„Keinen weiteren Freizeitpark im Gebirge“

von Redaktion

Das Alpenvorland in der Region Rosenheim gilt als Idylle, doch diese ist bedroht. In einem Gespräch hat der Alpenexperte Werner Bätzing vor den Gefahren durch den wachsenden Verkehr gewarnt. Zudem kritisierte er die städtische Sichtweise auf die Rückkehr von Wölfen und Bären.

Rosenheim – Die Idylle im Voralpenland hat auch ihre Schattenseiten, wie jeder weiß, der schon mal Zeuge eines Mega-Staus im Inntal und auf der A8 wurde. Kann die Verkehrswende gelingen, oder sitzen wir schon in der Falle? Darauf weiß der renommierte Alpen-Experte Prof Dr. Werner Bätzing, Autor des Standardwerks „Die Alpen“, eine Antwort. Und er sagt im OVB-Gespräch auch, wie Rosenheim unter den Druck der nahen Metropole zu geraten droht. Auch was den Umgang mit Bär und Wolf betrifft.

Fünf Auflagen gibt es von Ihrem Klassiker „Die Alpen“, und die Probleme, die sie beschreiben, werden in jeder Auflage ein wenig größer. Ist das nicht übertrieben?

Nein. Weil die Entwicklung im Alpen-Raum negativ ist. Die positiven Ansätze, die es früher gab, also die Reste der traditionellen Bewirtschaftung, verschwinden immer mehr. Neue Initiativen, von denen es viele gibt, haben es schwer. Sie sind vereinzelt, es gelingt nicht, sich miteinander zu vernetzen und dadurch Sichtbarkeit zu erreichen.

Wir in der Region Rosenheim bekommen einige von diesen schlechten Entwicklungen hautnah mit. Beispiel Verkehr. Haben Sie Verständnis für die Demonstration, die der Bürgermeister von Gries am Brenner Ende Mai organisiert hat?

Ich habe nicht nur Verständnis, ich halte dieses Zeichen sogar für dringend notwendig. Der Transitverkehr darf nicht immer weiter wachsen. Vertreter der EU sagen in ihren Sonntagsreden, der Transitverkehr müsse auf die Schiene verlagert werden. Aber im Alltag machen sie das genaue Gegenteil. Ich erinnere nur an die Zulassung von Gigalinern im vergangenen Jahr. Dadurch wird der Transport auf der Straße weiter verbilligt. Die EU unternimmt auch große Anstrengungen, Elektro-Lkw zu fördern. Das alles geht letztlich zulasten der Schiene.

Einer der wichtigsten Spediteure in der Region Rosenheim, die Spedition Johann Dettendorfer in Nußdorf, setzt beispielsweise auf die Verzahnung von Schiene und E-Mobilität bei Lkw. Ist das nicht zukunftstauglich?

Die Vernetzung ist notwendig, ja. Nach dem Grundprinzip: für lange Strecken die Bahn, für die Feinverteilung den Lkw. Das ist unumstritten. Aber der Einsatz der Bahn für lange Strecken ist eben keineswegs selbstverständlich. Für diese Nutzung von Bahnstrecken wäre der Brennerbasistunnel wichtig.

Staatliche Stellen sagen: Ohne richtigen Zulauf wird der Basistunnel sein Potenzial nicht entfalten können. Wie stehen Sie denn zu der Debatte um den Brennerbasistunnel und seine Zuläufe im Süden und im Norden?

Es geht nicht nur um den Brenner-Basistunnel, sondern es geht genauso um den neuen Gotthard-Basistunnel, der ja schon seit einigen Jahren in Betrieb ist. Dort ist der Zulauf von Norden, also von Deutschland aus durch das Rheintal, ebenfalls noch nicht gegeben. Das ist ein Grundsatzproblem. Die Bahn baut zwar Basistunnel, aber der Anschluss an das normale Netz für diese erweiterten Kapazitäten wird nicht gebaut. Das ist für mich der Beleg, dass die Bahn keine hohe Priorität bei der Verkehrspolitik hat.

Obwohl die Straßen die Verkehrsflut nicht mehr aufnehmen können.

Der Verkehr wächst und wächst und wächst. Und das rührt her vom Wirtschaftswachstum. Weil unsere Wirtschaft extrem arbeitsteilig und spezialisiert organisiert ist, sind wir so stark vom Verkehr abhängig.

Wie sehen Sie die Zukunft des Tourismus im Landkreis Rosenheim?

Dieser Raum wird stärker und stärker von der Metropolregion München geprägt. Als eine relativ wachstumsschwache wirtschaftliche Aktivität wird der Tourismus dort eher verdrängt. Das heißt, die ehemaligen Hotels, die kleinen Hotels der Einheimischen, werden umgebaut in Eigentumswohnungen oder teuer vermietet an Dauermieter. Das lohnt sich mehr. Gerade dort, wo die Bevölkerung durch Zuzüge aus der Region München unglaublich stark wächst. Ich bin gerade dabei, die Tourismusdaten für die bayerischen Alpen für 2024 auszuwerten. Ich stelle fest, dass die großen Gemeinden, Garmisch-Partenkirchen etwa und Oberstdorf, weiter wachsen. Aber viele kleinere Tourismusgemeinden verlieren Betten und Übernachtungen aufgrund dieses Verdrängungsprozesses.

