Rosenheim – Ein Plakat ist ein großer bedruckter Bogen aus Papier, auf dem mit Text und Bild eine Botschaft übermittelt wird. Das stimmt, aber es wäre zu simpel, es bei dieser Definition zu belassen. Plakate sind Zeitzeugen, erzählen Geschichte und Geschichten, auch von der Art wie sie mancher heute nicht mehr hören und lesen mag. Mit einer Auswahl erinnert das Stadtarchiv Rosenheim derzeit an die NS-Zeit, parallel zur Kunstausstellung „vermacht.verfallen.verdrängt“ in der benachbarten Städtischen Galerie.
„Blut und Rasse“ hieß eine Ausstellung, die vom 29. Februar bis 19. März 1936 in Rosenheim gezeigt wurde. Der auf dem Werbeplakat genannte Ort, der Ausstellungssaal des Rathauses, macht deutlich, dass das in der Schau dokumentierte Gedankengut auf einer Linie lag mit dem der Stadtoberen. Die vom Deutschen Hygiene-Museum Dresden zusammengestellte Wanderausstellung unter Leitung des rassepolitischen Amtes der NSDAP war vor allem dazu gedacht, mit leicht transportierbaren Bildtafeln auch ländliche Gebiete zu erreichen. Aufgabe der Ausstellung war es, „den in der nationalsozialistischen Weltanschauung verankerten Gedanken von Blut und Boden, von der rassischen Gestaltung des deutschen Menschen zum Ausdruck zu bringen“. Dazu erschien ein ideologisches Begleitheft von Hermann Vellguth, der später in Wien das Rassepolitische Amt der NSDAP leitete und dann im Reichsministerium des Innern als Medizinalrat Referent für „Erb- und Rassenpflege“ wurde.
Der menschenverachtende Hintergrund der damaligen Ausstellung erschließt sich durch den Titel „Blut und Rasse“. In Blau und Gold gehalten, ist das Plakat ästhetisch gestaltet, wie überhaupt mancher dieser Bögen auf Anhieb optisch harmlos wirkt. Die zum Herbstfest riefen, schienen zunächst unpolitisch zu sein. Dann entdeckt man ganz klein links unten auf dem Plakat von 1936 das Hakenkreuz, fast verspielt eingearbeitet mit Schwert und Ähre. Eindeutig ist hingegen die Pose des schneidig tanzenden Trachtlers, den der Grafiker 1934 mit erhobener rechter Hand zeigt, eine bestimmte klassische Drehfigur, aber eben auch der Hitlergruß.
Keinen Zweifel an dem, was sich in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte tat, lässt eine Bekanntmachung von 1935, bei der es um die „Wahlberechtigung zur Volksabstimmung und zur Wahl zum Großdeutschen Reichstag“ ging. Nicht wahlberechtigt waren „alle Juden, d.h. solche Männer und Frauen, die von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großelternteilen abstammen“. Auch „jüdische Mischlinge“ oder wer mit Juden verheiratet war, durfte nicht wählen, und das wusste jeder, denn es stand ja in der öffentlich plakatierten Bekanntmachung.
Die Kunsthistorikerin Elisabeth Rechenauer hat Texte zu dieser Ausstellung mit dem Titel „Achtung! Wichtig!“ erarbeitet. Darin heißt es: „Unter der NS-Herrschaft wurde die Plakatwerbung wie auch alle anderen Medien staatlich kontrolliert und funktionalisiert. Plakate warben für die Partei und ihre Gliederungen und propagierten die Errungenschaften des Systems. Sie warnten vor Judentum und Bolschewismus, sie feierten alles Soldatische und Militärische und sollten so zur Ideologisierung und Militarisierung der Gesellschaft beitragen“.
Kluft zwischen Propaganda und Wirklichkeit
Die Kluft zwischen Propaganda und rauer Wirklichkeit in dieser Zeit lässt sich gut ablesen. Da ruft eines der Ausstellungsstücke zur Großkundgebung mit Gauleiter Adolf Wagner: „Der deutsche Soldat, der beste Soldat der Welt, hält die Wacht von Narvik bis an das Schwarze Meer. In der Heimat kämpfen der deutsche Arbeiter, der deutsche Bauer und nicht zuletzt die deutsche Frau durch ihr rastloses Schaffen für den endgültigen Sieg.“ Ein anderes Plakat macht ungewollt deutlich, worin dieses „rastlose Schaffen der deutschen Frau“ bestand. Da geht es kurz vor Beginn des Krieges um den „Normalbestand eines Verbrauchers“, um bezugsscheinpflichtige Lebensmittel, um Brennstoffe, Oberbekleidung und Unterhosen, wobei das aufwendige Bezugsscheinsystem das rasche Wachsen von Kinderfüßen keinesfalls berücksichtigte.
Die Idee, begleitend zur derzeit laufenden Ausstellung in der benachbarten Galerie Plakate aus dem Archivkeller im Lesesaal des Stadtarchivs zu präsentieren, hatte Galerieleiterin Monika Hauser-Mair. Sie hat einen besonderen Blick für die alten Schriften und die grafische Gestaltung. „Da gab es viele, die ihr Handwerk verstanden“, sagt sie. Das Stadtarchiv hat erst spät angefangen, Plakate zu sammeln. Die nun gezeigten kamen über Verwaltungs- und Genehmigungsvorgänge in das Archiv. Sie werden dort in eigens dafür vorgesehenen Schränken gelagert. „Historische Plakate sind sehr empfindliche Archivalien, das Papier ist sehr schlecht, dünn und brüchig“, darauf weist Stadtarchivarin Tina Buttenberg hin.
Die Sammlung umfasst derzeit rund 4200 Plakate. Sie sind einzeln in der Archivdatenbank erfasst und können auch online recherchiert und teilweise digital betrachtet werden.