Wenn Täter im Wahn handeln

von Redaktion

Nach tödlicher Attacke in Rosenheim – Experten über die Gefahren durch psychisch Kranke und die Rolle von Drogen

Rosenheim – In der Unterführung zu den Gleisaufgängen stehen Kerzen, auf der Treppe zur Halle des Rosenheimer Bahnhofs liegen Schilder, die anklagen. „Schon wieder eine tote Frau“ steht auf einem dieser Schilder, das zwischen Kerzen und Blumensträußen liegt. So erinnern Menschen an die 31-jährige Britin Rebecca B., die am frühen Sonntagmorgen (30. August) einem Messerangriff zum Opfer gefallen war. Immer wieder bleiben Passanten stehen, um innezuhalten.

Verdächtiger in
psychiatrischer Einrichtung

Ein 27-jähriger Obdachloser aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck soll gegen 0.50 Uhr im Gleistunnel die Frau mit dem Messer attackiert haben. Sie erlag kurz darauf im Klinikum ihren Verletzungen. Der mutmaßliche Angreifer befindet sich aktuell in einer psychiatrischen Einrichtung. Es wird also voraussichtlich keine Anklage-, sondern eine Antragsschrift vorgelegt werden. Heißt: Der Mann könnte möglicherweise im Wahn getötet haben und würde nach entsprechendem Gerichtsurteil in den sogenannten Maßregelvollzug eingewiesen. Er wird also in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht werden. „Dieser Fall ist einfach nur eines“, sagt Strafverteidiger Harald Baumgärtl. „Er ist tragisch, und er ist sinnlos. Die Frau hatte nicht die geringste Verbindung zu dem Mann.“

Die Tat erinnert an andere Verbrechen, die in den vergangenen Jahren im Raum Rosenheim die Menschen erschüttert haben. Etwa an den Fall des Raublingers, der seinen Vater tötete und mit der Leiche im Kofferraum nach Neapel fuhr. Oder an den Fall der Rosenheimer Mutter, die am Weihnachtsabend 2024 ihre beiden Kinder umbrachte. Beide töteten im Wahn. Harald Baumgärtl verteidigte in diesen und vielen anderen ähnlich gelagerten Fällen die Angeklagten. Er hat die tödlichen Folgen solcher psychotischen Schübe vielfach gesehen. Genau erklären kann er sie nicht. Es bleibe immer diese Lücke, immer dieses Nicht-nachvollziehen-Können, sagt er. Er habe das Gefühl, immer öfter mit solchen Fällen konfrontiert zu sein.

Diese Kriminalfälle haben Schlagzeilen weit über die Region Rosenheim hinaus geschrieben. Sie bleiben im Gedächtnis. Man spricht über sie. So lange, bis man das Gefühl hat: Es wird immer unsicherer, zufälliger, willkürlicher. Die Staatsanwaltschaft Traunstein kann eine Zunahme nicht bestätigen. Die Gesamtzahl dieser Fälle sei im Bereich der Staatsanwaltschaft zu gering, um statistischen Wert zu haben, sagt Rainer Vietze als Sprecher der Behörde.

Auch Professor Dr. Michael Soyka hat beruflich mit Schizophrenie und ihren Folgen zu tun. Er ist Psychiater, Neurologe, Suchtmediziner und Autor und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er war der Gutachter in dem Fall der Rosenheimer Mutter, die ihre Kinder tötete, weil sie sich in ihrem Verfolgungswahn verirrt hatte. Er begutachtete im Eiskeller-Prozess um den Tod von Hanna den Zeugen aus der Justizvollzugsanstalt, der den Angeklagten so schwer belastet hatte.

„Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es mehr Fälle geworden sind“, meint Michael Soyka. „Aber es sind nicht wenige.“ Wahnstörungen und Denkstörungen erhöhten das Risiko für Gewaltverbrechen jedenfalls stark.

Spricht man mit Praktikern wie Baumgärtl und Soyka, kommt man zu dem Schluss, dass sich im Umgang mit psychischen Erkrankungen vieles ändern müsste. „Wichtig wäre die Verbesserung der Versorgung“, sagt Soyka. „Auch in Gefängnissen gibt es kaum Psychiater.“

Baumgärtl, der wie auch seine Kollegen im Anwaltsberuf Mandanten häufig im Gefängnis besucht, stimmt dem zu. „Dafür ist kein Geld da“, sagt er. „Deswegen heißt Gefängnis oft eher Verwahrung als Resozialisierung.“ Michael Soyka sieht die Folgen mangelnder Sorge auch auf der Straße. „Ich bin immer wieder überrascht, wie viele verwahrloste Menschen und Obdachlose mit Psychosen herumlaufen“, sagt er. Auch daran erkenne man das „Versorgungsdefizit“. Ihn als Arzt mache es traurig, dass so vielen Menschen nicht geholfen werde.

Im Bayerischen Gesundheitsministerium betont man allerdings, dass insbesondere die voll- und teilstationären Kapazitäten in den Fachrichtungen Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJP) in den vergangenen Jahren „massiv ausgebaut“ worden seien. „Gewisse Wartezeiten – in Abhängigkeit vom psychischen Zustandsbild – sind in der psychiatrischen Versorgung regelhaft üblich und leider häufig unvermeidbar“, sagte eine Sprecherin.

Kritik an der Legalisierung
von Cannabis

Einig sind sich Soyka und Baumgärtl, was die Haltung der vormaligen Bundesregierung gegenüber Cannabis betrifft. Schon die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig hatte das Gesetz der Ampelregierung zur Legalisierung von Cannabis im Februar 2024 scharf kritisiert. Es sei ein „drogenpolitischer Irrweg“, sagte die ehemalige Drogenbeauftragte.

Dieser Kritik würden Soyka und Baumgärtl auch in psychiatrischer und juristischer Hinsicht zustimmen. „Diese Vorstellung, Alkohol sei schrecklich, und Cannabis ganz toll, führt in die Irre“, sagt Soyka. Der Zusammenhang zwischen verstärkten psychotischen Schüben und Drogen sei wissenschaftlich klar belegt. Gerade im jugendpsychiatrischen Bereich werden die Risiken „stark unterschätzt“, meint Soyka.

Drogenkonsum im jungen Alter müsse nicht sofort zu Problemen führen, sagt wiederum Baumgärtl. Irgendwann, so ab 25, 30 Jahren, steige dann aber das Risiko für Leute, „die dafür empfänglich sind“. Das Gesetz zur Freigabe von Cannabis könne „kein vernünftig denkender Mensch“ verstehen, sagt der Strafverteidiger.

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