Die Wünsche der Rosenheimer Jugend

von Redaktion

Livestream in der OVB Media City Oberbürgermeister Abuzar Erdogan stellt sich kritischen Fragen zur Stadtentwicklung

Charlotte Kayser

Natalie Wermuth

Sara Klimmer

Raphael Unterreiner

Markus Zwigl

Rosenheim – Die Kamera läuft, der Countdown endet und dann heißt es: Wir sind live. In der OVB MEDIA City in Rosenheim saß der neue Bürgermeister Abuzar Erdogan gemeinsam mit einigen jungen Menschen an einem Tisch. Er wollte sich an diesem Abend den Fragen und Wünschen der Jugend stellen. Und zwar in einem Livestream auf Instagram.

Auslöser war ein Projekt der Volontärinnen und Volontäre von OVB und OVB24. Zum Tag des Lokaljournalismus am 5. Mai hatten sie die junge Generation gefragt, was sie sich für Rosenheim wünscht und was ihr fehlt. Mit den gesammelten Themen konfrontierten die Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten Sophie Mischner, Theresa Gruber, Magdalena Aberle, Charlotte Kayser und Thomas Bösl den neuen Oberbürgermeister im Livestream. Unterstützt von Moderator Markus Zwigl und Jugendlichen, die Abuzar Erdogan direkt zur Rede stellen wollten.

Groß ist unter der jungen Generation der Wunsch nach mehr Shoppingmöglichkeiten – Zara, H&M Home oder Bershka. Doch wie kann die Stadt mehr Geschäfte anlocken? „Das Thema Zara kommt immer wieder auf“, sagte Abuzar Erdogan dazu. Letztlich sei das aber die Entscheidung der Immobilieneigentümer. Da könne die Stadt nicht reinreden. „Was ich aber machen kann: […] unsere Innenstadt so attraktiv gestalten, dass möglicherweise diese Ketten auf Rosenheim aufmerksam werden“, erklärte er. Nicht nur Geschäfte fehlen den Jugendlichen in der Stadt, sondern auch Treffpunkte. Die 17-jährige Sara Klimmer ist Schülerin in Rosenheim und erzählte dem Oberbürgermeister, dass es schwierig ist, hier Leute kennenzulernen. „Die einzige Möglichkeit, die man hat, ist über die Schule oder über das Studium“, sagte Klimmer. Deshalb braucht es in ihren Augen mehr Räumlichkeiten, in denen sich Jugendliche tagsüber treffen und auch lernen können. Es ist ein gemeinsames Ziel mehrerer Stadtratsfraktionen, einen zusätzlichen Ort wie die Lernräume der Stadtbibliothek in der Innenstadt zu schaffen, sagte Erdogan. Man sei bereits auf der Suche nach einem passenden Ort.

„Ich nerve den Präsidenten der TH regelmäßig, dass er doch bitte eine Fakultät oder einen Lehrstuhl in die Innenstadt verlegen soll“, erzählte Erdogan. Auch das könnte ihm zufolge die Möglichkeit von Begegnungen schaffen. „Was mir auch ganz wichtig ist, ist, dass wir Orte schaffen, an denen junge Menschen günstig Kultur und Begegnung finden können“, betonte der Oberbürgermeister. Deshalb sei es ihm auch wichtig gewesen, die Asta-Kneipe zu retten.

Wäre das auch für andere Clubs in Rosenheim eine Option? „Die Asta-Kneipe konnten wir deswegen relativ unbürokratisch und einfach unterstützen, weil sie ein gemeinnütziger Verein ist“, erklärte Erdogan dazu. Als Oberbürgermeister könne er deswegen auf „Töpfe“ zurückgreifen, die ihm im kommerziellen Bereich verwehrt seien. Wenn sich allerdings jemand im Nachtleben oder der Gastronomie in Rosenheim ansiedeln wolle, stehe man zur Seite. Weniger Bürokratie und unterstützen, wo es geht. Das sei ihm wichtig.

