des Bundestages für diese Lösung unwahrscheinlich erscheinen.
Ähnliches gilt für das Alternativkonzept des Brennerdialogs. Der Vorschlag der Bürgerinitiative sieht unter anderem einen Ausbau der Bestandsstrecke und eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Ausbaustrecke 38 zwischen München, Mühldorf und Salzburg vor. Dazu kommt ein Tunnel, der den Güterverkehr unter dem Nadelöhr Rosenheim hindurchleiten würde.
Bei der Bahn kommt das Konzept nicht gut an. Es entspreche nicht den Zielen der Verkehrspolitik, wäre mit hohen Kosten und erheblichen Genehmigungsrisiken verbunden und würde zu einer „Verlagerung von Betroffenheiten führen“, heißt es in der Zusammenfassung der DB Infra Go.
So müssten für den von der BI vorgesehenen Tunnel unter Rosenheim Wohngebäude in Egarten und Happing abgerissen werden. Überdies seien die Bauarbeiten langwierig, sie bergen zudem Unsicherheiten – nicht zuletzt wegen des dort besonders mächtig anstehenden Seetons. Die ABS38 und die Bestandsstrecke hätten überdies nicht die Kapazitäten, um sehr viel mehr Verkehr aus dem Brennerbasistunnel aufzunehmen. Das Vorhaben des Bundes, das eine engere Taktung des Personenverkehrs im Inntal und zwischen Rosenheim und München vorsehe, sei damit nicht zu verwirklichen. „Diesem Vorschlag können wir uns in keinster Weise anschließen“, sagte Manuel Gotthalmseder.
Zwei Änderungswünsche
könnten realisierbar sein
Zwei Änderungswünsche sehen realisierbar aus. Lärmschutzmaßnahmen auf der Bestandsstrecke Trudering und Grafing beispielsweise. Auch einer Bündelung von Bestands- und Neubaustrecke zwischen Fischbach und Niederaudorf, verbunden mit einem Abbau der Gleise im alten Verlauf, rechnen die Bahnplaner offenbar gute Chancen aus. Mit etwa 150 Millionen Euro Mehrkosten nimmt sich diese Baumaßnahme aber auch wie ein Schnäppchen aus, verglichen mit den vielen Milliarden für den Brenner-Nordzulauf insgesamt.