Rosenheim – Egal, wie groß oder klein die Belastung für Außenstehende erscheinen mag. Der Krisendienst ist zur Stelle. Simon Pfeifer ist Psychologischer Psychotherapeut und Gebietskoordinator des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern. Im OVB-Interview spricht er über niederschwellige Hilfsangebote, die Stigmatisierung psychischer Belastungen und Warnsignale, auf die Angehörige achten sollten.
Was genau ist der Krisendienst und an wen richtet sich das Angebot?
Der Krisendienst ist ein kostenfreies und niederschwelliges Angebot für Menschen in seelischen Notlagen. Er ist rund um die Uhr unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 655 3000 erreichbar. Über die Leitstelle erhalten Anrufer zunächst eine telefonische Beratung. Wenn wir im Gespräch feststellen, dass vor Ort weitere Unterstützung nötig ist, können wir rund um die Uhr mobile Einsatzkräfte aussenden. Das Angebot steht in über 120 Sprachen und auch mit Gebärdendolmetschern und Schriftdolmetschern zur Verfügung. Uns ist wichtig, für jeden erreichbar zu sein – völlig ungeachtet des Anlasses.
Wie hoch ist die Hemmschwelle, dort anzurufen? Müssen Betroffene erst in einer extremen Notlage sein?
Nein, genau das möchten wir vermitteln: Man darf und soll sich möglichst frühzeitig beraten lassen. Es braucht dafür weder eine Diagnose noch ein Mindestmaß an Leid. Eine Krise empfindet jeder ganz subjektiv und individuell. Wenn sich zum Beispiel Angehörige Sorgen machen oder eine Situation als belastend empfinden, ist der Krisendienst genau der richtige Ansprechpartner – ganz unabhängig davon, wie groß oder klein die Belastung von außen betrachtet erscheinen mag.
Wie läuft ein solches erstes Telefonat ab?
Zunächst geht es darum, die Situation gemeinsam zu sortieren und Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten: Wo kann man Unterstützung bekommen? Reicht eine fachliche Einordnung am Telefon oder macht es Sinn, Kontakte aus dem persönlichen Umfeld einzubinden? Gegebenenfalls leiten wir direkt am Telefon Interventionen an oder vermitteln weiterführende Angebote. Zum Beispiel bietet die neue Psychiatrische Institutsambulanz der Kliniken des Bezirks Oberbayern hier in Rosenheim kurzfristig Krisentermine bei Fachärztinnen und Psychotherapeutinnen an, die direkt über den Krisendienst Psychiatrie Oberbayern vermittelt werden können – eine wunderbare Zusammenarbeit.
Wann rücken die mobilen Einsatzkräfte vor Ort aus?
Das passiert, wenn eine Situation am Telefon nicht mehr ausreichend eingeschätzt werden kann – zum Beispiel, weil das Umfeld sehr komplex ist oder direkte Begleitung gebraucht wird, etwa bei akuten Angst- oder Erregungszuständen. Wichtig dabei ist: Unsere Teams fahren immer inkognito im unbeschrifteten Fahrzeug aus, um die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen.
Welche Anlässe führen am häufigsten zu einem Anruf?
Psychiatrisch gesehen dominieren depressive Zustände sowie Ängste und Panikattacken – das spiegelt die allgemeinen Häufigkeiten psychischer Erkrankungen wider. Ebenso oft geht es aber um psychosoziale Krisen: Partnerschaftskonflikte, Sorgen um Angehörige, akute Überforderung im Beruf oder schwierige Lebensveränderungen.
Mit Blick auf den Suizidpräventionstag am heutigen 10. September: Ist das Thema Suizidalität in unserer Gesellschaft immer noch tabubehaftet?
Es ist in den letzten Jahren zwar besser geworden, aber gerade im ländlichen Raum erleben wir nach wie vor viel Stigmatisierung. Viele Menschen warten sehr lange, bis sie sich Unterstützung suchen. Hinzu kommt oft der Glaube, man müsse Probleme alleine mit sich ausmachen, sonst sei man „schwach“.
Gibt es Warnsignale, auf die Familie oder Freunde achten können?
Offensichtlich ist es, wenn jemand Sätze sagt wie: „Ich packe das alles nicht mehr“ oder wiederholt passive Todeswünsche äußert. Aber auch starker sozialer Rückzug, eine anhaltend gedrückte Stimmung, das plötzliche Treffen von Vorbereitungen oder auffällig risikoreiches Verhalten können Hinweise sein.
Viele Menschen haben Angst, Betroffene direkt auf Suizidgedanken anzusprechen. Wie begegnet man dem am besten?
Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass man jemanden durch das Ansprechen überhaupt erst auf die Idee bringt. Das Thema offen auf den Tisch zu bringen, wirkt oft entlastend. Angehörige müssen die Verantwortung dafür allerdings nicht allein tragen. Im Zweifel können auch Angehörige bei uns anrufen und sich beraten lassen, wie sie am besten mit der Situation umgehen.
Welche Botschaft möchten Sie Betroffenen und Angehörigen mitgeben?
Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein mutiger Schritt. Es schadet nie, sich jemandem anzuvertrauen – im Gegenteil, es entlastet ungemein. Patricia Huber