Fehltage durch Simulanten?

Die Pläne für eine Krankschreibung ab dem ersten Tag und das Aus für die telefonische Meldung haben in der Region Rosenheim eine hitzige Debatte ausgelöst. Während Befürworter auf sinkende Fehlzeiten hoffen, kritisieren Gegner eine Überlastung der Arztpraxen und ein Misstrauen gegenüber den Arbeitnehmern.

Von Michael Weiser

Rosenheim – Richtige Maßnahme gegen Drückeberger oder Misstrauensvotum gegen die deutschen Arbeitnehmer? Über die geplante Neuregelung der Krankschreibung ist auch in der Region eine hitzige Diskussion ausgebrochen. Daniela Ludwig, CSU-Bundestagsabgeordnete aus Rosenheim, sieht in der Neuregelung keine Schikane und auch kein Misstrauen gegenüber Arbeitnehmern. „Wer krank ist, soll zu Hause bleiben und sich erholen können. Daran gibt es selbstverständlich nichts zu rütteln.“ Daran solle sich auch durch eine Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag nichts ändern.

Nicht gegen die
Arbeitnehmer

„Die Regelung richtet sich nicht gegen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern soll zu mehr Fairness und Verlässlichkeit beitragen“, sagt Ludwig auf Anfrage des OVB. Die allermeisten Beschäftigten gingen verantwortungsvoll mit ihrer Gesundheit um. Gleichzeitig sehe man einen „sehr hohen Krankenstand, einen der höchsten innerhalb Europas“. Deshalb ist es richtig, zu prüfen, ob man nicht mit klaren Regeln mehr Gerechtigkeit für alle schaffen und unnötige Fehlzeiten reduzieren könne. Davon profitieren am Ende auch die Kolleginnen und Kollegen, die Ausfälle mittragen müssen. „Und durch Videosprechstunden ist eine Krankschreibung heute oft einfacher zu bekommen als noch vor einigen Jahren.“

Ates Gürpinar, Rosenheimer Bundestagsabgeordneter, Sprecher für Gesundheitsökonomie, Drogenpolitik und Public Health bei der Partei Die Linke, hält die geplante Änderung dagegen für „absurd“, und das aus vielen Gründen. „Schon die Unterstellung, dass die Beschäftigten ihre Arbeitgeber hintergehen, weisen wir zurück.“

Es gehe da um eine geringe Zahl, und dass die SPD sich da auf einen Kompromiss eingelassen habe, „halte ich für schräg“. Auch deswegen, weil „Ärztinnen und Ärzte dadurch einen extremen Mehraufwand“ haben. „Termine sind ohnehin schwer zu bekommen“, sagt Gürpinar. „Wenn die Hausärzte das jetzt auch noch leisten sollen, ohne telefonische Krankschreibung, wird das nicht funktionieren.“

Martin Hagen, aufgewachsen in Rosenheim und neuer Generalsekretär der FDP, sieht in der Neuregelung keinen Nutzen für die Wirtschaft. „Die Vorhaben stellen einen unnötigen Eingriff in das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer dar. Zudem steht zu befürchten, dass die geplanten Regeln die Hausärzte überlasten würden“, sagte Hagen auf OVB-Anfrage. „Wir lehnen das ab.“

Andreas Bensegger, Geschäftsführer der Rosenheimer Firma Bensegger und Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Rosenheim, findet es „grundsätzlich gut“, dass darüber diskutiert wird. „Denn Fakt ist: Wir haben im europaweiten Vergleich mit die geringste Arbeitszeit pro Woche. Ein fehlender Arbeitstag ist damit nicht nur teuer für den Unternehmer, sondern vor allem auch für die Kollegen, die das dann abfangen müssen.“

Bensegger geht davon aus, dass sich die Neuregelung in kleineren oder mittelständischen Betrieben ohnehin nicht wirklich auswirken wird. Denn die Unternehmen könnten immer noch entscheiden, ob sie die Vorgabe überhaupt umsetzen. „Und wenn man seine Mitarbeiter kennt, ist das wahrscheinlich nicht notwendig“, meint Bensegger. Bei größeren und damit „gesichtsloseren“ Firmen könnte die Vorgabe durchaus sinnvoll sein.

Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK München und Oberbayern, kann mit der Neuregelung durchaus etwas anfangen: „Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung könnte Krankentage reduzieren, weil das mögliche missbräuchliche Krankschreibungen erschwert.“ Eine abschließende Bewertung, auch bezüglich einer Krankschreibung ab dem ersten Tag, sei jedoch noch nicht zu treffen. Zumal der möglichen Vermeidung von Missbrauch ein höherer bürokratischer Aufwand gegenübersteht.

Höhere Hürden für den Krankenstand? Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, sieht die Neuregelungen als überfällig an. „Der Wegfall der telefonischen Krankschreibung und die Verschärfungen, unrichtige Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen stärker zu bestrafen, sind sehr zielführend, um den hohen Krankenstand in den Unternehmen einzudämmen.“

Der Rosenheimer Kreishandwerksmeister Rudolf Schiller sieht wie Andreas Bensegger einen Unterschied zwischen Groß und Klein. „Mittelständische Familienunternehmen, wie sie häufig im Handwerk anzutreffen sind, haben mit diesem Thema oft weniger Schwierigkeiten. Dort melden sich Mitarbeiter häufig morgens, wenn es ihnen nicht gut geht, und die Chefin oder der Chef sagt dann: „Bleib heute zu Hause und kuriere dich aus.“ Die meisten Arbeitnehmer nutzten dieses Vertrauen nicht aus und kehrten so schnell wie möglich an ihren Arbeitsplatz zurück.

In Betrieben mit einer größeren Anzahl von Beschäftigten sehe die Situation anders aus.

Victoria Broßart, Grünen-Bundestagsabgeordnete aus Rosenheim, hält „absolut nichts“ von der Neuregelung. „Das ist doch irre.“ Auf der einen Seite werde das GSV-Beitragsentlastungsgesetz diskutiert, mit dem den Ärzten die Vergütung gekürzt werden soll, sodass sich manche ihre Praxen nicht mehr leisten können.

Auf der anderen Seite sollen sich Kranke bei diesen Ärzten ab dem ersten Tag krankschreiben lassen. „Wie soll das denn zusammen funktionieren?“ Mehr Papierkram sei es auch, und mehr Stress für die Leute, sagt Broßart. „Der Effekt ist, dass die Leute krank in die Arbeit gehen und dann im Großraumbüro eventuell die Kollegen anstecken.“

Millionen von
Überstunden

Dann falle eventuell nicht eine Person für zwei Tage aus, sondern eine ganze Abteilung für eine Woche. Deutschlands Arbeitnehmer würden einen Berg von Millionen Überstunden schieben. „Die Leute sind nicht faul“, sagt Broßart. „Die Neuregelung ist unverschämt und eines Kanzlers unwürdig.“

Aufs Parlament setzt die SPD-Bundestagsabgeordnete Bärbel Kofler aus Traunstein – um die Neuregelung vielleicht doch noch zu Fall zu bringen. „Ich halte diesen Vorschlag für nicht praktikabel und bin klar gegen die Abschaffung“, sagt Kofler, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

<p>Daniela Ludwig</p>

Daniela Ludwig

<p>Andreas Bensegger</p>

Andreas Bensegger

Samstag, 11. Juli 2026
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