Rosenheim – Bereits seit über 5000 Jahren nutzt die Menschheit Gesellschafts-Spiele zum Zeitvertreib. Als die Ära der Computer begann, prophezeiten ihnen viele das Aus. Das Gegenteil war der Fall. Brettspiele trotzen Konsolen und PC-Games. Seit zwei, drei Jahren geht ihr Umsatz sogar wieder deutlich nach oben. Im Jahr 2015 knackte die Branche zum ersten Mal die Umsatzmarke von drei Milliarden Euro.
Dagmar Dieterle, selbst großer Brettspielfan, veranstaltet in ihrer Rosenheimer Kommunikationsagentur regelmäßig Spieleabende. Neben den Klassikern werden auch immer Spiele-Neuheiten auf Funktionalität und Spielwert getestet. Diesmal diente ein Plastik-Würstchen mit frechem Grinsen im Gesicht als „Eisbrecher“ bei den ankommenden Gästen. „Silly Sausage“ lässt sich drehen, ziehen, drücken und schütteln. Wer nicht schnell genug ihren Anweisungen folgt, fliegt raus. Der zehnjährige Benni fand dieses schnelle Reaktionsspiel schon mal „super“. „Dieses Spiel versteht man sofort und die Wurst sieht wirklich lustig aus“, meinte der Bub fachmännisch. Schnell zeigte sich, dass Kinder in Sachen „Reaktion“ oft die Nase vorn haben. Benni gewann bei fast jeder Runde.
Natürlich spielt der Zehnjährige in seiner Freizeit gerne am Computer. Brettspiele will er aber auch nicht missen. „Die sind irgendwie realer“, meint er. Miteinander zu spielen und zu lachen sei eben doch schöner, als sich alleine in seinem Zimmer zu unterhalten. Was Benni überhaupt nicht leiden kann, sind lange, komplizierte Spiel-Anleitungen: „Da lege ich das Spiel gleich wieder weg.“
Klassiker verkaufen sich nach wie vor gut
Lea sieht das ganz ähnlich. Auch sie liebt es bei Spielen unkompliziert. „Strategiespiele gehen bei mir gar nicht. Ich will mich nicht auch noch in meiner Freizeit anstrengen, sondern amüsieren“, meint die 22-Jährige. Immer wieder gerne spielt sie Klassiker wie das Würfelspiel „Kniffel“: „Das macht auch in großer Runde Spaß.“
Tatsächlich verkaufen sich Klassiker, wie beispielsweise auch „Mensch ärgere dich nicht“, nach wie vor gut. Jedes Jahr kommen aber auch 500 bis 600 Spiele-Neuheiten auf den Markt. Sie werden von Spielkritikern genauestens unter die Lupe genommen und bestenfalls zum „Spiel des Jahres“ gekürt.
Tom Werneck, studierter Rechtswissenschaftler, ist einer der beiden Gründer der Jury „Spiel des Jahres“ und leitet das Bayerische Spiele-Archiv, eine der größten Sammlungen von Brettspielen weltweit. Für den dienstältesten Spielkritiker Deutschlands ist schon der Begriff „neu“ relativ. „Man muss genau hinschauen, wer wirklich eine neue Idee hatte, oder nur als Trittbrettfahrer auf einen Trend aufspringt“, erklärt der 78-Jährige. Grundsätzlich ließe sich sowieso jedes Spiel auf die wenigen Urformen zurückführen. „Man kann beispielsweise ziehen oder springen“, so der Spiele-Experte.
Wie viele verschiedene Spiele er in den vergangenen 40 Jahren bereits gespielt hat, kann Tom Werneck nicht mehr sagen. Spielen alleine reiche aber auch nicht aus, um fachlich versierte Bewertungen abzugeben: „Man muss sich dafür wirklich intensiv in diese Materie einarbeiten und viel Literatur lesen.“ Gerne vergleicht er das Spielen mit dem Kochen. „Auch beim Kochen ist die Anzahl an Zutaten begrenzt. Es kommt immer auf die Zusammenstellung an“, so Werneck.
Chris Mewes gehört ebenfalls zur Jury „Spiel des Jahres“. Der 66-Jährige leitete Großbaustellen im In- und Ausland. In seiner Freizeit hat auch er schon immer gerne gespielt. Seine erste Spiele-Kritik schrieb der Münchner im Jahr 1984. Auch Mewes hat sich mit den Jahren ein umfangreiches Fachwissen über Brettspiele angeeignet.
Beim Spielen macht Werneck und Mewes darum keiner so leicht was vor. Während andere noch über ihren nächsten Spielzug nachdenken, erkennen sie schon das Muster dahinter. Der Anspruch beim Spielen sei gerade in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen, sind sich die beiden einig. Heutzutage seien schon Kinder schnell in der Lage, bestimmte Muster zu erkennen und wenn man erst wisse, wie man immer gewinnen kann, werde ein Spiel schnell langweilig.
Obwohl das Spielen bei Werneck und Mewes viel Zeit in ihrem Leben einnimmt, verdienen sie damit kein Geld. „Wenn man dafür erst einmal die Hand aufhält, wird man bei seinen Bewertungen unaufrichtig und das darf natürlich nicht sein“, sind sie sich einig.
Brettspiele sind ein wichtiges Kulturgut
Tipps, welche Neuerscheinungen in diesem Jahr besonders vielversprechend sind, wollen sie nicht geben. Auch bei dieser Frage kommt Tom Werneck wieder zum Vergleich mit dem Kochen: „Wir können nur empfehlen. Letztendlich ist es aber dann wie bei einer Speisekarte. Beim Auswählen kommt es immer auf die eigenen Vorlieben an. Und da spielen viele Kriterien eine Rolle. Man muss sich überlegen, wann will ich spielen, wo, mit wem und wie viel Zeit habe ich dafür.“
Für Werneck und Mewes bleiben Brettspiele ein wichtiges Kulturgut, das der Menschheit noch sehr lange erhalten bleiben wird: „Der Computer kann vieles. Aber man kann ihm sicherlich noch lange nicht in die Augen schauen und mit ihm zusammen lachen, reden, flirten und Schadenfreude empfinden.“