Rosenheim – Das Konduktive Fördersystem wurde von dem Arzt Dr. Andràs Petö in den 1950er-Jahren in Ungarn entwickelt, um Kinder mit Störungen des zentralen Nervensystems zu fördern und zu therapieren. Mittlerweile kommt die Konduktive Förderung aber auch bei vielen anderen Behinderungen und Krankheiten zum Einsatz. Oberstes Ziel ist es, die Kinder trotz Handicap in ein so weit wie möglich selbstständiges Leben zu führen.
Bei Jessica Georg und Lukas Jorysz hat das geklappt. Die beiden 18-Jährigen haben erst kürzlich eine Internet-Informationsplattform für Menschen mit Handicap ins Leben gerufen. Beide sind auf den Rollstuhl angewiesen und hatten einen schweren Start ins Leben. An ihre Jahre im Kindergarten Sonnenschein denken sie gerne zurück: „Es war eine sehr schöne Zeit, auch wenn es manchmal anstrengend war.“
Einrichtungsleiterin Andrea Papnè und ihr Team fördern die Kinder nicht nur, sie fordern sie auch. Ein wichtiger Ansatz, ist Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig überzeugt, die 2003 die Schirmherrschaft für die Einrichtung übernommen hat. „Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch Pioniere auf diesem Gebiet. Die Konduktive Förderung war damals noch kaum jemandem ein Begriff“, meinte sie in ihren Grußworten.
Der Weg zur Gründung war darum nicht leicht. „Es war eine Berg- und Talfahrt“, erinnert sich Siegfried Weisbach. Zusammen mit seiner Frau Doris hat er vor 19 Jahren aus eigener Betroffenheit heraus in Rosenheim den Stein ins Rollen gebracht: Tochter Julia kam schwerstbehindert zur Welt. Die Eltern wollten ihr die bestmögliche Hilfe angedeihen lassen und fanden diese in der Konduktiven Einrichtung der Fortschritt-GmbH Niederpöcking in Starnberg. Auf die Dauer waren die langen Fahrtzeiten dorthin aber nicht zu stemmen und so fasste Ehepaar Weisbach den Entschluss, dieses Angebot auch in Rosenheim möglich zu machen. „Wenn die Kinder nicht zum Kindergarten können, muss der Kindergarten zu den Kindern kommen.“
Die Fortschritt GmbH mit Peter von Quadt als Geschäftsführer übernahm die Trägerschaft. Rund 80 Kinder haben diese Einrichtung seit der Eröffnung im Jahr 2004 besucht.
Vieles hat sich seit der Anfangszeit getan. Es wurde die erste Konduktive Außenklasse Deutschlands als Modellprojekt an einer Regel-Grundschule gestartet und von der Universität Würzburg wissenschaftlich begleitet. 2014 wurde dann die „Inklusive Schule Oberaudorf Inntal“ eröffnet und auch damit ist noch lange nicht Schluss, wenn es nach Siegfried Weisbach und vielen der anderen engagierten Eltern geht: „Nach Kindergarten und Schulzeit kommt das Berufsleben und damit verbunden die Möglichkeit, trotz Behinderung selbstständig leben zu können, beispielsweise in Wohngemeinschaften. Diese Entwicklung geht weiter bis zum Leben im Alter, also beispielsweise mit einem Altenheim mit Konduktiver Förderung.“
Motiviert durch die OVB-Weihnachts-Spendenaktion im Jahr 2004 wurde 2005 der regional gemeinnützige Verein „Fortschritt Rosenheim“ gegründet, um die Verbreitung, Unterstützung und Zukunft der Konduktiven Förderung in der Region zu erhalten und weiter auszubauen. Lob für dieses Engagement kam bei der Geburtstagsfeier von Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer: „Es ist wichtig, in einer gleichberechtigten Gesellschaft zu leben, in der alle die gleichen Chancen haben.“
Wieder Plätze frei
Manchmal braucht es für diese Gleichberechtigung aber immer noch ein großes Kämpferherz. Lukas Jorysz will Informatik studieren. Dafür braucht er das Abitur. Trotz guter Noten blieb ihm als Rollstuhlfahrer der Übertritt in ein Gymnasium aber verwehrt. Der Verein „Fortschritt Rosenheim“ setzte sich für Lukas ein und der zeigte es schließlich allen: „In der 8. Klasse war ich sogar der Klassenbeste“, sagt er sichtlich stolz.
Aktuell können wieder Kinder im Kindergarten Sonnenschein aufgenommen werden. Weitere Informationen zum Kindergarten Sonnenschein und der Konduktiven Förderung gibt es im Internet unter www.fortschritt-rosenheim.de.