Raphael Unterreiner (17 Jahre), einer der jungen Gäste, beschäftigt das Thema Sport. „Es gibt vonseiten der Schulen viele Einrichtungen, die man theoretisch nutzen könnte“, sagte Unterreiner. Diese seien nicht öffentlich, für die Leute aus der Innenstadt aber deutlich leichter zu erreichen als etwa das Projekt „Bridge 15“ im Aicherpark.

Dabei muss man Rücksicht auf die Anwohnerinteressen nehmen, erwiderte Abuzar Erdogan. „Das liegt nicht alleine in der Hand des Oberbürgermeisters und auch nicht in der Hand des Stadtrats“, betonte er. Es gebe Richtlinien, die etwa die Lärmbelastung einschränken. „Ich bin auch der Meinung, dass wir Sportmöglichkeiten überall schaffen sollten, wo es ansatzweise möglich ist“, sagte er dennoch.

Auch die Surfwelle sei kein unwichtiges Thema. Ihm liege inzwischen eine Kostenschätzung vor, die von 2,9 Millionen Euro spreche. „Meine Devise lautet: Wenn wir es schaffen, dass der Anteil der Stadt im Bereich von 500.000 bis 700.000 Euro verbleibt, dann ist es eine sinnvolle und gute Investition“, betonte Erdogan. Sollte der Anteil darüber hinausgehen, werde es zum Kraftakt. Hinzu kommt, dass der Bereich, in dem die Surfwelle entstehen könnte, urheberrechtlich geschützt ist. „Das Ganze wurde mal im Zuge der Landesgartenschau geplant“, erklärte er. Über dieses Urheberrecht könne er nicht einfach hinwegsehen.

Vom Sommersport zum Wintersport: Unter den Zuschauern des Livestreams kommt die Frage nach einer zweiten Eisfläche in Rosenheim auf. „Ich unterstütze das“, betonte Erdogan. Mit den Starbulls Rosenheim habe er deshalb bereits „einen Termin anvisiert“. Am Ende sei es aber dennoch eine Geldfrage.

Ein Thema, das vor allem junge Frauen beschäftigt, ist die Sicherheit. Im Gespräch mit dem OVB erzählte die 16-jährige Magdalena Birkinger, dass sie sich nicht mehr traut, nachts alleine durch Rosenheim zu laufen.

Vor allem im Salingarten fühle sie sich nicht sicher. Der Park im Herzen Rosenheims war auch in Abuzar Erdogans Wahlkampf immer wieder Thema. Doch wie will er das Problem angehen? Gibt es ein Sicherheitskonzept? „Wir beschäftigen Streetworker, die im Salingarten auch mit Menschen den Kontakt suchen, die möglicherweise in der Obdachlosigkeit sind“, betonte der Oberbürgermeister.

Der Stadt gehe es nicht darum, diese Menschen zu verdrängen, sondern sie mit einem pädagogischen Ansatz zu adressieren. Zudem laufe aktuell eine Untersuchung zum Thema Sicherheitswacht. „Ich persönlich bin da ein bisschen skeptisch“, sagte Erdogan. Er würde das Geld lieber in eine Videoüberwachungsanlage investieren. Dennoch wolle man keinen „Überwachungsstaat“.

Auch die Situation mit den öffentlichen Toiletten in Rosenheim ist schwierig. „Sie sind quasi nicht begehbar“, sagte Birkinger außerdem. Ein Thema, das auch den neuen Oberbürgermeister beschäftigt. Am Busbahnhof werde aktuell die öffentliche Toilettenanlage ausgebaut, die Sanierung im Salingarten sei ebenfalls geplant. Die Toilettenanlage an der Königsstraße sei in einem schwierigen Zustand – auch im Zusammenhang mit Vandalismus. „Meine Meinung ist: Wir brauchen eine Bezahlschranke“, sagte Abuzar Erdogan. Er habe den Eindruck, durch das Bezahlen würden sich die Menschen auch an bestimmte Sauberkeitsregeln halten. Doch was, wenn viele diesen Euro nicht zahlen wollen und dann öffentlich urinieren? „Die Gefahr besteht“, gab Erdogan zu. Aber: „Wir brauchen saubere Toilettenanlagen für die, die sich an die Regeln halten.“

Zudem fordert die Rosenheimer Jugend mehr Parkplätze. Aktuell ist etwa die Loretowiese schon teilweise durch die ersten Arbeiten für das Herbstfest blockiert. In den kommenden Wochen werden dann noch weniger Parkplätze zur Verfügung stehen. Wo sollen Pendler also am besten parken, ohne ein Vermögen auszugeben?

