Hitze und Dürre setzen den Mooren zu

Das Naturschutzgebiet der Südlichen Chiemseemoore umfasst eine Fläche von circa 20 Quadratkilometern. Etwa 20 Prozent der Moore wurden nach dem Torfabbau wiedervernässt. Der Großteil wurde in Jahrzehnten von Mutter Natur selbst renaturiert. Doch welches Moor schützt am besten gegen die Klimaextreme Dürre und Hochwasser?Foto Bruno Kapeller

Das Naturschutzgebiet der Südlichen Chiemseemoore umfasst eine Fläche von circa 20 Quadratkilometern. Etwa 20 Prozent der Moore wurden nach dem Torfabbau wiedervernässt. Der Großteil wurde in Jahrzehnten von Mutter Natur selbst renaturiert. Doch welches Moor schützt am besten gegen die Klimaextreme Dürre und Hochwasser?Foto Bruno Kapeller

Der Moorbrand in den Damberger Filzen bei Übersee zeigt, wie anfällig trockengelegte Moore in Zeiten von Hitze und Dürre geworden sind. Experten erklären, warum die Wiedervernässung als wirksamer Brandschutz gilt – und weshalb sie dennoch umstritten ist.

Von Kathrin Gerlach

Übersee – „Renaturierte Moore sind ein guter Schutz vor Wald- und Flächenbränden“, sagt Ralf Strohwasser. Der Ökologe kennt die Chiemseemoore gut. Er begleitete die Renaturierung von etwa 350 Hektar trockengelegter Hochmoore in den Kendlmühlfilzen zwischen Grassau, Rottau und Übersee, in den Rottauer Filzen, im Bergener Moos zwischen Bergen und Staudach-Egerndach sowie in den Damberger Filzen östlich von Bernau zwischen 1991 und 2005.

Vor mehr als 100
Jahren urbar gemacht

„Vor mehr als 100 Jahren wurden die Moorflächen am Chiemsee urbar gemacht und entwässert. 1904 senkte man dafür sogar den Pegel des Chiemsees um einen knappen Meter ab“, berichtet der Grassauer Moorkundler Dr. Lutz Pickelmann. So entstanden ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen. In den 1920er-Jahren schließlich begann der Brenntorfabbau. „Um die mächtigen Hochmoor-Torfschichten – in manchen Bereichen bis zu acht Meter stark – trockenzulegen, wurden stellenweise riesige Entwässerungsgräben – bis zu 30 Meter breit und fünf Meter tief – angelegt“, beschreibt der Ökologe Ralf Strohwasser. „Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Brenntorfgewinnung stark zurück, am Ende dominierte der oberflächliche Frästorfabbau unter anderem für den Gartenbau, der mit einer weit geringeren Entwässerungsintensität zurechtkam“, berichtet Pickelmann. Nachdem der industrielle Torfabbau in den 1980er-Jahren auslief, begannen in den 1990er-Jahren erste Wiedervernässungs- und Naturschutzmaßnahmen. Mit der Renaturierung wurden die Entwässerungsgräben mit Torfdämmen verschlossen, um das Wasser im Moor zu halten. „Heute sind etwa 20 Prozent der Moorflächen südlich des Chiemsees wiedervernässt“, schätzt die Untere Naturschutzbehörde (UNB) des Landratsamtes Traunstein ein.

Akuter
Wassermangel

Doch die Renaturierung wird durch den Klimawandel erschwert: Steigende Temperaturen und sinkende Grundwasserspiegel wirken sich ungünstig auf die Moore aus. „Wir haben Wassermangel – auch in den Mooren“, sagt Revierförster Anton Ernst. Besonders deutlich werde das in den Moorbereichen, die nicht renaturiert wurden. „Dort gibt es noch die alten, offenen Entwässerungsgräben, die das Niederschlagswasser direkt aus der Fläche ableiten.“ Hinzu kämen Verkehrsadern wie Straßen oder die Bahnlinie als zusätzliche Entwässerungsfaktoren. Der Moorbrand in den Damberger Filzen bei Übersee hat gezeigt, wie Hitze und Dürre der Natur zusetzen. „Renaturierte Moore sind widerstandsfähiger gegenüber Hitze und Trockenheit, weil sie Wasser besser speichern können“, betont die UNB Traunstein. Dadurch könne der Torf bei einem oberflächlichen Brand schlecht weiterbrennen oder tiefgründig glimmen, erklärt der Ökologe Ralf Strohwasser. „Im trockenen Moorboden dagegen sind die Poren des Torfs mit Luft gefüllt, welche – wie in stark ausgetrockneten Blumentöpfen – das Einsickern von Wasser behindern.“ Aus naturschutzfachlicher Sicht sei die Moorrenaturierung der wirksamste Schutz vor Moorbränden, betont die UNB Traunstein. Denn je besser ein Moor Wasser speichern könne, desto geringer sei das Risiko, dass Torfschichten austrocknen und brennbar werden. Zur Vermeidung weiterer Brände wie in den Damberger Filzen sei die Moorrenaturierung daher ein sehr sinnvolles Instrument. Schon Ende des Jahres sollen zwei neue Projekte starten.

