Rosenheim – Nach einer Statistik des Bayerischen Städtetages galt Rosenheim 1951 als „kinofreudigste“ Stadt Westdeutschlands. In den damals vorhandenen vier Kinos zählte man über 750000 Besucher im Jahr. Durchschnittlich ging also jeder Rosenheimer 25-mal im Jahr ins Kino.
1963 besaß bereits fast jeder zweite Rosenheimer Haushalt einen eigenen Fernseher – und damit begann des Kinosterben. Als erstes Kino mussten 1960 die „Prinzregenten-Lichtspiele“ schließen, 1961 machte das „Kurbel-Lichtspieltheater“ dicht. Ende 2000 und Anfang 2001 folgten mit dem „Filmpalast“ und dem „Capitol“ die letzten beiden Rosenheimer Kinos der 1950er-Jahre.
Statt kleiner Kinos zählt heute die Superlative. Außerdem schaffen Handy und Internet zusätzlich Konkurrenz. „Alles hat seine Berechtigung“, meinen Bastian Schröger und Christian Anner. Was ihnen aber heute zunehmend fehlt: „Der Zauber und die Wertschätzung den Filmschaffenden gegenüber.“ Darum riefen sie 2010 zusammen mit einigen anderen „Kinoverrückten“ den Verein „Kinokultur“ ins Leben. Ihr erklärter Auftrag: Abseits der Blockbuster auch Nischen-Filmen wieder Raum zu geben. Ihr ursprünglicher Plan, das Capitol wiederzubeleben, scheiterte an den finanziellen Mitteln und so kam der Verein schließlich auf die Idee mit den Open-Air-Veranstaltungen.
Unter den aktuell 26 Mitgliedern des Vereins finden sich Studenten ebenso wie Handwerker und Banker. Sie eint die Liebe zum Kino. Alle packen darum seit sechs Jahren immer wieder aufs Neue ehrenamtlich gerne mit an, um den Rosenheimern unterhaltsame Kinoabende unter freiem Himmel zu ermöglichen. Mittlerweile organisieren sie derartige Veranstaltungen auch andernorts, beispielsweise im Bauernhausmuseum Amerang oder im Kloster Seeon. Die Nachfrage ist groß, manche Interessenten müssen mittlerweile auf das nächste Jahr vertröstet werden.
Die finanzielle Situation bleibt schwierig. Nach wie vor kann sich der Verein noch kein digitales Vorführgerät leisten. Das schränkt die Filmauswahl zunehmend ein.
Und die Gebühren zum Ausleihen sind hoch. Rund 3500 Euro hat der Verein dieses Jahr in seine Filmauswahl für die Kino-Kultur-Woche investiert. „Ältere Filme bekommt man noch relativ günstig. Bei aktuellen Filmen wird es dann aber schon sehr schwierig“, erzählt Bastian Schröger.
Der teuerste Film in diesem Jahr ist „Der große Gatsby“ aus dem Jahr 2013. Gezeigt wird er am kommenden Samstag, 12. August. 1200 Euro Ausleih-Gebühr wurden dafür fällig.
Auf Eintrittsgelder will der Verein dennoch auch weiterhin verzichten. Filmgenuss soll so jedermann ermöglicht werden. „Kinokultur“ finanziert sich ausschließlich durch Spenden und Sponsoren, außerdem durch die Einnahmen bei Getränken, Eis und Popcorn und weiteren typischen Kino-Knabbereien.
Bleiben die Zuschauer aus, bleibt der Verein auf seinen Kosten sitzen. Wichtig ist darum schönes Wetter.
Damit hatten die Organisatoren heuer an den ersten beiden Abenden Glück. Laue Sommernächte luden sowohl am Freitag als auch am Samstag zum langen, entspannten Verweilen ein. Die rund 500 Besucher machten es sich auf Bierbänken und mitgebrachten Campingstühlen und Picknick-Decken gemütlich. Zur Eröffnung wurde der „Brandner Kasper“ gezeigt. Am zweiten Tag folgte in Kooperation mit der Nachbarschaftshilfe Rosenheim die französisch-deutsche Produktion „Und wenn wir alle zusammenziehen“ – ein Film, der von fünf Menschen handelt, die in Freundschaft verbunden altern.
Bastian Schröger und Christian Anner achten bei der Filmauswahl seit Anfang an auf eine möglichst große Bandbreite. Etwas Tiefsinn ist auch gewünscht. Zu viel darf es ihrer Erfahrung nach aber dann auch nicht sein. „In erster Linie wollen die Leute sich amüsieren“, weiß Bastian Schröger.
Treue Stammgäste
Viele Besucher sind treue Stammgäste. Auch Florian Pachaly besucht diese Veranstaltung immer wieder gerne. „Mir gefällt die gemütliche Atmosphäre und man trifft hier immer ganz viele Bekannte“, erzählt der 22-Jährige. In diesem Jahr freut er sich besonders auf den Film „Ödipussi“ mit Loriot, der am heutigen Montag gezeigt wird und die beiden Teile von „Männerherzen“, am kommenden Donnerstag und Freitag.
Jetzt muss das Wetter nur wieder besser mitspielen als am gestrigen, regnerischen und wesentlich kühleren Sonntag.
Weitere Informationen zum Programm und zum Verein gibt es unter www.kinokultur-rosenheim.de.