Rosenheim – Auf eine stolze Tradition kann der Musikverein Rosenheim zurückblicken. 171 Jahre alt ist der Zusammenschluss Rosenheimer Bürger, der sich dem Musizieren und der Förderung von klassischer Musik verschrieben hat. Seit 1919 firmiert die Gruppierung unter dem Namen Musikverein Rosenheim und hat das kulturelle Geschehen der Stadt entscheidend geprägt: So initiierte der Musikverein die Reihe der Meisterkonzerte, war Mitbegründer der Rosenheimer Musikschule und bestritt auch das Eröffnungskonzert in der damals neuen Stadthalle. In Zukunft tritt er unter dem Namen Innphilharmonie auf. Die stellvertretende Vorsitzende Annette Kopf und der künstlerische Leiter Thomas J. Mandl verraten, was hinter dem neuen Namen steckt.
Seit fast 100 Jahren firmiert der Verein als Musikverein Rosenheim. Was ist der Grund dafür, sich jetzt einen neuen Namen zu geben?
Annette Kopf: Der neue Name war der Schlusspunkt eines langen Prozesses. Wir hatten uns immer wieder gefragt, wie wir Menschen zum Musizieren und zum Hören von Konzerten einladen können. Einen Verein als soziale und kulturelle Heimat suchen Menschen heute nicht mehr. Was ist dann Aufgabe und Sinn einer Gruppierung wie der des Musikvereins in einer Stadt wie Rosenheim, die kein eigenes städtisches Orchester und keinen eigenen Chor hat? Viele Menschen wollen miteinander musizieren, auf hohem Niveau, frei von konfessionellen Grenzen. Uns verbindet die Lebendigkeit des flüchtigen Augenblickes. Ein Ton, ein Konzert verklingt und es bleibt nichts als eine beglückende Erinnerung – und vielleicht eine gute Berichterstattung im Oberbayerischen Volksblatt! Und diese momentgebundene Lebendigkeit teilen wir mit einem großen Publikum, die ein live musiziertes Konzert schätzen. Und so kamen wir zu einem Punkt, an dem wir sahen, dass „Musikverein“ nicht mehr das moderne Dach sein konnte, unter dem sich neue Mitwirkende eingeladen fühlen.
Welches neue Publikum wollen Sie nun erreichen?
Annette Kopf: Wir wollen junge Menschen und Familien ansprechen – und haben begonnen, den Eintritt für Schüler und Studierende frei zu gestalten. Wir beteiligen uns am Projekt des Kulturforums „Kultur für alle“, durch das Menschen, die sich einen Konzertbesuch nicht leisten können, über Gutscheine der Tafeln an dieser Form von Kultur teilhaben können. Der neue Name wurde in einem langen Prozess gesucht und von den Mitwirkenden mit überwältigender Mehrheit angenommen. Der Inn soll die regionale Verwurzelung symbolisieren und die Philharmonie die Menschen verbinden.
Thomas J. Mandl: Immer wieder habe ich erfahren, dass bei der Nennung „Musikverein“ intuitiv an ein Blasorchester gedacht wird. Da wir immer mehr überregional auftreten – zum Beispiel ist nächstes Jahr in den Herbstferien ein Gastspiel beim Festival Musica Mallorca in Planung – möchten wir Veranstaltern und Partnern einen eindeutiger klingenden Namen in die Hand geben. Dabei denken wir ebenso an zukünftige Förderer. Auch wir empfinden mehrheitlich die Bezeichnung „Musikverein“ als etwas altbacken – alle Traditionen in Ehren, aber eben über diese Diskussion entstand die Erkenntnis, dass im Wechsel das Beständige liegt und deshalb keine Tradition gebrochen wird.
Was gab den Ausschlag für die inhaltliche Neuausrichtung?
Annette Kopf: Wir wissen, dass ein „weiter so wie immer“ im Kulturbetrieb nicht funktioniert – ja vielleicht nie funktioniert hat. Es sind viele kleine Anstöße, die das Nachdenken angeregt haben. Beispielsweise berichteten Musizierende aus unserer Gruppe, die nach Rosenheim gezogen sind, dass sie für sich nach einem Ensemble Ausschau hielten und sich unter Musikverein nicht das vorstellen konnten, was sie suchten. Wir erlebten, dass auswärtige Ensembles, mit denen wir gemeinsame Konzerte planten, unter diesem Namen nicht ein Orchester und einen Chor vermuteten. Und wir erfuhren verstärkt, dass Menschen einen „Verein“ nicht suchten.
Der Musikverein hat sich der Pflege der klassischen Musik verschrieben. Ist mit dem neuen Namen nun auch eine musikalische Neuausrichtung verbunden?
Thomas J. Mandl: Nein. Wir treffen uns wie schon die Väter des Liederkranzes 1846, um Meisterwerke der Musikliteratur für Chor und Orchester aufzuführen. Dies beinhaltet Musik von 1600 bis 2017 und weiter. Schon begonnen haben wir in den vergangenen Jahren mit Auftritten, in denen der Chor alleine – also „a cappella“ – und auch das Orchester eigenständig konzertieren. Fortgesetzt wird dies im nächsten Mai beispielsweise mit Beethovens 2. Sinfonie. Des Weiteren geplant sind Konzerte für Familien und junge Leute sowie ein Abend mit Opernarien und -chören. Sollte uns auch mal ein Musical einfallen, würde dies noch lange keine andere Ausrichtung bedeuten. Grundgebiet ist nach wie vor die Aufführung von Oratorien – als nächstes am 19. November das Mozart-Requiem in der Hedwigskirche. Das Wichtigste für mich als künstlerischen Leiter ist, dass wir begeistert proben und mitreißend konzertieren und dass die Musik, die wir aufführen, von hoher Qualität ist. Diese muss ständig neu erarbeitet werden, und das macht uns allen Freude.
Beim Namen Innphilharmonie denkt man an ein Orchester. Bisher steht im Musikverein der Chor gleichberechtigt neben dem Instrumentalensemble. Bleibt das auch weiterhin so?
Thomas J. Mandl: Prinzipiell: Begonnen hat alles zuerst mit einem Chor. Der „Musikverein“ besteht seit 1919 aus zwei musizierenden Gruppen. Der Chor ist die größere Gruppe. Interessanterweise wurde bei der Diskussion der Namensfindung aus der Orchestergruppe das Bedenken geäußert, „Philharmonie“ sei doch eher ein Chor. Also nicht wirklich alle empfinden den Schwerpunkt der Benennung gleich. Für mich persönlich macht eine Philharmonie erst das Zusammenspiel von Chören und Orchestern aus. Nun vom „Philharmonischen Chor“ oder vom „Philharmonischen Orchester“ zu sprechen, hätte nur Wortungetüme erzeugt. Mit „Innphilharmonie. Chor. Orchester“ ist uns der kürzeste Weg zum Erkennen unserer Tätigkeit gelungen: Klassik in zwei Gruppierungen und miteinander. Und außerdem: Wir musizieren immer häufiger mit Gastchören – der Name „Philharmonie“ strahlt für viele mehr Offenheit und Integration aus als „Musikverein“, er ist einfach „a bissl mehr sexy“!
Interview: Klaus Kuhn