Wiedervernässung
umstritten

Doch die Wiedervernässung ist umstritten. „Man muss den Klimawandel mit all seinen Extremen und deren Folgen sehen und deshalb Konzepte erarbeiten, die Dürre, Hitze, Wassermangel und Brandgefahr ebenso berücksichtigen wie sintflutartige Niederschläge und Überschwemmungsgefahr“, sagt Dr. Lutz Pickelmann. Seiner Meinung nach haben die Achental-Flut von 2013 und das Starkregenereignis in Rottau von 2020 gezeigt, dass gerade in wiedervernässten, wassergesättigten Hochmooren das überschüssige Wasser bei Starkregen sturzbachartig abfließe. „Der Versuch, Hochmoorverhältnisse wiederherzustellen, läuft grundsätzlich auf das dauerhafte Anheben des Wasserstandes auf das Niveau der Geländeoberfläche hinaus“, so Pickelmann. Und davon werde auch der Bodenwasserhaushalt benachbarter, dicht besiedelter und genutzter Gebiete beeinflusst.

Nicht umsonst wurde der Chiemsee 1904 abgesenkt, um die Moore zu entwässern und das Land urbar zu machen. 122 Jahre später führt der Klimawandel immer häufiger zu Niedrigwasser. In einer hydrologischen Machbarkeitsstudie untersuchte das Wasserwirtschaftsamt Traunstein jetzt, ob sich der Wasserstand des Chiemsees bei Niedrigwasser anheben ließe. Technisch wäre das machbar. Trotzdem wird das Projekt nicht weiterverfolgt, da unklar ist, wie sich bei erhöhtem Wasserspiegel des Chiemsees ein Hochwasser auf die Entwässerungsgräben der südlichen Chiemseegemeinden auswirken könnte. „Und genau solche Bedenken sind auch vor jeder großflächigen Totalwiedervernässung angesagt“, betont Pickelmann.

Waldumbau
und Wasserhaltung

Doch wie kann man eine besiedelte Moorlandschaft vor Feuer und Hochwasser zugleich schützen? „Beispielsweise mit Aufforstung, mit Waldumbau sowie einem weitflächigen Wasserführungs- und Wasserhaltungskonzept zum Ausgleich ausgedehnter Dürreperioden einerseits und von Starkregenereignissen andererseits“, sagt Dr. Lutz Pickelmann. Extreme Klimaverhältnisse könnten nur durch eine geregelte, stabilisierte Wasserhaltung in der Landschaft ausgeglichen werden. „Deshalb sollten Entwässerungsgräben wie schon vor 100 Jahren mit regelbaren Wehren ausgestattet werden, um Wasserüberschuss und -unterschuss auszugleichen.“ Dem Naturwissenschaftler ist bewusst, dass Moore ein kompliziertes und vielschichtiges Thema sind. Deshalb empfiehlt er, „nicht starr an überholten Naturschutzkonzepten aus den 1990er-Jahren festzuhalten, sondern die Vielfalt der Moore zu betrachten“. Zukunftsorientierte Konzepte sollten seiner Meinung nach nicht allein idealisierte Moorformen wie die Hochmoore als Antwort auf den Klimawandel ansehen, sondern auch Veränderungen in Richtung von Übergangs- und Waldmooren zulassen.

Angepasste
Landschaftsformen

Denn, so betont Dr. Lutz Pickelmann: „Mutter Natur hat nach dem Torfabbau mit neuen Biotopen an den Klimawandel angepasste Landschaftsformen geschaffen, die den Boden-Wasser- Haushalt regulieren und Rückhalt bieten, den Grundwasserspiegel der Umgebung weit weniger tangieren, die Treibhausgase binden, das lokale Klima moderieren und mit dicht bewaldeten Flächen auch vor Torfbränden schützen.“

Samstag, 11. Juli 2026
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