Rosenheim – „Altersarmut ist auch bei uns ein großes Thema, das uns sehr berührt“, bestätigt Josef Kugler, Vorsitzender des Seniorenbeirates Rosenheim und Sprachrohr für die Nöte und Sorgen älterer Mitbürger. In den Sprechstunden des vom Stadtrat berufenen Gremiums und bei den Seniorenfrühstücksrunden in Zusammenarbeit mit der Arbeiterwohlfahrt werde viel über die Problematik gesprochen. Was Kugler besonders traurig macht: „Viele Betroffene nehmen keine Unterstützung in Anspruch, weil sie sich schämen.“ Zum Amt gehen? „Das ist mir so peinlich“, heiße es oft.
Andreas März, Vorsitzender des Vinzentius-Vereins, bestätigt: Der Großteil der bedürftigen Bürger, welche die Lebensmittelgutschein-Ausgabe des Vereins in Anspruch nehmen, gehört zum Alter 60plus. Noch vor 20 Jahren war dies nicht die Hauptzielgruppe, in den vergangenen drei Jahren hat dieser Personenkreis nach Angaben von März jedoch „dramatisch zugenommen“. Bei der Ausgabe der Gutscheine für Back- und Metzgerwaren sowie für den Miniladen fällt eine Gruppe durch besonders starke Präsenz auf: ältere Frauen, viele davon auch mit Migrationshintergrund.
Größtes Problem:
zu wenig günstiger Wohnraum
Betroffen von Altersarmut sind auch nach Erfahrungen des Seniorenbeirates vor allem Seniorinnen. Die Kinderbetreuung war früher nicht so gut ausgebaut wie heute. Viele Mütter blieben – auch als Folge eines anderen Frauenbildes – nach der Geburt des ersten Kindes daheim, arbeiteten später nur in Teilzeit oder in Mini-Jobs. Nach der Kindererziehung folgte nicht selten die Pflege von älteren Angehörigen. Wenn der Ehemann stirbt oder die Ehe scheitert, stehen viele Frauen im Alter ohne ausreichende finanzielle Versorgung da. Der Gang zum Sozialamt ist unvermeidlich.
„Es sind schon oft traurige Dinge, die wir sehen“, berichtet Kugler von Besuchen, die der Seniorenbeirat bei Geburtstagen ab dem 85. Jahr abstattet. Größtes Problem in Rosenheim: Es gibt zu wenig günstigen Wohnraum. Ältere Menschen benötigen bezahlbare, kleine, aber auch barrierefreie Wohnungen. „Doch es gibt ja kaum noch sozial geförderte Wohnungen“, bedauert Kugler. Der Vorsitzende des Seniorenbeirates findet: „Hier ist die Politik gefordert. Jetzt ist es Zeit, dass nicht nur geredet und geredet und geredet wird“, schreibt er der geplanten Großen Koalition ins Hausaufgabenheft.
März sieht ein weiteres Problem: „Die Grundversorgung ist so teuer geworden – Wohnen, Heizen, Strom.“ Da bleibe immer weniger im ohnehin knapp gefüllten Portemonnaie. Zum Jahresende gibt der Vinzentius-Verein deshalb sogar Weihnachtsgeld aus. Der Geschenkeeinkauf würde sonst bei vielen Bedürftigen ausfallen.
Der Seniorenbeirat der Stadt veranstaltet einmal im Jahr in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Wohlfahrtspflege außerdem für sozial schwächere Senioren einen Ausflug. Denn wer im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, kann sich Freizeitaktivitäten kaum leisten. Die Vereinsamung ist dann eine weitere Folge.
Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wird das Armutsrisiko noch weiter ansteigen, besonders betroffen: die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre. Als armutsgefährdet gilt ein Rentner, dessen Netto-Einkommen unter 958 Euro monatlich liegt.
Für Elisabeth Bartl, Leiterin der Rosenheimer Tafel, die Kunden aus allen Altersgruppen, darunter auch viele Senioren hat, steht fest: „Es ist ein Skandal, dass es in einem reichen Land für unserem überhaupt Einrichtungen wie eine Tafel geben muss.“