Rosenheim – „Ich bin auf einem Bauernhof im Schwarzwald aufgewachsen, doch mit der Gartenarbeit wollte ich zuerst nichts zu tun haben“, erinnert sich Horst Weisser. Heute mag ihm diese Aussage niemand mehr abnehmen, denn der 79-Jährige hat nachweislich einen grünen Daumen. Bis dieser den Bogen raus hatte, dauerte es jedoch ein paar Jahre, die auch von Misserfolgen geprägt waren. „Ich habe jeden Strauch mindestens dreimal umgepflanzt“, berichtet Horst Weisser schmunzelnd. Er experimentiert bis heute gerne – und freut sich gemeinsam mit seiner Frau Ursula über jede Pflanze, die angeht, über jede kleine Blüte, die sich entfaltet.
Ein Spaziergang über das Grundstück am Rosengassenweg in Pang, bebaut im Jahr 1972, gleicht einer Entdeckungsreise: mediterran wirkende Rabatten schlängeln sich entlang von Natursteinwegen und wechseln sich ab mit rund geformten Beeten, in denen meterhohe Dahlien in voller Pracht stehen. Rosen, die heuer zum Bedauern der Weissers nicht so prächtig gedeihen wie üblich, ranken um eine Dornröschen-Laube, die der Hausherr selber geschmiedet hat.
Am liebsten sitzt das Ehepaar Weisser auf der Terrasse: Von hier aus gibt es einen Traumblick auf die Gesamtanlage – bis hin zur Bergkulisse des Wendelsteins. Ein „intensives Gefühl der Zufriedenheit“ verspüren die Weissers dann. „Unser Garten ist ein Stück Urlaub daheim“, sagt das Ehepaar, das nicht mehr so mobil ist wie früher.
Das kleine Paradies gibt ihnen Kraft für einen anstrengenden Alltag, denn Ursula Weisser sitzt aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl. Dass sie sich ebenso wie Ehemann Horst nicht unterkriegen lässt, liegt auch am Garten. Er ist ein Energiespender, ein Begleiter durch die Jahreszeiten, der immer in Bewegung ist. Im Frühjahr zeigt er sich als gelb-weißes Meer von Märzenbechern und Schneeglöckchen, jetzt im Spätsommer als üppig blühendes Dahlien- und Hortensienparadies in knalligen Lila- und Rottönen sowie edlem Creme-Weiß.
Trotz der Abwechslung gibt es einen roten Faden: Etwas wild ist er, der Garten der Weissers. Sie mögen keinen akkurat gestutzten englischen Rasen, keine auf Form getrimmte Buchsbäume oder Blumen, die in Reih und Glied stehen wie Soldaten bei der Parade. „Naturgerecht“: So fassen sie ihren grünen Stil zusammen. Sie pflanzen nur Heimisches, verzichten im Teich auf Fische, damit hier Frösche laichen, ziehen die meisten Blumen selber, sammeln die Nacktschnecken mühsam per Hand auf und verzichten auf Chemie. Ihr Tipp gegen das lästige Unkraut: „keine Brachflächen“.
Nahrung für die bedrohten Bienen
Die Weissers achten auch darauf, dass die aussterbenden Bienen genug Nahrung finden. Ein befreundeter Imker aus Westerndorf hat deshalb bei ihnen sogar einen Bienenstock aufgestellt, um den herum es kräftig summt. Horst Weisser fällt auf, dass es nicht nur immer weniger Insekten, sondern auch immer weniger Vögel gibt.
Dafür bevölkert anderes Getier die Grünanlage in einer ruhigen Wohnsiedlung. Eine Schildkröte sitzt am Wasser, ein Feuersalamander sonnt sich auf einem Stein, ein Rabe bewacht das Schwertlilienbeet – Gartenfiguren aus Ton oder Holz. In den Beeten schwingen Windspiele.
Jeden Tag werkelt Horst Weisser in dieser grünen Oase – eine Arbeit, die manchmal auch anstrengt, aber immer glücklich macht.