Rosenheim – „Das Leben ist schwer“, seufzt eine Rentnerin. Gegen die morgendliche Kälte schützt sie sich mit einer dicken, selbst gestrickten Pudelmütze, die sie tief ins Gesicht gezogen hat. Geduldig sitzt sie auf einem Stuhl im Schülercafé und wartet auf die Anlieferung der Bäckereiprodukte. Die Hände umklammern eine große Plastiktüte, in der sie bereits ein paar Konserven, Nudeln und Mehl eingesammelt hat. Die 69-Jährige stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Vor 40 Jahren ist sie nach Rosenheim gekommen – und geblieben. Sie hat immer hart gearbeitet – in schlecht bezahlten Helferjobs. Die Rente ist klein, Familie, die Unterstützung leisten könnte, gibt es nicht.
Ein Leben lang gewerkelt, doch das Geld reicht nicht
Doch die alle zwei Wochen stattfindende Backwarenausgabe des Vinzentiusvereins ist für sie mehr als ein Sozialdienst: Hier trifft sie auch Menschen, denen es ebenfalls nicht gut geht. So wie der Nachbarin am Tisch, eine 73-Jährige, deren gepflegte Erscheinung nicht vermuten lässt, dass sie bedürftig ist. „Ich habe eine Rente“, sagt sie, „ich bin zufrieden.“ Armut empfindet sie, das ist ihren Worten deutlich zu entnehmen, als Schande. Doch das Geld, das sie monatlich erhält, reicht nicht aus. Deshalb verdrängt sie alle zwei Wochen ihren verletzten Stolz und nimmt einen Lebensmittelgutschein über zehn Euro in Empfang – und freut sich über ein Gebäckstück, das sie sich sonst nicht leisten kann. Gespendet werden die Brot- und Backwaren von den Bäckereien Bergmeister und Huber.
Erst Mitte 30 ist eine Frau, die unruhig durch die Räume streift. Sie ist schwerbehindert und arbeitsunfähig. „Ich muss mich gesund ernähren“, erklärt sie. Dafür reicht das Geld jedoch nicht aus. Die Einkaufsgutscheine verwendet sie deshalb zweimal monatlich, um sich „wirklich gute Sachen wie Vollkornprodukte“ zu kaufen. „Ich muss immer so knapsen“, bedauert die Rosenheimerin, die vor allem eins nicht will, wenn das Geld hinten und vorne nicht reicht: „die Verwandtschaft anbetteln“. Regelmäßig sucht sie sich in den Kisten, die der Sozialdienst des Vinzentiusvereins mit gut erhaltenen, gebrauchten Kleidungsstücken füllt, etwas zum Anziehen heraus.
Die Dankbarkeit für diese Angebote ist auch einer Frau in mittleren Jahren anzumerken. Vorsichtig fischt sie eine Tafel Schokolade aus den Lebensmitteln, die die Besucher des Erntedankgottesdienstes für den Vinzentiusverein gespendet haben. Fragender Blick in Richtung der Ehrenamtlichen: „Darf ich?“ Natürlich darf sie. Die Mitglieder des Vereins helfen, ohne viel Worte zu machen. Über 600 Bedürftige leben in der Innenstadt, ein Kreis von 120 Personen nimmt den Sozialdienst des Vereins in Anspruch – weil die Bürger nachweislich eine sehr niedrige Rente erhalten, arbeitslos sind, von Hartz IV leben, große Familien mit kleinem Geldbeutel zu versorgen haben. Oft sind es auch Wohlfahrtsverbände, die Sozialschwache an den Vinzentiusverein vermitteln.
Dessen Sozialdienst folgt einer langen Tradition: 1884, als der Verein gegründet wurde, gab es noch keine Wohlfahrtsverbände. Damals riefen Rosenheimer Bürger den Verein ins Leben, um etwas für die Bedürftigen zu tun. Die Armenspeisung entstand. Heute, über 100 Jahre später, ist diese noch immer notwendig.
Und wird in Zukunft noch wichtiger werden, ist zweiter Vorsitzender Manfred Hellstern überzeugt. Denn die Altersarmut nehme zu – zu bemerken auch im Sozialdienst des Vinzentiusvereins, berichtet der Diplom-Ingenieur im Ruhestand. Die große Mehrzahl der Bürger, die dieses Angebot nutzen, ist über 60 Jahre alt.
Auffallend viele
ältere Frauen von Armut betroffen
Auffallend: die vielen Frauen. Sie eint ein Schicksal: Jahrzehntelang haben sie hart gearbeitet, meistens in Mini-Jobs, Kinder groß gezogen, Eltern gepflegt. Jetzt sind sie allein – und mittellos. Die hohen Mieten in Rosenheim verschlingen einen Großteil der kleinen Rente. Kino, Theater, Ausflug, Urlaub, ein Gaststättenbesuch: Was für andere selbstverständlich ist, können sie sich nicht leisten. Ein Laib Brot, ein leckeres Stück Kuchen, ein Päckchen Mehl, ein Gutschein zum Einkaufen: Das hilft – ein wenig.
Was es heißt, „um jeden Cent kämpfen zu müssen“, weiß auch Vereinsmitglied Ernst Kirchhoff aus eigener Erfahrung. Er wuchs in einer kinderreichen Familie auf, der Vater verstarb früh, die Mutter rackerte sich ab, um die Familie durchzubringen. Der Sohn schwor sich: „Wenn ich groß bin, werde ich mich in der Armenfürsorge engagieren.“ Dieses Versprechen hat er gehalten: Heute hilft der Rentner im Sozialdienst des Vinzentiusvereins anderen.
„Das ist Hilfe, die direkt vor Ort bei den Leuten ankommt“, betont der Ehrenamtliche Roland Reich, Schriftführer des Vereins. Auch er wollte im Ruhestand etwas Sinnvolles tun. Und entschloss sich zum Engagement im Sozialdienst. Gemeinsam mit Laurenz Schreiner stemmen er, Hellstern, Reich und Kirchhoff die alle zwei Wochen stattfindende Backwaren- und Gutscheinausgabe. Ein gut funktionierendes Team, das die Aufgabe zu einer Zeit, in der die meisten noch im warmen Bett liegen, gut gelaunt bewältigt. Und sich auch über Spenden freut – so wie jene einer anonymen Frau, die immer wieder eine Kiste Lebensmittel vorbeibringt.