Selbsthilfegruppe „Schlag auf Schlag“

Ertl: „Ich hätte gerne Hilfe gehabt“

von Redaktion

Werden nahestehende Menschen von einem Schlaganfall heimgesucht, ändert sich auch für die Angehörigen das ganze Leben. Um ihnen den Alltag zu erleichtern, hat Ilse Ertl die Selbsthilfegruppe „Schlag auf Schlag“ gegründet.

Rosenheim – Im Café Altbacken in Stephanskirchen gibt es, so findet Ilse Ertl, den besten Käsekuchen. Dafür lässt die 86-Jährige auch gerne mal das Frühstück ausfallen. In ihrem geliebten Café trifft sie sich mit den OVB-Heimatzeitungen, um über ihre Selbsthilfegruppe „Schlag auf Schlag“ zu sprechen.

Vor rund fünf Jahren gründete die Rentnerin die Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Angehörigen von Schwerstbehinderten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Eine Herzensangelegenheit für die 86-Jährige, denn als ihr Mann vor acht Jahren Opfer eines Schlaganfalls wurde und rund um die Uhr gepflegt werden musste, hatte Ertl niemanden, an den sie sich wenden konnte.

„Ich musste mir alles selber erarbeiten und selbst beibringen,“ erklärt die Rentnerin, während sie das erste Stück vom Lieblingskuchen probiert. „Ich wäre damals sehr froh gewesen, wenn ich mit anderen Angehörigen hätte reden können“, fährt sie fort. Nach dem Schlaganfall war die rechte Seite ihres Mannes komplett gelähmt und die linke Gehirnhälfte hatte eine Schädigung erlitten. „Für mich war das Schlimmste, dass er nicht sprechen konnte. Ich hoffe immer noch, dass ich alles so gemacht habe, wie er es sich gewünscht hat“. Für einen kurzen Moment starrt Ilse Ertl traurig auf ihren Kaffee, dann beginnt sie erneut über ihre Selbsthilfegruppe zu sprechen.

„Viele Betroffene

sind sehr hilflos“

Ilse Ertl

„Eigentlich ist es gar keine wirkliche Gruppe. Die Leute kommen nicht regelmäßig“, erklärt Ertl. Verständlich, denn die Angehörigen können die Schwerkranken nicht einfach alleine zu Hause lassen.

„Das Problem ist, dass viele Leute sehr hilflos sind. Oftmals haben die Angehörigen keine Informationen über Pflegedienste und entscheiden sich dann dafür, den Betroffenen in ein Heim zu geben“, bedauert Ertl. Auch die 86-Jährige hatte ihren Mann nach seinem Schlaganfall in einer Alten-Residenz angemeldet. „Ich wusste damals nicht, dass es noch andere Optionen gab“, sagt die Rentnerin. Nachdem jemand sie über die Pflegemöglichkeit daheim informiert hatte, löste Ertl den Vertrag mit dem Pflegeheim auf und versorgte ihren Mann, mit der Hilfe von zwei ausländischen Helferinnen, für sieben Jahre zuhause. „Ich kann das wirklich nur jedem empfehlen“, blickt Ertl zurück.

„Von der Selbsthilfegruppe erhoffe ich mir, dass die Leute schneller Informationen erhalten. Ich weiß, wie es ist, wenn man alleine ist und niemanden hat, an den man sich wenden kann“, so Ertl auf die Frage, warum es ihr so wichtig ist, Betroffenen zu helfen. Jeden ersten Dienstag im Monat trifft sich die von ihr ins Leben gerufene Selbsthilfegruppe von 19 bis 21 Uhr im Caritas-Zentrum Rosenheim in der Reichenbachstraße 5. Im Fokus stehen die persönlichen Erfahrungen. Ertl lädt aber auch immer wieder Referenten ein, an die sich die Angehörigen mit Fragen wenden können, berichtet sie. Mittlerweile ist der Kaffee kalt geworden, so viel gibt es zu erzählen. Ilse Ertl bestellt sich einen Espresso und fährt in ihrem Bericht über die Arbeit ihrer Selbsthilfegruppe fort.

37 Jahre zusammen – Vier Tage verheiratet

„Es ist wichtig, dem Betroffenen immer wieder zu versichern, dass die Angehörigen ihn lieben und dass er keine Last ist“, sagt die Rosenheimerin. Dass Ilse Ertl ihren Mann Alois geliebt hat, daran gibt es keinen Zweifel. Sie war mit ihm 37 Jahre ohne Trauschein zusammen. „Wir waren dann genau vier Tage verheiratet“, lächelt die 86-Jährige. Am 15. Juni dieses Sommers sagten die beiden „Ja“, vier Tage später schlug das Schicksal zu: Der Bräutigam starb. Eine Liebesgeschichte, die trauriger nicht sein könnte.

„Ich werde ihm nicht verzeihen, dass er mich verlassen hat. Aber ich bin froh, dass er nicht mehr leiden muss. Er ist mit einem Strahlen auf dem Gesicht eingeschlafen. Bis dahin wusste ich nicht, dass man Freude und Trauer zur gleichen Zeit empfinden kann“, sagt Ertl abschließend. Jetzt hat sie sich ein neues Lebensziel gesetzt: anderen Betroffenen zu helfen.

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