Für das Thema hatte Erdogan zwei ganz konkrete Ideen. „Wir werden auf der Loretowiese, so zumindest der Vorschlag im Stadtrat, ein Monatsticket einführen für geplante 39 Euro“, verriet der Rathauschef. Etwas mehr als ein Euro pro Tag also. Zudem diskutiere man darüber, einzelne Parkhäuser aufzustocken. „Ich weiß, auch das kostet ein Vermögen. Aber es gibt auch Dauerparkmöglichkeiten, da haben wir sogar Wartelisten“, erzählte Erdogan. Das würde ihm zufolge zumindest zu einer Befriedung beitragen. Auch da müsse erst die Finanzierung sichergestellt werden. Parken bleibe ein schwieriges Thema: „Dass wir so viele Parkplätze schaffen können, dass alle Ansprüche bedient sind, das wird es nicht geben können.“

Nicht nur die Autofahrer sind mit der Situation in Rosenheim noch nicht ganz zufrieden. Auch die Fahrradfahrer wünschen sich Verbesserungen. So auch die 17-jährige Natalie Wermuth. Sie wohnt in Westerndorf St. Peter und ging bis vor zwei Jahren auf die Mädchenrealschule in Rosenheim. Mit dem Fahrrad fuhr sie damals über die Ebersberger Straße zur Schule. „Dabei habe ich mich oft sehr unsicher gefühlt, weil die Autos mit 50 km/h direkt bei mir vorbeifuhren“, erzählte sie. Außerdem parken ihr zufolge oft große Lastwagen den Fahrradweg zu. Inzwischen geht sie auf die FOS/BOS und ihr Schulweg führt direkt an der B15 entlang, wo es bisher noch keinen Radweg gibt. „Wie kann man das sicherer gestalten, damit die Kinder gut zur Schule kommen?“, fragte sie den Oberbürgermeister.

In seinen Augen könnten Fahrradstraßen helfen. Vor allem dort, wo Anlieger ohnehin keinen Transitverkehr durch ihre Stadtteile haben wollen. Darüber stimme man gerade ab. „Mein Ziel wäre es, mit drei Achsen in Rosenheim zu beginnen, in Richtung Süden hinein Fahrradstraßen und eine Richtung Norden“, so Erdogan. Dann gebe es zumindest Alternativrouten, die nicht wesentlich länger seien, als wenn man über die B15 fahre.

Als „die größte soziale Frage unserer Zeit“ bezeichnete der neue Oberbürgermeister das Thema Wohnen und Mieten – und vor allem die damit einhergehenden Kosten. „Ich glaube, der wirksamste Ansatz, um die Preise stabil zu halten, ist, möglichst viel Wohnraum in städtischer Hand zu schaffen“, betonte Erdogan. Die Stadt hat ihm zufolge eine eigene Wohnungsbaugesellschaft. Doch nicht einmal zehn Prozent der Wohnungen gehören der Stadt. „Das muss sich ändern“, so Erdogan. Dafür brauche es allerdings zwei Dinge: Flächen, die bebaut werden können, und das passende Baurecht. Sodass nachverdichtet und dabei die städtische Wohnungsbaugesellschaft begünstigt werden kann. „Das ist tatsächlich immer ein Riesenkonflikt, weil natürlich mit jeder Baurechtsausweisung und mit jeder Nachverdichtungsmaßnahme immer irgendwo auch ein Widerstand entsteht.“

Auch von der Idee, aus leer stehenden Büros und Gewerberäumlichkeiten Wohnraum zu machen, ist er überzeugt. „Jahrelange Leerstände, in denen Wohnraum vorenthalten wird – das soll es nicht geben!“

Den Livestream finden Sie auf dem Instagramkanal von rosenheim24.

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