Ausprobiert und miterlebt – Folge fünf: Im Kindergarten Löwenzahn

Ein Morgen mit Marienkäfern

von Redaktion

Der Kita-Alltag ist kein Kinderspiel. Davon überzeugte sich OVB-Volontärin Anna Heise in ihrer Serie „Ausprobiert und miterlebt“ beim Morgenkreis im städtischen Kindergarten Löwenzahn.

Rosenheim – „Von wem bist du die Mama?“. Neugierig schaut mich die kleine Rona über ihre pinken Brillengläser hinweg an. Ungeübt in Gesprächen mit Vierjährigen versuche ich ihr zu erklären, warum ich zu Gast im Kindergarten Löwenzahn bin. Schnell verliert sie das Interesse an mir und widmet sich spannenderen Dingen – etwa dem Inhalt ihrer Brotzeitdose. Ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen.

Das Geräusch der Klingel reißt mich aus meinen Selbstzweifeln. Die Drei-bis Sechsjährigen um mich herum beginnen zu singen: „Eins, Zwei, Drei – Die Spielzeit ist vorbei.“ Eilig werden Bilderbücher, Malstifte und Bastelsachen an ihren ursprünglichen Platz zurückgestellt. Alle positionieren sich in einer Reihe an der Tür. Es ist Zeit für den Morgenkreis der Marienkäfer, eine der Gruppen im Kindergarten Löwenzahn. Neben den Marienkäfern gibt es noch fünf weitere „Kollektive“ aus der Tierwelt: die Teddy-, die Hamster-, die Eichhörnchen-, die Igel- und die Mäusegruppe.

Jede dieser Gemeinschaften hat drei Zuständige, beispielsweise einen Erzieher, eine Kindergartenpflegerin und eine Fachkraft. Insgesamt betreut der Kindergarten Löwenzahn 145 Kinder.

Für einen reibungsfreien Ablauf, die Organisation und die Gruppeneinteilung ist Christiane Freese verantwortlich. Die Löwenzahn-Leiterin hat eine Schwäche für Zitate, wie die Plakate an den Wänden der beiden Gebäude zeigen. Einer ihrer Favoriten: „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen.“ „Ein Kind zu erziehen, bedeutet an erster Stelle, es in der Besonderheit seines kindlichen Wesens bedingungslos anzunehmen. Es gilt dem Gast den guten Ort anzubieten und ihm so lange inneren Halt zu geben, bis er seinen Weg selber kennt“, erklärt Freese.

Das Mantra des Kindergartens: Der Alltag soll entwicklungsbegleitend ablaufen – die Kinder müssen Dinge selber ausprobieren können. So auch im Morgenkreis, in dem die Mädchen und Buben spielend den Umgang mit Zahlen und Farben lernen. Vor den Stühlen liegen große Plakate mit bunten Ziffern. Jeden Morgen ist eine andere Zahl an der Reihe.

Mit den Kindern nehme ich Platz – gar nicht so einfach, denn mit einer Größe von 1,87 Metern weiß ich nicht, wohin mit meinen Beinen. Melissa ergreift meine Hand und wünscht mir einen guten Morgen. 40 Kinderaugen schauen in meine Richtung. Ich stelle mich vor und winke kurz in die Runde. Elias lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Er hat heute die Zahl des Tages und ist damit an der Reihe, die Leitung des Stuhlkreises mit einem persönlichen Beitrag zu übernehmen. Elias zeigt der Runde seine aus dem Ägypten-Urlaub mitgebrachte Miniatur-Mumie. „Die schläft“, erklärt er stolz. Die Freunde sind beeindruckt.

So wie Elias dürfen die Kinder immer wieder ihren Betreuungsalltag mitbestimmen. Jedes Kind durfte sogar einen Wunsch zur Freizeitgestaltung äußern. Dieser wurde schriftlich festgehalten und den anderen präsentiert. Wer von der Idee angetan war, gab seine Stimme via Sticker ab. „Es gab Einfälle wie einen Besuch im Tierpark oder ein Eishockeyspiel“, erzählt Freese. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Sogar ein Besuch beim Zahnarzt und ein Shoppingausflug zu Aldi gehörten zu den Vorschlägen. Ein Kind hat sich auch eine Reise nach Thailand gewünscht, leider war das nicht machbar.“ Bereits realisiert wurden hingegen die „Pyjama-Party“ sowie der Besuch bei der Polizei.

Möglich macht dies die Teilnahme von der Stadt, Stiftungen, vielen Sponsoren und einem Förderverein unterstützenden Konzept „Fit in die Zukunft“ (FitZ). Es entdeckt und fördert die Talente der Kinder. Für Freese steht fest: „Wir haben 145 kleine Persönlichkeiten im Kindergarten.“ Ihr Anspruch ist es, mit jedem Kind Kontakt zu haben. Freese liebt ihren Beruf, das merkt man am Strahlen in ihren Augen: „Ich bekomme so viel von den Kindern zurück“, sagt sie.

Den Rucksack des Lebens packen

Mittlerweile hat sich der Morgenkreis aufgelöst, die Kinder gehen ihren eigenen Beschäftigungen nach. Ich schaue Lilly, Jelena und Maja beim Kneten zu und erinnere mich an meine eigene Kindergartenzeit. Mitspracherecht: Das gab es zu meiner Zeit noch nicht. Es hat sich viel getan, bin ich überzeugt. „Das Strahlen der Kinder ist für mich das größte Geschenk, das bekommt man in keinem anderen Beruf“, findet Freese und fügt hinzu: „Ich will so viele Dinge wie möglich in ihren Rucksack fürs Leben packen.“

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