Da haben wir wieder diesen Gegensatz zwischen Metropole und Land. Den gibt es auch beim Thema Wolf und Bär. Der Münchner mag finden, das gehöre zur Natur dazu. Der Almbauer aus Oberaudorf ist womöglich anderer Ansicht.

Wenn Städter sagen, was im Alpenraum mit Wolf und Bär passieren sollte, dann ist das Bevormundung. Menschen aus der Stadt haben oftmals ein realitätsfernes Naturbild. Die Alpen sind dort, wo Menschen noch leben, Kulturlandschaft und eben keine Natur. Doch die Städter haben das Gefühl, es sei gut für die Natur, wenn der Mensch sich zurückzieht. Das ist falsch.

Warum das denn?

Wenn sich Almbauern wegen Wolf und Bär zurückziehen, dann bekommen wir oftmals dieses Grüngestrüppel, das extrem klimaschädlich ist und die Lawinengefahr erhöht. Und wo flächendeckend Grün-Erl-Bestände wachsen, herrscht auch keine Artenvielfalt mehr. Das ist in den bayerischen Alpen auf vielen Flächen der Fall, wenn der Mensch Flächen nicht mehr nutzt, die früher gemäht oder beweidet wurden. Davon haben die Städter gar keine Ahnung. Die haben das Gefühl: Je mehr Wald, je mehr Buschwerk, desto besser. Es wäre wichtig, das bäuerliche Erfahrungswissen gegen diese falsche städtische Sichtweise zu stärken.

Mein Eindruck in den vergangenen Jahren ist, dass das Skitourengehen bei uns im Voralpengebiet immer schwieriger wird, immer weniger Schnee, höhere Lawinengefahr. Nur ein Eindruck?

Nein, die Beobachtung ist richtig. Skisport wird im Alpenraum schwieriger, weil die entsprechenden Schneebedingungen immer weniger gegeben sind. In großen Höhen, ja, aber gerade in Voralpenregionen in Regionen bis zu 2.000 Meter werden die Verhältnisse immer schwieriger.

Gibt es überhaupt noch Hoffnung für den Skisport in Gebieten wie Aschau, oder läuft es dort auf sommerliche Freizeitaktivitäten hinaus?

Ich denke, dass dort der Skisport relativ schlechte Möglichkeiten hat, weil die bayerischen Skigebiete einfach zu tief liegen und auch zu klein sind. Sie kennen diese Umfragen, wo die Menschen am liebsten Ski fahren. Je größer das Skigebiet, desto beliebter, desto häufiger wird es ausgewählt. Und je höher es liegt, desto größer die Schneesicherheit, notfalls mit künstlicher Beschneiung. Von dieser Perspektive aus muss man sagen, dass der Skitourismus in den bayerischen Alpen kaum eine Chance hat. Aber ich glaube, dass das auch gar nicht die Stärke der bayerischen Alpen ist.

Sondern?

Die Stärke der bayerischen Alpen ist gerade, dass sie keine sehr großen Skigebiete haben, dass sie nicht so stark technisch erschlossen sind wie Teile von Tirol oder der französischen Westalpen. Die bayerischen Alpen sind relativ dicht an der traditionellen Kulturlandschaft dran. Das, dazu die Nähe zu Tradition, Kultur und Kulinarik sowie die Möglichkeit zu körperlicher Bewegung im Sinne der Gesundheitsvorsorge: Das wäre meines Erachtens ein Profil, mit dem die bayerischen Alpen punkten können.

Die Bahn hinauf zur Kampenwand: ausbauen oder nicht?

Was ich mitbekomme, bekomme ich durch die Zeitung mit. Wenn eine Bahn erneuert werden muss – was in diesem Falle aus TÜV-Gründen nötig ist –, dann wird die neue Bahn nach den Gesetzen unserer Marktwirtschaft größer als die alte. Aber da wäre es extrem innovativ, wenn ein Seilbahnbetreiber das Gegenteil machen und sich etwas anderes überlegen würde, wie er seine Bahn profitabel führen könnte. Es gäbe Möglichkeiten, ohne gleich die Frequenzen zu erhöhen und ohne immer mehr Events am Berg. Die Besucher brauchen keinen weiteren Freizeitpark im Gebirge.

Lifte braucht es eigentlich auch nicht so viele. Mit dem E-Bike kommt jeder rauf. Was halten Sie denn davon?

Ich bin der Meinung, dass man E-Bikes im Alpenraum komplett verbieten sollte. Das E-Bike ist quasi ein personalisierter Lift. So wird die motorisierte Erschließung der Alpen dezentral vorangetrieben. Und damit kommen Besucher in die letzten Winkel der Alpen, die den meisten zuvor nicht offenstanden. Die wenigen, die sich früher dort aufhielten, wussten, wie sie sich dort zu verhalten haben. E-Bikes sorgen dafür, dass sich auch die letzten Winkel mit Menschenmassen füllen. Michael Weiser

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