Rosenheim/Los Angeles – Wer ein waschechter Bayer ist, der steht zu seinem Dirndl oder zu seiner Lederhose. Egal in welcher Lebenssituation – da gibt es auch im Flugzeug kein Zurück.
Das finden zumindest Daniel Ertl (22) und Kim Heidrich (46) vom Trachtenverein Alt Rosenheim. Mit zehn Vereinskollegen sind die beiden Vorschnalzer Ende September in die USA geflogen, um dem befreundeten Trachtenverein „Die gemütlichen Schuhplattler“ in Los Angeles zu zeigen, wie man richtig mit der Goaßl schnalzt. Die Reise erfolgte – natürlich – in voller Trachtenmontur.
„Wir sind aufgefallen“, erinnern sich die beiden gerne an den Antritt ihrer Tour am Münchner Flughafen zurück. „Nachdem unser Flug gecancelt wurde, dauerte es eine Weile, bis wir umgebucht wurden. Dann ließ man uns ausrufen: Die Musikkapelle bitte zum Gate.“ Fast – dachten sich die Trachtler und nahmen die Startschwierigkeiten und die Verwechslung durch das Bodenpersonal mit Humor.
9617,28 Kilometer später erreichten die Bayern, die teilweise zum ersten Mal den Freistaat verlassen hatten, Los Angeles. Sehnsüchtig wurden sie dort schon erwartet: von Hans und Hanna Habereder. Der Münchner und die Wienerin wanderten vor vielen Jahren nach Amerika aus. Dort ihre Tradition aufzugeben, das kam für die Rentner nicht infrage. Nun lebt sie im Verein „Die gemütlichen Schuhplattler“ im Los Angeler Stadtteil Anaheim weiter. Übrigens: Dem amerikanischen Trachtenverein gehören 75 Mitglieder an – die Mehrheit hat keine deutschen Wurzeln.
„Die Habereders sind auch bei uns in Rosenheim im Verein und kommen jedes Jahr zum Herbstfest“, erklärt Heidrich die Hintergründe zur entstandenen Freundschaft. „Sie wollten von uns lernen, wie das Goaßlschnalzen geht“, ergänzt Ertl. Die anfängliche Idee: Unterricht per Skype. Das kam den Rosenheimern aber nicht in den Sinn. Wenn schon, dann richtig – ohne Komplikationen mit der Zeitverschiebung, waren sie sich einig. „So entschieden wir im Herbst 2016, dass wir in genau einem Jahr hinfliegen werden.“
Es folgte ein Jahr der Organisation – von der Reiseplanung mit Stopp in Las Vegas über die Visa-Besorgung bis hin zur Unterrichts-Vorbereitung. „Unsere Freunde in den USA haben sich dann die für die Schulung notwendigen Fuhrmannpeitschen vom Chiemsee per Versand in die USA bestellt“, berichten die Rosenheimer.
„Da gab es Bier in Pappbechern.“
Kim Heidrich
Bestens ausgerüstet lief vor Ort dann alles glatt: Einen Nachmittag lang zeigten die Rosenheimer den Amerikanern, wie man mit der Peitsche per Überschall richtig knallt und somit die bayerische Tradition auch auf der anderen Seite des Teichs aufleben lässt. „Gemeinsam sind wir bei einem Heimatabend und beim Oktoberfest in Anaheim aufgetreten.“ Als echte Bayern versteht sich. Und die haben das Oktoberfest in Anaheim, das mit dem Münchner nicht ansatzweise vergleichbar ist, schon eine Spur traditioneller gemacht.
„Ansonsten gibt es da Bier in Pappbechern“, beschreibt Heidrich das Konzept. „Außerdem zahlst du Eintritt. Ansonsten wäre es eine öffentliche Veranstaltung und es dürfte kein Alkohol ausgeschenkt werden.“ Der Musikgeschmack, der war etwas einseitig, wie Daniel Ertl noch weiß: „Der beschränkte sich hauptsächlich auf den Ententanz.“
Der guten Stimmung Abbruch getan hat die amerikanische Version aber nicht. Denn eines ist klar: „Vom Verein her haben wir sowohl in Amerika als auch hier in Bayern das gleiche Ziel. Und das ist, die Tradition zu bewahren.“ So ist durch den Besuch die deutsch-amerikanische Trachtenfreundschaft definitiv vertieft worden – wenn auch teilweise mit Händen und Füßen durch mangelnde Sprachkenntnisse.
Kuriose Erinnerungen werden jedem Vereinsmitglied wohl bleiben: „Meinem Bruder beispielsweise ist die Lederhose gerissen. Die wurde dann von einem mexikanischen Schneider geflickt“, sagt Ertl. Und die Naht: „Das ist die Beste, die er bisher gesehen hat“, ergänzt der 22-Jährige mit einem Augenzwinkern.