Blindwatten im Wirtshaus

Wo der Maxe bloß ein normaler Kini ist

von Redaktion

Leben und leben lassen. Das gilt in Bayerns Wirtshäusern nicht mehr überall. Speziell aus München sollten sich Kartler fernhalten, heißt es. Viele Wirte sehen Spieler nicht gerne, weil sie angeblich wenig Umsatz bringen – und andere Kunden verschrecken. In Rosenheim ist das anders.

Rosenheim – Natürlich gibt es auch hier Gastronomen, denen schafkopfende Urbayern nicht ins Konzept passen – aber auch solche, die Kartenspieler nicht nur dulden, sondern sie sogar gern im Lokal haben. Denn für viele Touristen ist ein leeres Wirtshaus wie eine Weide ohne Kühe.

Das sehr komplexe Schafkopfen und das einfachere Watten sind die beiden Kartenspiele, die untrennbar mit bayerischer Tradition und Wirtshauskultur verbunden sind. Weniger bekannt, aber bei guten Kartlern – speziell in Rosenheim und Kolbermoor – sehr beliebt: das Blindwatten oder Latinern.

„Mischen possible“ heißt es einige Tage vor dem Wiesn-Start im Flötzinger Bräustüberl, beim Latiner-Turnier des Ex-Fischküche-Stammtisches. Das gilt auch für die Biografien der Spieler. An den vier Spieltischen sitzt ein bunter Haufen: millionenschwere Unternehmer, Metzger- und Zimmerermeister, Berufsfeuerwehrler, Betriebsräte, Beamte, Postler, Elektriker, Metallbauer, Köche und Abfallrecycler. Ob „Eigsaamter mit vui Puifa“ oder „Noagalzuzler ohne Diridari“, ist beim Blindwatten egal. Es zählt nur eins: das Blatt in der Hand – und was man daraus macht.

Los geht‘s. Der Metallbauer und sein Mitspieler von der Berufsfeuerwehr machen gleich etwas aus ihrem „guadn Bladl“. Sie gewinnen das erste Spiel klar. „Des is koa Kunst mitm Rechtn und zwoa Linken“, raunzen die Verlierer, der Millionär und der Postler.

Was beim Schafkopf der „Oide“ (Eichel-Ober) und beim Watten der „Maxe“ (Herz-König), das ist beim Latinern der „Rechte“: die höchste Karte. Im Unterschied zum Watten gibt es beim Blindwatten keine „Kritischen“. Der „Maxe“ ist bloß ein stinknormaler König – wie auch beim Schlagwatten, eine weiteren beliebten Variante in der Region.

Das hat wohl historische Gründe: Blindwatten (auch ladinisch Watten, Latinern) ist die Südtiroler Variante von Boarisch-Watten, entstanden vor knapp 200 Jahren. So gesehen ist Rosenheim auch in dieser Hinsicht die nördlichste Stadt Italiens, wie es immer heißt.

Einen „Andi“ oder „Hofei“, benannt nach ihrem Freiheitskämpfer und Volkshelden Andreas Hofer, hätten die stolzen Südtiroler als höchste Karte sicher akzeptiert – aber keineswegs den nach König Maximilian I. von Bayern bezeichneten „Maxe“. Schließlich waren es ausgerechnet die Bayern, die damals unter Napoleon ganz Tirol besetzt hatten.

So ist auch das klassische Watten keine rein bayerische Erfindung. Das Spiel entstand der Überlieferung nach während der napoleonischen Kriege, als sich die miteinander verbündeten Franzosen und Bayern damit in den Feldlagern die Zeit vertrieben. Der Name geht auf den französischen Begriff „va tout“ zurück, was frei übersetzt so viel wie „letzter Trumpf“ heißt.

Doch entmachtet wurde beim Latinern nicht nur der „Maxe“ – auch Geber und Ausspieler haben nichts zu melden. Im Unterschied zum Watten dürfen sie Schlag- und Farbtrümpfe nicht selbst bestimmen. Was angesagt ist, hängt allein von der untersten Karte ihres Blattes ab, die sich Geber und Ausspieler gegenseitig zeigen. Sobald dieser Moment kommt, wissen sie, was gespielt wird – im Gegensatz zu ihren Partnern. Die tappen im Bezug auf Schlag und Trumpffarbe völlig im Dunkeln – was den Begriff Blindwatten erklärt.

Ein Beispiel: Der Zimmerer (Geber) zeigt dem links von ihm sitzenden Elektriker (Ausspieler) den Gras-Neuner. Beim Ausspieler ist der Schelln-Zehner die unterste Karte. Also ist Gras-Zehner angesagt. Schlag-Trümpfe sind nun neben dem Rechten (Gras-Zehner) die drei Linken (die restlichen Zehner). Gras ist die Trumpffarbe.

Das wissen bei Spielbeginn aber nur zwei von vier Spielern. Die beiden „Blind-Watterer“ erfahren im Verlauf lediglich, welche Karte sticht – und müssen dann mit Gespür und Geschick (Merken, Kombinieren, Ausschlussverfahren) herausfinden, was angesagt ist. Je schneller das gelingt, umso besser. Manchmal ist der Fall schon nach dem ersten Wurf klar, das Rätselraten kann sich aber auch bis zum letzten Stich hinziehen.

Es ist wie beim Tennis: Wer dreimal sticht, hat ein Spiel gewonnen – aber längst noch keinen Satz. Dafür gibt es zwei Punkte oder mehr. Erst wenn man auf 15 kommt, hat man einen Satz für sich entschieden. So zieht sich das Ganze hin. Bei bester Bewirtung und so mancher halben Bier spielt quasi jeder mit jedem und jeder gegen jeden – bis nach Stunden der Turniersieger feststeht.

Bei bayerischen Kartenspielern ist es übrigens wie bei Schlagerstars. Wer etwas auf sich hält, hat einen Spitznamen: So lässt der Bo als Gesamtsieger unter anderem den Bazi, den Bredei, den Hausl, den Glosei und den Mascht hinter sich.

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