Altötting – Hinter dem gespenstischen Treiben steckt ein alter Bekannter: der Frühlings-Wollafter (Eriogaster lanestris). Was im Vorbeifahren wie eine Plage wirkt, ist in Wahrheit eine ökologische Besonderheit.
„Entlang der Bundesstraße befindet sich seit vielen Jahren eine stabile Population des in Bayern schon recht seltenen Wollafters“, erklärt Walter Sage vom Bund Naturschutz Altötting. Der Experte betont: „Dies ist im weiten Umkreis der einzige bekannte und stabile Bestand dieser Art.“ Seit rund 35 Jahren ist dieses Vorkommen schon dokumentiert. Dass die Tiere nach einer vermeintlichen Pause plötzlich wieder exakt an dieser Allee zuschlagen, hat einen biologischen Grund.
Wie die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) in Freising auf Anfrage von innsalzach24.de erklärt, durchlaufen die Schmetterlinge eine zyklische Vermehrung. Die Tiere überwintern im Boden in einem Kokon. Sie können laut LWF bis zu sieben Jahre im Boden schlummern, bevor sie plötzlich alle gleichzeitig als Falter schlüpfen.
Ein großflächiges Phänomen ist der Falter laut LWF übrigens nicht – Meldungen für die Wälder in Nieder- und Oberbayern gibt es aktuell nicht, das Auftreten beschränkt sich meist lokal auf das Offenland, Hecken und Alleen.
Beim Anblick von Raupengespinsten schlagen bei vielen Bürgern sofort die Alarmglocken. Drohen giftige Brennhaare wie beim Eichenprozessionsspinner? Hier gibt es Entwarnung: Eine Gefahr durch Brennhaare besteht beim Frühlings-Wollafter ausdrücklich nicht. Dennoch sollte man die Raupen nicht unbedingt anfassen. Lediglich der direkte Kontakt mit den Raupen oder ihren Kokons kann in seltenen Fällen zu leichten, harmlosen Hautreizungen führen, sagen die Experten. Wenn die Raupen erst einmal loslegen, fressen sie die Brutbäume in manchen Jahren komplett kahl. Sieht dramatisch aus, sei für die Bäume aber erstaunlich harmlos, so der Bund. Da die Raupen sehr früh im Jahr aktiv sind, besitzen die Linden eine biologische Superkraft: Sie bilden sogenannte Ersatztriebe aus. „Obwohl die Brutbäume in manchen Jahren vollständig abgeweidet werden, führt dies bei den Bäumen kaum zu bedrohlichen Schäden“, heißt es in einer Erklärung vom Bund. Im Sommer werden die Linden wieder im vollen, grünen Laub stehen.
Eine festgelegte Schadschwelle gibt es laut LWF nicht, weshalb die Behörde klar kommuniziert: Es sind keine Maßnahmen zugunsten der Bäume notwendig.
In der Vergangenheit kam es an der Strecke aus Unwissenheit immer wieder zu Aktionismus – so wurden 2013 etwa teure Leimringe an den Bäumen angebracht. „Da die Puppen oft mehrere Jahre überleben können, ist eine Bekämpfung eine völlige Sisyphusarbeit, bei der das Geld zum Fenster geworfen wird. Unsere Forderung ist daher, den Bestand zwar zu beobachten, aber auf eine Bekämpfung zu verzichten“, bekräftigt der Bund Altötting.
Melanie Hoog