Aktuelles Interview

„Unsere Kirchen am Leben erhalten“

von Redaktion

Domkapitular Dekan Reichel zum 350. Jubiläum in Westerndorf und zur Veränderung in der Kirche

Rosenheim – Die barocke Rundkirche St. Johann Baptist Heilig Kreuz in Westerndorf am Wasen feiert im kommenden Jahr ihre 350. Grundsteinlegung (wir berichteten). Die OVB-Heimatzeitungen haben im Vorfeld mit Hausherr Dekan Daniel Reichel darüber gesprochen.

Herr Dekan Reichel, was bedeutet das Jubiläum der Westerndorfer Kirche für Sie?

Das Jubiläum ist etwas Besonderes. Denn ein solches Fest ist für mich oft mit vielen Zahlen verbunden. Was hat diese Kirche schon alles erlebt? Wie viele Menschen werden wohl in Westerndorf in den 350 Jahren getauft worden sein? Wie viele haben in dieser Zeit dort geheiratet? Wie viele Beerdigungen mussten stattfinden? Wie viele Begebenheiten haben sich abgespielt? Da fällt mir immer ein „Wenn Steine reden könnten“. Zudem ist das Fest eine gute Gelegenheit, zurückzuschauen. Darauf, was alles in 350 Jahren geschehen ist – und auch darauf, welche Veränderungen die Zeiten mit sich gebracht hat. Ich denke, dass der Wandel in der Kirche wohl noch nie so stark war wie in den letzten zehn Jahren. Solche Augenblicke zum Zurückschauen im Leben brauchen wir. Denn im Alltag macht man so etwas nicht.

Haben Sie einen Lieblingsort in der Kirche?

Ja, ganz klar, vorne am Altar, am Herzstück. Von dort hat man einen wunderbaren Blick in das gesamte Gebäude und nimmt seine außergewöhnliche Kreuzform im Inneren sehr gut wahr. Durch die leichte Erhöhung sieht man die Gesamtheit des Gotteshauses mit allen ihren kunstvollen Details hervorragend. Es wird nichts ausgeblendet. Besonders schön ist das auch, wenn abendliche Sonnenstrahlen die Kirche erhellen.

Welche Bedeutung hat die Westerndorfer Kirche für Stadt und Landkreis Rosenheim?

St. Johann Baptist-Heilig Kreuz ist eine einzigartige Kirche, deren Bedeutung ich für die Stadt und die Region Rosenheim als sehr stark einschätzen würde. Sie besitzt die größte Kuppelkonstruktion nördlich der Alpen, eine architektonische Meisterleistung – sie steht übrigens auch der Wallfahrtskirche Maria Birnbaum im Kreis Aichach-Friedberg nahe. Die Westerndorfer Kirche ist bekannt bis nach München. Oft sagen Leute: „Das ist doch dort, wo diese Kirche mit der großen Kuppel steht.“ Während der Durchreise mit dem Auto, aber auch mit dem Fahrrad, bleiben viele Menschen hier stehen. Das ist typisch für Kirchen an Wegen, an exponierten Stellen, das beobachten wir beispielsweise auch in Heilig Blut. Westerndorf ist eben für viele ein Ort des Gebets.

Warum ist das so?

Viele Kirchen werden immer „temporärer“ genutzt. Es gibt immer mehr Leute, die auch untertags das Gespräch mit Gott suchen oder in der Kirche betend alleine sein wollen. Darum ist es mir auch wichtig, dass die Kirche stets für alle geöffnet und frei zugänglich ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass dieser Ort lebendig und von Menschen erfüllt bleibt. Denn meine größte Angst ist, dass das einmal verloren geht und die Leute auf einmal nicht mehr verstehen, warum wir eigentlich unseren Glauben so leben, wie wir es machen. Wir sollten auch versuchen, das Wissen über die Kirche immer zu erhalten, zu pflegen und unsere Kirchen am Leben erhalten – das gilt übrigens für alle. Ich will nicht, dass sie mal ein Museum werden. nterview: M. Aerzbäck

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