Rosenheim – Der Brauch des Kreuzwegs entstand im 14. Jahrhundert. Inhalt und Zahl der Stationen variierten im Lauf der Geschichte. Die heute üblichen 14 Stationen gehen auf den spanischen Franziskanermönch Antonius Daza im 17. Jahrhundert zurück. Der Sinn des Kreuzweges ist es, das Leiden Christi anschaulicher zu machen. Bei den meisten Darstellungen, die sich in den Kirchen finden, ist aber eher das Gegenteil der Fall. Stark idealisiert sind darauf meistens bildschöne Menschen zu sehen, die selbst in ihrem größten Schmerz noch größte Würde und Gelassenheit ausstrahlen. Die neugotischen Kreuzweg-Darstellungen in der Pfarrkirche St. Nikolaus machen da keine Ausnahme. „Die Realität wäre in so einer Situation eine ganz andere“, so Pfarrer Andreas Maria Zach.
Darum hat die Pfarrei bereits im vergangenen Jahr Werke eines zeitgemäßen Künstlers während der gesamten Fastenzeit in der Pfarrkirche St. Nikolaus ausgestellt: Die 14 Zeichnungen des Wasserburger Künstlers Reiner Devens bildeten mit ihrem Fokus auf das menschliche Leid einen starken Kontrast zu den Bildern der Neugotik. Bei den Kirchenbesuchern kam dieser Gegensatz gut an und darum entschloss sich die Pfarrei heuer erneut dazu, einem Künstler aus der Region die Gelegenheit zu geben, seine ganz eigene Betrachtung des Kreuzweges einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Die Wahl fiel auf 14 Beton-Skulpturen der Künstlerin Monika Stein aus Oberwössen. Die 63-jährige fühlt sich seit frühester Kindheit der Kunst verbunden. Als Mutter von vier Kindern fand sie aber erst spät die Möglichkeit, sich damit auch intensiver auseinanderzusetzen. Vor zehn Jahren begann sie mit der Aquarell- und Acrylmalerei und versuchte sich etwas später dann auch an einer ersten Skulptur. Als Motiv diente ihr Christus am Kreuz. „Ich kann nicht sagen, warum. Ich bin nicht übermäßig gläubig, aber dieses Motiv hat auf mich eine unglaubliche Faszination ausgestrahlt“, erzählt sie.
Christusfiguren
neu interpretiert
Aufgewühlt von der Flüchtlingskatastrophe fasste sie vor drei Jahren den Entschluss, sich ein weiteres Mal eines christlichen Themas zu widmen. Innerhalb von zwei Jahren schuf sie die 14 Stationen des Kreuzweges. „Ich wollte eine Verbindung zur heutigen Zeit herstellen“, erklärt sie dazu. Waffenlieferungen und der Klimawandel hätten Tod und Hungersnöte gebracht und seien damit menschengemachte Mit-Ursachen der Flucht. Aus ihrer Sicht ist diese Situation das gegenwärtige Kreuz der Welt, dass es zu tragen gelte.
Darum hat sie eine ihrer Christusfiguren beispielsweise mit einem Auspuffrohr ausgestattet. Dieses ungewöhnliche „Accessoire“ steht für die zunehmende Luftverschmutzung. Bei einer anderen Skulptur fällt der Blick des Betrachters sofort auf eine Gartenschere – Sinnbild für die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.
Der Transport der Skulpturen hinein in die Pfarrkirche stellte für alle Beteiligten auch eine Art „Kreuzweg“ dar. Jede Figur wiegt rund 80 Kilo und ist sehr zerbrechlich. Von Bürgermeister Anton Heindl, der die Skulpturen höchstpersönlich mit einem Lastwagen abholte, war schon einmal gutes Fahrgefühl gefordert, um die künstlerische Fracht überhaupt unbeschadet bei der Kirche abzuliefern. Abladen und Aufstellen gestalteten sich dann für Monika Stein, Pfarrer Andreas Maria Zach und einige andere Helfer als enorm fordernd und schweißtreibend. Schäden ließen sich dabei nicht ganz vermeiden. Vorsorglich hatte die Künstlerin aber Zement zum Kitten dabei.
Gegensatz zu den neugotischen Stationen
Aufgestellt wurden die einzelnen Kreuzweg-Stationen von Monika Stein exakt gegenüber den neugotischen Kreuzwegstationen an den Wänden. „Damit wird ein direkter Kontrast geschaffen“, erklärte Pfarrer Andreas Maria Zach dazu.
Schon während des Aufstellens zogen die Skulpturen die Aufmerksamkeit von einer ganzen Reihe von Kirchenbesuchern auf sich, sehr zur Freude der Künstlerin: „Es ist ein erhabenes Gefühl, in einer Kirche ausstellen zu dürfen“.
Die Pfarrkirche St. Nikolaus wird nicht die einzige Kirche bleiben. Der Kreuzweg aus Beton soll in den kommenden Jahren auch in der Benediktinerabtei Maria Laach und im Trierer Dom ausgestellt werden.