Rosenheim – Statistiken über verschwundene Personen gibt es bei der Polizei nicht, wie Pressesprecher Stefan Sonntag auf Anfrage mitteilt. „Die meisten Fälle sind in dem Sinne auch keine echten Vermissten-Fälle“, erklärt er. Oft kämen Kinder oder Erwachsene nicht rechtzeitig nach Hause. Zu Recht würden sich Angehörige dann Sorgen machen. Schnell könne in der Regel aber der Aufenthaltsort der Verschwundenen bestimmt werden. „Kinder treiben sich nach der Schule schon einmal bei Freunden oder in der Stadt herum.“
Dennoch empfiehlt die Polizei: Wenn sich Angehörige begründete Sorgen machen – gerade bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen, die ohne Erklärung verschwunden sind – sollten sie sich so bald wie möglich bei der Polizei melden und nicht abwarten. „Wir haben ganz andere Möglichkeiten, eine Suche in die Wege zu leiten als eine Privatperson.“ Andere Dienststellen könnten miteinbezogen werden, Krankenhäuser abtelefoniert und Taxizentralen kontaktiert werden. „Erst einmal klappern wir das Umfeld ab“, sagt Sonntag. Würde das alles zu keinem Ergebnis führen, kämen Suchtrupps und Hundestaffeln zum Einsatz.
Bei Kindern werde ein Vermisstenfall meist sehr schnell der Kriminalpolizei übergeben – bei Erwachsenen könne das je nach Lage des Falls schon einmal ein paar Wochen dauern.
„Personen ab 18 Jahren können sich theoretisch auch einfach eine Auszeit nehmen, ohne jemandem Bescheid zu sagen“, so Sonntag. Das stehe schließlich jedem frei. Besteht kein Verdacht, dass die Person zum Opfer eines Verbrechens wurde, ist ihr Gesundheitszustand nicht bedenklich und ist sie nicht suizidgefährdet, dann handelt es sich nicht sofort um einen echten Vermisstenfall.
„Wir hatten zum Beispiel kürzlich den Fall, dass eine 15-Jährige von zuhause abgehauen war. Über die sozialen Medien versuchten die Angehörigen, die Suche voranzutreiben. Wir als Polizei wussten aber, dass es in der Familie Probleme gibt und hatten Kenntnis darüber, dass es dem Mädchen gut ging.“ Nach außen wirke so eine Geschichte oft viel dramatischer, als sie es in Wirklichkeit ist. „Und sie erfordert viel Fingerspitzengefühl. Wir als Polizei ziehen dann in so einem Fall das Jugendamt hinzu.“ Echte Vermisstenfälle mit einem Verbrechen im Hintergrund gebe es eher selten.
BRK-Suchdienst klärte viele Schicksale
Zu Schicksalen hinzugezogen wurde jahrelang auch Heinrich Rehberg aus Frasdorf. Der heute 66-Jährige war von 1996 bis 2014 beim Suchdienst vom Roten Kreuz in München tätig – die letzten Jahre vor seiner Rente sogar als Leiter. „Meine Abteilung hat sich um Vermisste gekümmert, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr nach Hause gekommen sind“, erklärt er. Dabei handelte es sich meistens um Soldaten, die nach dem Krieg in Gefangenschaft kamen oder deren Tod nicht erfasst wurde, als sie fielen. „Es gab auch Fälle, in denen sich Vermisste ergeben hatten und dann alleine irgendwo verstarben. 1001 Möglichkeiten bestanden, warum Menschen verschollen gingen.“
Bis heute werden noch 1,2 Millionen Menschen von damals vermisst: „Das ist quasi ganz München.“ Erkenntnis über deren Verbleib erlangt der BRK-Suchdienst nach wie vor. „In unserer besten Zeit klärten wir alle fünf Minuten ein Schicksal“, so Rehberg.
„Die Russen waren strukturierte Archivaren“, fügt er hinzu. Das Schicksal gefangener Soldaten hielten sie akribisch genau fest. „Deren Akten wurden angekauft, übersetzt und ausgewertet.“ Das waren um die 50 Millionen Karteikarten, hinter denen sich 20 Millionen Personen verbargen, so Rehberg. Bis heute liegt die Aufklärungsrate des Suchdienstes immer noch im vierstelligen Bereich pro Jahr. Neben Anfragen von Angehörigen versucht die Behörde, auch Fälle aus eigenem Antrieb zu klären.
Für Rehberg war die Tätigkeit ein Traumjob. „Ich habe Militärhistorie studiert und war selbst Soldat.“ Bis 2023 klärt der Suchdienst noch Schicksale, „dann werden die Unterlagen dem Bundesarchiv beziehungsweise dem bayerischen Staatsarchiv übergeben“, sagt er.
Die Abteilung im BRK wird dann eingestellt. „Dann kümmert sich der Dienst ausschließlich nur noch um andere Vermisstenfälle.“ Wie derzeit zum Beispiel um Flüchtlinge, die ihre Familien im Ausland vermissen. „Aber auch beim Tsunami 2004 oder dem 11. September 2001 standen bei uns die Telefone nicht mehr still und wir arbeiteten eng mit anderen Organisationen und Behörden zusammen auf der Suche nach zahlreichen vermissten Personen.“