OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ – Folge 93

„O heiliger Sankt Florian“

von Redaktion

„O heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an.“ Dieses Stoßgebet mag selbst heute noch so mancher gen Himmel schicken. Wie mag das erst früher gewesen sein, als der Glaube noch größer und die Brandgefahr mit vielen Holzbauten und offenen Feuern noch viel dramatischer war.

Rosenheim – Einer der ältesten Brunnen der Stadt ist dem populären Heiligen als Patron der Feuerwehr gewidmet. In der Kaiserstraße erhebt sich die schlanke Figur des heiligen Florian in der für ihn typischen Rüstung des römischen Militärs auf einer hohen Säule hinter dem Brunnentrog. Nachdenklich blickt er über die westliche Häuserzeile und schüttet mit einer lässigen Gebärde Wasser aus einem Schaff über das Modell eines kleinen brennenden Hauses, das neben seinem rechten Bein steht. Da Florian schon als Kind ein brennendes Haus gelöscht haben soll, wurde er zum Hauptpatron gegen Feuer.

Über Jahrhunderte dienten die öffentlichen Brunnen der kostenlosen Wasserversorgung der Bevölkerung und auch heute noch läuft am Florianbrunnen frisches Trinkwasser aus einem Hahn in den Trog. An den zentralen Plätzen, dem Schrannenmarkt (heute Max-Josefs-Platz) und dem äußeren Markt (heute Ludwigsplatz), unterstrich eine repräsentative Gestaltung der Brunnen das Erscheinungsbild von Rosenheim.

Figur vermutlich

von 1765

Der Florianbrunnen vor dem 1667 begründeten Pernlohner Bräu in der damaligen Wiesengasse gehört zu den am längsten bestehenden Brunnen Rosenheims. 1765 ersetzte der Steinmetz Josef Seybold aus Lofer im Salzburgischen Pinzgau den alten Holzbrunnen durch einen neuen sechseckigen Brunnen aus Marmor. Seybold dürfte auch die marmorne Florianfigur geschaffen haben, die, wie eine Zeichnung von Friedrich Wilhelm Doppelmayr von 1816 belegt, damals schon auf einer Säule über dem Becken stand.

1882 wurde die Wiesengasse in Kaiserstraße umbenannt, zur Ehrung von Kaiser Wilhelm I., der ab 1876 auf seinen alljährlichen Reisen nach Bad Gastein wiederholt das Rosenheimer Bad („Kaiserbad“) besuchte und dabei just durch diese Straße fuhr. Zur Verschönerung der neuen Kaiserstraße soll auch der Florianbrunnen neu gefertigt worden sein. Der alte Marmorbrunnen von 1765 dürfte den nobel beschwingten Geist des Rokoko geatmet haben. Der heutige Brunnen strahlt dagegen eher die steife Sprödigkeit des Historismus aus. Gut möglich, dass er auch schon etwas früher neu gemacht wurde. Da würde sich die Mitte des 19. Jahrhunderts anbieten, als unter König Max II. Joseph (er regierte von 1848 bis 1864) der Historismus mit Reminiszenzen an Gotik und Romanik gefragt war. Von diesem „Maximiliansstil“ künden heute noch die Bauten an der Maximiliansstraße in München.

Der Brunnentrog ist rechteckig, die Säule erinnert an eine Melange aus gotischer und romanischer Kirchensäule. Auf dem quadratischen Würfelkapitel zeigt jede der vier Seiten die Wappen-Rose von Rosenheim. Trog und Säule wurden aus „Rohrdorfer Granit“ geschaffen, einem Kalkstein, der bei weitem nicht so widerstandsfähig ist, wie der Name vermuten ließe. Deshalb zeigt der Trog auch heute deutliche Schäden. Die Figur des heiligen Florian wurde damals aus Gusseisen gefertigt, eine früher beliebte Technik für hochwertige und langlebige Kunstwerke.

Zwei Weltkriege hatte der gusseiserne Heilige unbeschadet überstanden. Doch 1967, in der Sonntagnacht des 12. November gegen 2 Uhr, rissen unbekannte Wüstlinge die Figur von ihrer Säule herunter und zertrümmerten sie auf dem Boden. Stadtrat Dr. Werner Scheuer regte an, dass der Heilige neu geschaffen werden müsse; diesmal allerdings aus Stein. So fertigte die Rosenheimer Firma Marmor Roppelt nach den erhaltenen Resten und Fotografien eine getreue Kopie des frühchristlichen Märtyrers an.

Figur mutwillig beschädigt

Als Material wurde „Giallo dorato“ verwendet, ein Kalksandstein, der in den Colli Berici südlich von Vicenza in Oberitalien gebrochen wird. „Dieser Stein lässt sich sehr gut bearbeiten, deshalb war er schon bei den Römern beliebt. Auch Palladio verwendete ihn an seinen Villenbauten“, weiß der heutige Firmenchef Uli Roppelt. Die Finanzierung übernahm der Rotary Club und im Mai 1968 kam der nun steinerne Florian auf die Säule. Als vor wenigen Jahren abermals Vandalen zuschlugen und dem Heiligen den linken Arm abbrachen, war es wieder die Firma Marmor Roppelt, die einen neuen Arm fertigte und anbrachte.

Das Werk

Florianbrunnen – Florianfigur: 1968, Giallo dorato, italienischer Kalksandstein; Höhe 120 Zentimeter, Breite 40 Zentimeter, Tiefe 35 Zentimeter; Säule und Brunnentrog: Mitte 19. Jahrhundert oder 1882, Rohrdorfer Granit, ein Kalkgestein; Säule Höhe 260 Zentimeter, Säulensockel 44 mal 44 Zentimeter, Säulenschaft 27 mal 27 Zentimeter; Brunnentrog Höhe 66 Zentimeter, Breite 120 Zentimeter, Tiefe 65 Zentimeter; vor dem Gebäude des früheren Pernlohner Bräus, Kaiserstraße 15, 83022 Rosenheim.

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