Kastenau – „Zickezacke, hoi, hoi, hoi“, ruft Bubi Bachmayr und hebt das Stamperl Obstler. Schauspieler, Kulissenbauer, Licht- und Tontechniker, Kostümbildnerin und Regisseurin prosten ihm zu – ein Ritual vor jeder Vorstellung. Kurz bevor der Vorhang geöffnet wird, versammelt Regisseurin Sieglinde Wunsam alle Aktiven auf und hinter der Bühne zu einer kurzen Einstimmung. „Es ist uns eine Ehre, heute für die Feuerwehr spielen zu dürfen“, sagt sie diesmal. Denn im Saal sitzen ausschließlich Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen mit ihren Familien. Seit fünf Jahren geben die Kastenauer für die Einsatzkräfte eine Zusatzvorstellung – „als Dankeschön“ für deren Engagement.
Extra-Vorstellung nur für die Feuerwehr
Hinter der Bühne ist das Stimmengewirr aus dem Publikum deutlich zu hören. Die Feuerwehrler genießen den freien Abend – und warten, von den Kastenauern mit Bier, Wasser und Würstln versorgt, gespannt darauf, dass sich der Vorhang öffnet. Das geschieht heute zehn Minuten später als sonst. Denn Darsteller Heiko Wünschmann, der den Wandermusiker Bertl spielt, saß in München am Hauptbahnhof fest. Der Zug nach Rosenheim ist ausgefallen. Thomas Fischer ist losgefahren, um den Schauspieler abzuholen. Kurz nach 20 Uhr stürmt dieser in das Pfarrheim – außer Atem, aber überglücklich, dass er es dank seines Chauffeurs doch noch geschafft hat. Blitzschnell ist das Kostüm übergezogen. Am Billardtisch, umfunktioniert zum Schminktisch, wird das Gesicht schnell gepudert – und los geht’s, nachdem Souffleuse Brigitte Geberl in ihren unter der Bühne versteckten Kasten geklettert ist. Ihre Hilfe ist selten vonnöten, denn die Kastenauer sind erfahrene Darsteller – und gut im Improvisieren, wenn es mal hakt, erzählen sie lachend.
Seit 23 Jahren spielen sie Theater. Viele sind schon lange dabei. Die nächste Generation hat das Theaterfieber bereits angesteckt. Es gibt Familien wie die Wunsams, in denen drei Generationen auf und hinter der Bühne aktiv sind.
„Ich bin heuer durch das Casting gefallen“, scherzt Stadtrat Günther Wunsam, der in dieser Saison keine Rolle spielt, sondern bei der Bewirtung hilft. Durchgefallen ist er natürlich nicht, doch in der Kastenau möchten immer so viele eine Rolle übernehmen, dass nicht alle an die Reihe kommen. „Wir haben einen Schauspielerüberhang, Nachwuchsmangel kennen wir überhaupt nicht“, freut sich die Regisseurin.
„Lustig soll
das Stück sein“
Sie sucht die Stücke sogar immer so aus, dass möglichst viele Schauspieler auf der Bühne stehen können. Heuer sind es zwölf, die mitspielen in der Komödie „Herz ist Gold“ von Steffi Kammermeier. 30 Kopf stark ist die gesamte Truppe des Theaters, das vor 23 Jahren vom damaligen Kastenauer Pfarrer Holzner gegründet wurde. Weiteres Kriterium für die Auswahl des Stückes: „Lustig soll es sein“, erklärt Sieglinde Wunsam, die seit zehn Jahren Regie führt und früher auch mitspielte. Sie legt jedoch auch Wert darauf, dass die Handlung nicht unter die Gürtellinie zielt – und die bayerische Lebensart nicht auf den Arm nimmt. Auch volkstümlicher Kitsch und Klamauk sind tabu.
Diese Sorgfalt bei der Auswahl der Stücke ist ein Erfolgsgeheimnis des Theaters Kastenau. „Bei uns stimmt die Chemie, Reibereien gibt es nicht“, nennt Brigitte Schnitzer als weiteren Grund. Das ist deutlich zu spüren: Die Theaterleute – alles Kastenauer – gehen locker miteinander um, man kennt sich zum Teil von klein auf und schätzt sich. Jeder packt mit an – ohne große Worte zu machen. „Ich muss nicht darum betteln, dass man hilft. Auf unsere Truppe kann ich mich zu 100 Prozent verlassen“, sagt Sieglinde Wunsam.
Karten bereits
im Mai ausverkauft
Das gilt auch dann, wenn es Probleme gibt. Gaby Hartl, die Darstellerin der Witwe Gerlinde, spielt mit bandagiertem Arm. Denn sie hat sich mitten in der Saison zwei Bänder in der Schulter gerissen. „Es geht“, sagt sie und versteckt den verletzten Arm unter einem Poncho. Aufgeben: Das kommt für sie nicht in Frage.
„Typisch Kastenau“, sagt Sieglinde Wunsam. „Wir sind ein Dorf in der Stadt – und halten zusammen.“ Diesen Teamgeist spiegeln die Vorstellungen wider. Sie sind so beliebt, dass es gar keinen öffentlichen Kartenverkauf gibt. Bereits im Mai waren heuer die 148 Sitzplätze für jede der sieben Aufführungen ausverkauft – obwohl zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal bekannt war, welches Stück gespielt wird. Deshalb gibt es vor der Premiere immer eine öffentliche Generalprobe im Pfarrheim, wo die Bühnenbeleuchtung heuer durch Sponsorenunterstützung erneuert werden konnte. Um 17 Uhr standen die ersten Fans vor der Tür, um sich einen Platz zu sichern. „Wir spielen eigentlich nur mit, weil wir keine Karten bekommen“, scherzt Georg Schnitzer, der im Theater Kastenau heuer die Hauptrolle des Bauern Jackl übernommen hatte.