Jugendamtsleiter Gerd Rose geht in den Ruhestand

Zum Erziehen braucht es ein ganzes Dorf

von Redaktion

Caroline Rapp hat am 1. Oktober ihren Dienst als Leiterin des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien angetreten. Sie folgt auf den langjährigen Amtsleiter Gerd Rose, der in den Ruhestand gegangen ist. Rose hat die Stadt zu verdanken, dass sie mit ihrer sozialraumorientierten Jugendhilfe deutschlandweit bekannt wurde.

Rosenheim – Es ist die Ruhe, die Gerd Rose ausstrahlt, die ein Gespräch mit ihm so angenehm macht. Die Tonlage in seiner Stimme ist gedämpft, die Körperhaltung entspannt. 21 Jahre lang war er Chef im Rosenheimer Jugendamt. Während seiner Dienstzeit hat sich in der städtischen Jugendhilfe viel bewegt.

Stichwort „sozialraumorientierte Jugendhilfe“. Was klingt wie ein verschnörkelter Begriff aus dem Beamten-Deutsch, ist in der Realität ein Konzept, das in der gesamten Bundesrepublik als Vorbild gilt. Freie Träger wie Caritas, Diakonie, Kinderschutzbund, Kinderheim Schöne Aussicht, Stadtjugendring und Startklar von Anfang an mit ins Boot holen, um gemeinsam mit Familien eine bestmögliche Lösung für Probleme zu finden: Das ist der Grundsatz. „Früher hat man zuerst die Kinder versorgt und erst dann nach einem freien Träger zur Unterstützung gesucht. Heute werden Entscheidungen gemeinsam ab der ersten Stunde getroffen“, erklärt Rose die Entwicklung. Die Kinder, solange es möglich ist, in den Familien lassen und ihnen einen Sozialarbeiter als feste, dauerhafte Bezugsperson zur Seite stellen, sind weitere Kriterien, die das Projekt bis heute so erfolgreich machen.

Was bis 2010 als Pilotvorhaben galt, zählt heute längst zum Regelbetrieb. „Es sind die Stärken, die man bei einem Kind entdecken und fördern muss“, beschreibt Rose seinen Ansatz. Das Sprichwort „Um Menschen zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ wird dabei übertragen: Das Umfeld des Kindes im Stadtquartier mit Freunden, Schule und Familie wird stark mit eingebunden. „Früher hat man die Kinder viel schneller aus der Familie genommen. Ihnen ein gutes Heim gesucht, das auch weit weg sein konnte. Heute ist das nicht mehr so. Sie sollen mit ihrem sozialen Umfeld in der Heimat in einem engen Kontakt bleiben.“

Der Begriff „Wohl des Kindes“ ist aber noch viel weiter dehnbar. Kinderbetreuungsplätze sind da beispielsweise ein gutes Stichwort. Bis zum März dieses Jahres war das Jugendamt auch dafür verantwortlich. Was mittlerweile im neuen Amt für Schulen, Kinderbetreuung und Sport zusammengefasst ist, wurde im Jugendamt auf die Erfolgsschiene gebracht. „Eltern haben einen Anspruch auf eine Kinderbetreuung und wir als Jugendamt haben es geschafft, dass in Rosenheim nun jeder einen Platz bekommt.“

Gerne erwähnt Rose da auch die Wirtschaftlichkeit seines Amtes. Ohne an den falschen Stellen zu sparen, hatte er den Etat immer fest im Blick. „Die enge Zusammenarbeit mit freien Trägern hat uns auch in dieser Hinsicht zum Erfolg gebracht.“

Jugendtreffs: Auch sie gibt es seit Roses Amtszeit in jedem Stadtteil. Gerne denkt der 65-Jährige in diesem Zusammenhang auch an das Freizeitgelände am Happingerausee zurück, an dessen Errichtung er einen großen Anteil hatte. „Oder an die Spielstadt, die ich mit dem jetzigen Kreisjugendamtsleiter Johannes Fischer erfunden habe und die seit 33 Jahren lebt.“

Die wohl größte Herausforderung während seiner Zeit als Leiter war die Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die das Jugendamt unter Schutz nehmen musste. Hunderte strandeten 2015 pro Woche in Rosenheim. Die 180 Mitarbeiter kümmerten sich um Unterkünfte. Sie mieteten Büroflächen an, organisierten Turnhallen, Feldbetten und Essen. „Das war eine unglaubliche Teamleistung, die wir wirklich gut gemeistert haben.“ Apropos Team – da spürt man, wie Rose kurz wehmütig wird. Seine Mitarbeiter wird er vermissen.

Die Jugendhilfe an sich natürlich auch – ganz rausnehmen wird er sich nicht. Zwar ist die Erziehungsarbeit für ihn als Vater von zwei Töchtern (18 und 23) überwiegend abgeschlossen, doch als Mitbegründer unter anderem des Fördervereins Fitz, des Fördervereins Jugendarbeit und der Aktiven Senioren für Rosenheimer Jugendliche wird er sich noch weiter engagieren.

Ob man als studierter Sozialpädagoge in Sachen Erziehung anderen Eltern etwas voraus hat? Da schüttelt Rose den Kopf: „Vater bleibt Vater. Da ist man nicht weiser als andere.“

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